Wenn die Moral die Kunst verhüllt

Die Forderung der Alternativen Linken (der vormaligen Alternativen Liste), die 130 Jahre alten Holzfiguren im Zürcher Schulhaus Hirschengraben zu verhüllen, weil diese rassistisch seien, zeigt eine ikonoklastische Tendenz. Was heutigen moralischen Vorstellungen nicht entspricht, soll dem Blick entzogen werden. Dabei handelt es sich um kunstvoll geschnitzte, farbig gefasste Figuren, die von handwerklichem Können und künstlerischem Willen zeugen und als Teil der historischen Architektur von Zürich ein wertvolles Kulturgut darstellen. Eine von der Stadt in Auftrag gegebene Studie kam zudem zum Schluss, dass die verschiedenen Völker gleichwertig dargestellt werden und die Figuren nicht rassistisch seien. Die germanischen Köpfe sind nicht weniger pointiert als die indischen oder afrikanischen. Doch selbst wenn man heute ihre Bildsprache kritisch beurteilen mag, rechtfertigt dies nicht ihre Verhüllung. Solche Kunstwerke sind Zeugnisse ihrer Entstehungszeit und keine moralischen Bekenntnisse unserer Gegenwart. Eine aufgeklärte Gesellschaft sollte sie nicht verhüllen, sondern betrachten, verstehen und einordnen können. Gerade eine Schule sollte das Hinsehen lehren, nicht das Wegsehen. Die Möchtegernbilderstürmer der AL sind, selbst wenn der Zeitgeist ihnen recht zu geben scheint, aus der Zeit gefallen.

Abb.: Das Schulhaus Hirschengraben (Foto: Roland zh/Wikimedia, CC BY-SA 3.0)

Drei Jahre mit Bao

Vor drei Jahren kam ein Unitree Go2, direkt beim chinesischen Anbieter bestellt, ins Zuhause von Oliver Bendel. Der robotische Vierbeiner hatte einen Defekt und war nicht zum Laufen zu bringen. Er stand da, ließ sein Lidar-System sinnlos rotieren und leuchtete rot. Einen Monat lang kontaktierte der Technikphilosoph die Support-Abteilung von Unitree. Er hörte belustigte chinesische Mitarbeiter und wenig hilfreiche Tipps. Und stellte sich so lange stur, bis das Unternehmen endlich einknickte. Ein neuer Unitree Go2 wurde ohne Mehrkosten in die Schweiz geschickt, vollständig ausgestattet bis auf den Akku, der ja funktionierte. Der Roboter funktionierte auch, leuchtete grün und wurde Bao genannt, chinesisch für „Schatz“ oder „Liebling“. Das 3D-Modell der Umgebung erschien endlich auf dem Display des Smartphones und zeigte das Mobiliar der Wohnung in Zürich und den neuen Besitzer selbst. Ein Student von Oliver Bendel, der vom Fach war, versuchte gut zwei Jahre später, den ersten Unitree Go2 zu reparieren, aber ohne Erfolg. Er hatte ebenfalls mit der Support-Abteilung zu tun. Die stellte sich irgendwann tot, und so blieb es der Roboter auch. Bao ist auch nach drei Jahren ein beeindruckender, hochwertiger Roboter. Trotz einiger Stürze ist er weitgehend unbeschädigt, wobei inzwischen selbst nach dem Kalibrieren eine gewisse Wackeligkeit bleibt. Softwareupdates haben zu neuen Möglichkeiten und zu einer einfacheren Bedienung geführt. Heute kann man solche Roboter auch über Mittler und Plattformen bestellen und u.U. bestimmte Services dazubuchen. Europa braucht eine Infrastruktur, in der vorhandene Roboter betrieben, gewartet und entsorgt werden können. Diese entsteht allmählich, aber nicht schnell genug.

