Im Jahre 1995 veröffentlichten Michael Wooldridge und Nicholas R. Jennings in der Zeitschrift The Knowledge Engineering Review ihren grundlegenden Aufsatz „Intelligent Agents: Theory and Practice“ … Darin beschäftigten sie sich mit den Eigenschaften intelligenter Softwareagenten, insbesondere mit Autonomie, Reaktivität, Proaktivität und sozialer Kompetenz, die sich in der Interaktion mit anderen Agenten oder Menschen zeigt. Ende der 1990er-Jahre war die Agententechnologie ein viel diskutiertes Forschungs- und Anwendungsgebiet. Davon zeugen auch zwei Bücher der Bibliothek von Oliver Bendel, nämlich „Agententechnologie: Die Einführung“ von Richard Murch und Tony Johnson, das sich vor allem mit intelligenten Softwareagenten zur Informationssuche im Internet befasst, und „Intelligente Software-Agenten“ von A. K. Caglayan und C. G. Harrison, das die Grundlagen, die Technik und die praktische Anwendung im Unternehmen behandelt. Ebenfalls zur Hand war der Band „Intelligente Softwareagenten: Grundlagen und Anwendungen“ von Walter Brenner, Rüdiger Zarnekow und Hartmut Wittig aus dem Jahre 1997. Ausgehend von Fallbeispielen entwickelten die Autoren eine methodische Darstellung intelligenter Softwareagenten. Einen umfassenden wissenschaftlichen Überblick bot schließlich der 1999 von Gerhard Weiss herausgegebene Sammelband „Multiagent Systems: A Modern Approach to Distributed Artificial Intelligence“. Er widmete sich u.a. Agentenarchitekturen sowie Kooperation, Koordination und Kommunikation in Multiagentensystemen. Wer sich heute KI-Agenten zuwendet, begegnet somit zahlreichen Fragestellungen, die bereits vor rund drei Jahrzehnten intensiv untersucht wurden. Neu sind vor allem die technologischen Möglichkeiten, die sich durch große Sprachmodelle (Large Language Models, LLMs) ergeben haben, nicht aber die grundlegende Idee autonom und zielorientiert agierender intelligenter Softwareagenten. Oliver Bendel hatte um die Jahrtausendwende über pädagogische Agenten promoviert. Unter ihnen waren sowohl Chatbots mit Avataren als auch KI-Agenten im engeren Sinne. Ein paar verfügten zudem über Hardware- und Softwareerweiterungen wie Kameras mit Gesichts- und Emotionserkennung und bildeten eine Brücke zu sozialen Robotern. Der Zweitbetreuer der Doktorarbeit war Walter Brenner gewesen.
Abb.: Zwei Bücher aus der Bibliothek von Oliver Bendel
Am 29. September 2026 hat OpenAI die Dots (Punkte) vorgestellt, die jederzeit aktiven KI-Agenten auf Basis von GPT-6 Astra, die über einen eigenen Cloud-Computer verfügen, aus Feedback lernen und selbstständig an längerfristigen Aufgaben und Zielen arbeiten können. Sie lassen sich mit mehr als 4000 Apps verbinden, sind unter anderem über ChatGPT, Slack und Teams erreichbar und können u.a. Software entwickeln, Analysen aktualisieren oder Arbeitsabläufe übernehmen. Die bunten Figuren, die OpenAI in der Präsentation etwa als Iggy, Felipe, Todd, Alfred und Jojo zeigt, sind personifizierte visuelle Repräsentationen der Agenten, keine physischen KI-Wesen wie Muse Charm. OpenAI gibt den Agenten damit bewusst eine individuelle Identität. Der Benutzer behält über Berechtigungen, Freigaben und Aktivitätskontrollen die Kontrolle. Die Einführung erfolgt zunächst schrittweise für Pro, Business Premium und Enterprise. Weitere Informationen sind über openai.com/de-DE/index/introducing-dots/ verfügbar.
