Das Poesietelefon in den 1980er-Jahren

In den 1970er- und 1980er-Jahren bot die Deutsche Bundespost zahlreiche telefonische Ansagedienste an. Über bestimmte Rufnummern konnte man die Uhrzeit, den Wetterbericht, das Kinoprogramm, Nachrichten, Fahrplanauskünfte oder Kochrezepte abrufen. Eine besondere Variante war das Literatur- bzw. Poesietelefon. Die Idee geht auf das amerikanische Projekt „Dial-A-Poem“ von John Giorno aus dem Jahre 1968 zurück. Der Dichter, Künstler und Aktivist hatte es nach einem Telefongespräch mit William S. Burroughs ins Leben gerufen. 1978 gründete der Schriftsteller Michael Augustin in Kiel das erste deutsche Literaturtelefon, das später in die Ansagedienste der Bundespost aufgenommen wurde. Weitere Städte folgten, darunter Hamburg, München, Berlin und Ulm. Vom 15. bis zum 21. Juli 1985 war der damals 17-jährige Oliver Bendel mit eigenen Gedichten im Poesietelefon des Fernmeldeamts Ulm vertreten. Sein Beitrag trug den Titel „Wortspielereien“. Er hatte die Werke selbst in einem professionellen Tonstudio in Ulm eingesprochen. Der Beitrag ist bibliografisch dokumentiert (KÜRSCHNERS DEUTSCHER LITERATUR-KALENDER 2012/2013). Ob die Tonaufnahmen noch existieren, ist nicht bekannt. Das Poesietelefon kann als früher Vorläufer heutiger Podcasts und anderer Audioangebote auf Abruf betrachtet werden.

Abb.: Ein Plakat zu den Ansagediensten (Foto: Museumsstiftung Post und Telekommunikation)