Abb.: Bao am Campus Brugg-Windisch (Foto: Selina Rohr)

Ein flüchtiger Lieferroboter

Am 26. Oktober 2026 missachtete in Tallinn ein Lieferroboter von Starship Technologies eine rote Ampel, kollidierte mit einem Linienbus und fuhr anschließend einfach weiter. Dies berichtete der estnische öffentlich-rechtliche Rundfunk ERR unter Berufung auf die Verkehrsbetriebe TLT. Der Busfahrer versuchte durch eine Vollbremsung den Zusammenstoß zu verhindern, was allerdings nicht gelang, wie ein Video eindrücklich zeigt. Dabei wurden bis zu neun Personen verletzt. TLT-Vorstand Andrei Novikov erklärte gegenüber ERR, die Polizei müsse die Umstände untersuchen. Starship-Technologies-Vertreter Pepe Aaviksoo bestätigte laut der Deutschen Presse-Agentur, dass das Unternehmen die Polizei kontaktiert und eine interne Untersuchung eingeleitet habe. Nach seinen Angaben haben Starship-Technologies-Roboter in sieben Ländern bereits elf Millionen autonome Lieferungen durchgeführt, insgesamt 24 Millionen Kilometer zurückgelegt und die betreffende Kreuzung mehr als 4000 Mal erfolgreich passiert. In einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber dem britischen Parlament aus dem Jahre 2022 erläuterte das Unternehmen, seine Roboter seien zu 99 Prozent autonom und könnten innerhalb festgelegter Einsatzgebiete selbständig navigieren. Allerdings stehe bei Schwierigkeiten menschliche Fernunterstützung zur Verfügung. Entscheidend ist vor diesem Hintergrund, was beim Unfall in Tallinn tatsächlich geschah: Erkannte der Lieferroboter die rote Ampel nicht? Weshalb verhinderte seine Software die gefährliche Straßenüberquerung nicht? Registrierte das System den Zusammenstoß? Wurde ein Mitarbeiter in der Fernüberwachungszentrale alarmiert? Weshalb fuhr der Roboter danach weiter? Diese Fragen sind bislang nicht geklärt. Oliver Bendel verfolgt den Einsatz von Transport- und Lieferrobotern seit vielen Jahren – den von Starship Technologies hat er 2016 bei Bern getroffen – und rät von einem Einsatz in Ballungsgebieten ab.

Abb.: Ein Lieferroboter von Starship Technologies bei Bern

Das Moralmenü als Vorbild für Siri?

Apple hat im Sommer 2026 eine Funktion für Siri vorgestellt, mit der Benutzer über Schieberegler die Sprechgeschwindigkeit und die Ausdrucksstärke der Stimme einstellen können. Damit lässt sich zumindest in gewissem Umfang beeinflussen, wie menschlich der Sprachassistent klingt. Diese Entwicklung erinnert an Arbeiten, die seit 2018 von Prof. Dr. Oliver Bendel und seinen Studenten im Rahmen des Moralmenüs (MOME) durchgeführt werden. Dieses ermöglicht es, ethisch relevante Eigenschaften und Verhaltensweisen von physischen Robotern und virtuellen Assistenten – etwa Chatbots und Sprachassistenten – individuell zu konfigurieren. Bekannt wurde der maschinenethische Ansatz insbesondere durch eine Designstudie von 2018 für den Saugroboter LADYBIRD (Designstudie 2014, Prototyp 2017) und einen Prototyp von 2022 für den Pflegeroboter Lio von F&P Robotics. Ebenfalls 2018 entstand eine Designstudie für ein MOME für virtuelle Assistenten wie Google Duplex, bei dem sich über einen Schieberegler festlegen ließ, ob der Assistent mit einer menschenähnlichen oder einer maschinenhaften Stimme sprechen sollte. Auch für den Chatbot MOBO wurde ein Moralmenü umgesetzt. Einzelne Wahlmöglichkeiten gehen auf frühere Projekte wie GOODBOT aus dem Jahr 2013 zurück, der im Gespräch immer wieder darauf hinwies, dass er lediglich eine Maschine ist. Die Ergebnisse dieser Arbeiten wurden unter anderem auf den Konferenzen Robophilosophy und ICSR sowie in wissenschaftlichen Artikeln und Büchern zur Maschinenethik vorgestellt. Bereits 2012 hatte Oliver Bendel in seinem Beitrag „Siri ist hier.“ auf mediensprache.net den Sprachassistenten von Apple aus linguistischer und ethischer Sicht untersucht. Dabei thematisierte er unter Bezugnahme auf Joseph Weizenbaum und ELIZA die Anthropomorphisierung von Computersystemen und die Möglichkeit emotionaler Beziehungen zwischen Mensch und Maschine. Zudem ordnete er Siri ausdrücklich als Gegenstand der Maschinenethik ein. Die späteren Arbeiten am Moralmenü knüpfen an solche Fragestellungen an und erweitern sie um konkrete Gestaltungsmöglichkeiten. Während Apple mit seiner neuen Funktion vor allem die Anpassung der Sprachausgabe an individuelle Vorlieben ermöglicht, verfolgt das Moralmenü einen umfassenderen Ansatz: Benutzer sollen selbst darüber entscheiden können, wie sich künstliche Systeme ihnen oder anderen gegenüber verhalten und in welchem Maße sie menschliche Eigenschaften nachahmen. Dies ist nicht zuletzt mit Blick auf die Anthropomorphisierung von KI-Systemen von Bedeutung. Eine bewusst maschinenhafte Stimme oder eine wiederkehrende Klarstellung des künstlichen Charakters kann dazu beitragen, die Illusion von Empfindungsfähigkeit und Bewusstsein zu reduzieren. Die neue Siri-Funktion zeigt, dass Gestaltungsmöglichkeiten, die im Rahmen der Maschinenethik seit Jahren untersucht werden, inzwischen auch bei kommerziellen Sprachassistenten an Bedeutung gewinnen.