Artificial Life wurde 1994 von Eberhard Schöneburg gegründet, zunächst unter dem Namen Neurotec International Corp. (bereits im Jahr davor war in Deutschland die Neurotec Group bzw. Neurotec GmbH entstanden). 1997 wurde das Unternehmen in Artificial Life umbenannt. Es spezialisierte sich auf Anwendungen der künstlichen Intelligenz, virtuelle Charaktere und mobile Technologien. Zunächst hatte das Unternehmen seinen Sitz in den USA, später verlagerte es den Schwerpunkt nach Hongkong und eröffnete weitere Niederlassungen, etwa in Frankfurt, Berlin und Zürich. Artificial Life entwickelte KI-Agenten, Chatbots und Avatare sowie Software für mobile Endgeräte und positionierte sich früh als Anbieter von Inhalten und Technologien für die damals entstehenden 3G-Mobilfunknetze. Mit der CD-ROM Einstein Alife erschien 1999 eine Lernumgebung, in der ein virtueller Albert Einstein Wissen über Leben und Werk des Physikers aus Ulm vermittelte. Anfang der 2000er-Jahre lancierte Artificial Life außerdem mobile Anwendungen wie die virtuelle Freundin (Virtual Girlfriend). Man konnte sich um sie kümmern wie um das Tamagotchi, das ein paar Jahre vorher auf den Markt gekommen war, und ihr Geschenke machen, natürlich kostspielige. Zum Logo der Firma gehörte eine bunte Grafik, die an 3D-Codes erinnerte, die damals allerdings keine Rolle spielten. Immer wieder wurde die Website neu gestaltet. 2003, vor der Einführung der virtuellen Freundin und anderer Plattformen und Produkte, war sie gelb. Eine verpixelte Figur hielt das grafische Element wie einen Zauberwürfel. Das Unternehmen verlor ab 2011 seine Bedeutung und verschwand schließlich vom Markt. Die Zeit war noch nicht reif für seine Ideen gewesen.
Abb.: Die Website von Artificial Life im Jahre 2003
Prof. Dr. Oliver Bendel war mit dem NDR im Gespräch über OpenClaw und Moltbook. OpenClaw ist im Kern eine Hülle für einen KI-Agenten. In Kombination mit einem großen Sprachmodell, einem LLM, entsteht daraus ein System, das Texte erzeugt, Entscheidungen trifft und auf Eingaben reagiert. Moltbook ist eine Plattform, auf der viele solcher Agenten gleichzeitig laufen und miteinander interagieren. Man spricht auch von einem sozialen Netzwerk für Agenten. Das wirkt spektakulär. Tatsächlich arbeiten die Agenten meist ereignis- oder zeitgesteuert: In regelmäßigen Abständen prüfen sie, ob es neue Inhalte gibt, auf die sie reagieren sollen. Und das soziale Netzwerk gibt ihnen über die Feeds etwas zu tun. Das LLM erzeugt daraufhin plausible Texte. Der Eindruck eines lebendigen Austauschs entsteht – aber es bleibt eine Simulation von Kommunikation, keine eigenständige soziale Realität. KI-Agenten haben kein Bewusstsein – im Gegensatz zu Tieren und Menschen – und werden nie eines haben. Die Fernsehsendung wird bei NDR Kultur – Das Journal am 23. Februar 2026 ausgestrahlt. Sie ist auch online über www.ndr.de verfügbar.
Abb.: Das Studio in Flensburg (Foto: Soenke Rahn, Wikimedia, CC BY-SA 3.0)
Airen, der bekannte Blogger, Schriftsteller und Journalist, war im Gespräch mit Prof. Dr. Oliver Bendel. Es ging um Agenten, mit denen sich der Technikphilosoph aus Zürich seit 30 Jahren beschäftigt. In den 1990ern sprach man von Softwareagenten, autonomen Agenten oder intelligenten Agenten. Sie alle waren KI-Agenten – ein Begriff, der heute dominiert, wobei mit „KI“ meist „generative KI“ gemeint ist. In dem Gespräch, gehalten mit Hilfe einer Videokonferenz, die Mexiko und die Schweiz verband, ging es vor allem um OpenClaw, eine Open-Source-Software, die zusammen mit Claude oder einem anderen Large Language Model (LLM) zu einem mächtigen Agenten wird, zudem um das soziale Netzwerk Moltbook, das für Agenten gedacht ist und auf dem sich Agenten und Menschen tummeln. Oliver Bendel erörterte auch die Möglichkeit, dass Agenten den virtuellen Raum der Notebooks und Webserver verlassen und auf Geräte und Roboter zugreifen oder überspringen. Damit könnten sie unmittelbaren Einfluss auf die Wirklichkeit ausüben. Mehrmals wies er darauf hin, dass bei OpenClaw und auf dem Moltbook keine Formen von Bewusstsein zu entdecken sind. Es sind LLMs, die etwas nach Prinzipien der Stochastik generieren und von Einstellungen des sozialen Netzwerks getriggert werden. Erwachende Maschinen sind und bleiben Science-Fiction. Das Interview ist am 7. Februar 2026 in der Welt erschienen.
Abb.: Oliver Bendel glaubt nicht an erwachende Maschinen (Foto: Jork Weismann)