Abb.: Das MOME für virtuelle Assistenten

„Who Queered the Sex Robot?“ Now Available Open Access

The article „Who Queered the Sex Robot? Notes on Attribution and Conceptual History“ by Oliver Bendel, published in Philosophy & Technology on June 10, 2026, is now available as open access and can be read and downloaded free of charge. An article titled „Queering Sex Robots Beyond Diversifying Design? Insights from Queer Lacanian Psychoanalysis and New Materialism“ by Maaike van der Horst and Anna Puzio was published in the journal Philosophy & Technology in March 2026. Surprisingly, it does not reference several works that are highly relevant to the topic, including publications by Tanja Kubes and Oliver Bendel. As a result, some of the article’s claims to originality appear less convincing than they might otherwise have been. Following an exchange with one of the journal’s editors, Luciano Floridi, Oliver Bendel therefore submitted a commentary, which was published in Philosophy & Technology on June 10, 2026. From the abstract: „This commentary discusses Maaike van der Horst and Anna Puzio’s article ‚Queering Sex Robots Beyond Diversifying Design? Insights from Queer Lacanian Psychoanalysis and New Materialism‘. While acknowledging the article’s valuable contribution, particularly its integration of Queer Lacanian Psychoanalysis and New Materialism, the commentary argues that its account of prior scholarship is incomplete. Several key themes and proposals presented as novel – including critiques of humanoid mimicry, new-materialist approaches to sexuality and technology, queer design concepts, relational ontology, and transformative sex robot forms – had already been developed in earlier work by Tanja Kubes and Oliver Bendel. The omission of these contributions affects assessments of originality, the reconstruction of the field’s intellectual development, and the allocation of scholarly credit. The commentary therefore calls for a more comprehensive scholarly genealogy of queer and new-materialist approaches to sex robots and argues that careful citation practices are essential to maintaining the integrity of academic discourse.“ The article „Who Queered the Sex Robot? Notes on Attribution and Conceptual History“ can be accessed at link.springer.com/article/10.1007/s13347-026-01123-3.

Fig.: Kokeshi (Image: Cybrothel)

Die Agenten der 1990er-Jahre

Im Jahre 1995 veröffentlichten Michael Wooldridge und Nicholas R. Jennings in der Zeitschrift The Knowledge Engineering Review ihren grundlegenden Aufsatz „Intelligent Agents: Theory and Practice“ … Darin beschäftigten sie sich mit den Eigenschaften intelligenter Softwareagenten, insbesondere mit Autonomie, Reaktivität, Proaktivität und sozialer Kompetenz, die sich in der Interaktion mit anderen Agenten oder Menschen zeigt. Ende der 1990er-Jahre war die Agententechnologie ein viel diskutiertes Forschungs- und Anwendungsgebiet. Davon zeugen auch zwei Bücher der Bibliothek von Oliver Bendel, nämlich „Agententechnologie: Die Einführung“ von Richard Murch und Tony Johnson, das sich vor allem mit intelligenten Softwareagenten zur Informationssuche im Internet befasst, und „Intelligente Software-Agenten“ von A. K. Caglayan und C. G. Harrison, das die Grundlagen, die Technik und die praktische Anwendung im Unternehmen behandelt. Ebenfalls zur Hand war der Band „Intelligente Softwareagenten: Grundlagen und Anwendungen“ von Walter Brenner, Rüdiger Zarnekow und Hartmut Wittig aus dem Jahre 1997. Ausgehend von Fallbeispielen entwickelten die Autoren eine methodische Darstellung intelligenter Softwareagenten. Einen umfassenden wissenschaftlichen Überblick bot schließlich der 1999 von Gerhard Weiss herausgegebene Sammelband „Multiagent Systems: A Modern Approach to Distributed Artificial Intelligence“. Er widmete sich u.a. Agentenarchitekturen sowie Kooperation, Koordination und Kommunikation in Multiagentensystemen. Wer sich heute KI-Agenten zuwendet, begegnet somit zahlreichen Fragestellungen, die bereits vor rund drei Jahrzehnten intensiv untersucht wurden. Neu sind vor allem die technologischen Möglichkeiten, die sich durch große Sprachmodelle (Large Language Models, LLMs) ergeben haben, nicht aber die grundlegende Idee autonom und zielorientiert agierender intelligenter Softwareagenten. Oliver Bendel hatte um die Jahrtausendwende über pädagogische Agenten promoviert. Unter ihnen waren sowohl Chatbots mit Avataren als auch KI-Agenten im engeren Sinne. Ein paar verfügten zudem über Hardware- und Softwareerweiterungen wie Kameras mit Gesichts- und Emotionserkennung und bildeten eine Brücke zu sozialen Robotern. Der Zweitbetreuer der Doktorarbeit war Walter Brenner gewesen.

Abb.: Zwei Bücher aus der Bibliothek von Oliver Bendel

Eine Simulation des Journalismus

Das Schweizer Onlinemagazin Republik mit Sitz in Zürich sieht sich gerne als moralische Instanz. Es belehrt Unternehmen und Institutionen über den richtigen Umgang mit Daten, über Verantwortung und Transparenz. Nun räumte es am 15. Oktober 2026 in einem Artikel ein, dass Unbekannte über zwei Monate hinweg Zugriff auf eine Kopie seiner Datenbank hatten. Betroffen sind sämtliche aktiven und ehemaligen Benutzer, darunter Newsletter-Abonnenten. Abgeflossen sind Namen, E-Mail-Adressen und weitere persönliche Angaben. Auch die Zuordnung anonymer Kommentare zu ihren Verfassern war möglich. Im schlimmsten Fall könnten rund 2300 Personen identifiziert werden. Besonders brisant ist, dass die Sicherheitslücke seit dem 6. August bekannt war und ein Update bereitstand. Die Republik hatte es jedoch versäumt, die Sicherheitswarnungen des Herstellers zu abonnieren und automatische Prüfungen einzurichten. Der Angriff wurde erst am 14. Oktober bemerkt. Das Medium, das anderen regelmäßig erklärt, wie sie mit sensiblen Informationen umzugehen haben, hatte die eigenen Systeme nicht im Griff. Bemerkenswert ist auch die Sprache, in der die Republik über den Fall berichtet. Bereits im Vorspann heißt es: „Es sind Nutzerinnendaten, aber keine Kreditkarteninformationen abgeflossen.“ Das ist irreführend, denn selbstverständlich sind auch Daten männlicher Benutzer abgeflossen. Das vermeintliche generische Femininum, das in dieser Form gar nicht existiert, produziert hier eine Falschinformation. Im Artikel selbst ist von den „Angaben aller unserer Nutzerinnen“ die Rede, zu denen die „aktiven Verleger“ gezählt werden. Der Widerspruch könnte kaum deutlicher sein. Schon in einem früheren Beitrag wurde auf solche Falschnachrichten und -informationen durch Gendersprache hingewiesen und dabei die Republik als Beispiel angeführt. Vier Jahre später hat sich offenbar wenig geändert. Die moralische Haltung wird bis in Orthografie und Grammatik hinein demonstriert, während die journalistische Kompetenz auf der Strecke bleibt. Dabei wäre gerade bei einer Mitteilung über ein schwerwiegendes Datenleck sprachliche Genauigkeit geboten. Die Schweiz bräuchte dringend seriöse linke Stimmen – doch eine Simulation des Journalismus gefährdet nicht nur die Glaubwürdigkeit der Medien, sondern auch die Standfestigkeit der Demokratie.

Abb.: Dunkle Wolken über Zürich

Regionalpolizei setzt Drohne bei Verfolgung ein

Wie der Tages-Anzeiger am 15. Oktober 2026 berichtete, hat die Regionalpolizei Wettingen-Limmattal bei einer Kontrolle in Spreitenbach AG erstmals eine Drohne zur Verfolgung eines flüchtenden E-Trottinett-Fahrers eingesetzt. Ein noch nicht 14-jähriger Jugendlicher versuchte am 29. September, einer Polizeikontrolle zu entkommen. Eine Drohne der Zivilschutzorganisation Wettingen-Limmattal flog ihm rund drei Minuten lang bis zu einem Wohnhaus nach, wo ihn die Polizei anschließend ausfindig machen konnte. Die mit Zoomkameras, Wärmebildtechnik und Liveübertragung ausgestatteten Drohnen sollen gefährliche Verfolgungsfahrten mit Polizeiautos durch Wohnquartiere vermeiden. Bei der Kontrollaktion wurden insgesamt vier Fahrzeuge beschlagnahmt, darunter ein manipuliertes E-Trottinett, das eine Geschwindigkeit von 74 km/h erreichte. Dass der Vorfall keine Weltneuheit ist, zeigt ein Blick ins englische Middlesbrough. Dort verfolgte im März 2026 eine Polizeidrohne einen flüchtenden 16-jährigen Motorradfahrer, der nach dem Abstellen seines Fahrzeugs in einem Garten festgenommen wurde.

Abb.: Der Rangierbahnhof bei Spreitenbach (Foto: Patrick Federi)

Behütet von Maschinen voller liebevoller Gnade

Im Jahre 1967 veröffentlichte Richard Brautigan sein Gedicht „All Watched Over by Machines of Loving Grace“. Darin entwirft der amerikanische Schriftsteller die Vision einer Welt, in der Tiere, Menschen und Maschinen in Harmonie zusammenleben. Er beschreibt kybernetische Wiesen und Wälder, in denen sich Säugetiere und Computer begegnen und Hirsche friedlich an Maschinen vorbeiziehen: „I like to think (and / the sooner the better!) / of a cybernetic meadow / where mammals and computers / live together in mutually / programming harmony / like pure water / touching clear sky. // I like to think / (right now, please!) / of a cybernetic forest / filled with pines and electronics / where deer stroll peacefully / past computers / as if they were flowers / with spinning blossoms. // I like to think / (it has to be!) / of a cybernetic ecology / where we are free of our labors / and joined back to nature, / returned to our mammal / brothers and sisters, / and all watched over / by machines of loving grace.“ Mehr als fünfzig Jahre später beschäftigt sich der wissenschaftliche Artikel „Passive, Active, and Proactive Systems and Machines for the Protection and Preservation of Animals and Animal Species“ (2022) von Oliver Bendel aus Zürich mit einer ähnlichen Vision: Maschinen und autonome Roboter könnten künftig Tiere und ganze Tierarten schützen, Gefahren erkennen und selbständig eingreifen. Während Brautigan seine kybernetische Ökologie als poetische Utopie entwirft, vielleicht mit ironischer Absicht, untersucht der Artikel die technischen und ethischen Voraussetzungen einer solchen Welt. Dabei steht weniger die Befreiung des Menschen von der Arbeit im Vordergrund, wie bei dem amerikanischen Schriftsteller, sondern der Schutz der Tiere vor menschlichen Eingriffen. Was in den 1960er-Jahren noch wie eine fantastische Vorstellung erschien, ist heute als faszinierende Möglichkeit in die Nähe gerückt.

Abb.: Ein Buch von Richard Brautigan (Foto: Make It Old/CC BY-NC-SA 2.0)

Humanoide Roboter: Wie sich ein Begriff verändert hat

Ein Rückblick auf die VDI-Zukunftskonferenz „Humanoide Roboter 2016“ zeigt, wie sich das Verständnis humanoider Robotik innerhalb von zehn Jahren verändert hat. Die Veranstaltung fand am 13. und 14. Dezember 2016 in Aschheim bei München statt. Konferenzleiter war Prof. Dr. Frank Kirchner vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). Im Mittelpunkt standen Maschinen, die dem Menschen in ihrem Aussehen, ihrem Aufbau oder ihrem Verhalten nachempfunden sind. Das Programm belegt dieses breite Verständnis eindrücklich. Behandelt wurden u.a. dynamisches zweibeiniges Laufen nach menschlichem Vorbild, Taktilsensorik für anthropomorphe Roboterhände, emotionsbasierte Mensch-Roboter-Interaktion und der anthropomorphe Roboterkopf Flobi. Auch der hominide Roboter Charlie, der sich an der Morphologie von Schimpansen orientierte, wurde vorgestellt. Weitere Beiträge beschäftigten sich mit humanoiden Robotern als Trainern für industrielle Montageprozesse und als Avataren für Rettungskräfte. Mit seinem Vortrag „Der LÜGENBOT als Umsetzung einer Münchhausen-Maschine“ brachte Prof. Dr. Oliver Bendel zudem die Maschinenethik ins Spiel, angewandt auf Chatbots. Insgesamt verdeutlicht das Programm, dass humanoide Robotik damals nicht auf bestimmte Einsatzgebiete oder universelle Fähigkeiten reduziert wurde. Entscheidend war vielmehr die Orientierung am Menschen, an seiner Gestalt, seiner Bewegung, seiner Wahrnehmung und seiner Interaktion. Heute wird der Begriff des humanoiden Roboters häufig im Zusammenhang mit Allzweckrobotern (General-Purpose Robots) verwendet, die möglichst viele unterschiedliche Aufgaben übernehmen sollen, vor allem in Industrie, Logistik und Haushalt. Damit verschiebt und verengt sich die Bedeutung: Die menschenähnliche Gestalt wird zunehmend als Mittel zur universellen Einsetzbarkeit verstanden, während die Nachbildung menschlichen Verhaltens und menschlicher Ausdrucksformen in den Hintergrund tritt. Der Rückblick auf die VDI-Zukunftskonferenz von 2016 erinnert daran, dass humanoide Robotik ein wesentlich breiteres Forschungs- und Entwicklungsfeld ist, als es die gegenwärtige Diskussion um Allzweckroboter vermuten lässt.

Abb.: Oliver Bendel mit Euclid (Foto: Nihan Karataş)

16-Jährige in Köln mithilfe eines Roboters sexuell belästigt

In Köln soll eine 16-Jährige mithilfe eines humanoiden Roboters sexuell belästigt worden sein. Wie die Polizei Köln am 12. Oktober 2026 in einer Pressemitteilung schrieb, näherte sich das etwa 1,20 Meter große, rot-goldene Gerät der Jugendlichen in der Nacht zum Sonntag vor einem Schnellrestaurant von hinten, berührte ihr Gesäß und führte Stoßbewegungen aus. Der 16-jährige Besitzer des Roboters aus Wegberg und sein 19-jähriger Begleiter sollen das Geschehen gefilmt, live in sozialen Medien gestreamt und kommentiert haben. Alarmierte Polizeibeamte trafen die Beteiligten wenig später an und entdeckten den inzwischen verstauten Roboter im Kofferraum eines VW. Sie beschlagnahmten das Gerät sowie zwei Mobiltelefone. Bei dem Roboter könnte es sich um einen Unitree R1 des chinesischen Herstellers Unitree Robotics handeln. Das rund 1,23 Meter große Modell kann ferngesteuert und für bestimmte Bewegungsabläufe programmiert werden. Eine Bestätigung der Modellidentität liegt bislang nicht vor. Die Kriminalpolizei ermittelt wegen des Verdachts der Beleidigung auf sexueller Grundlage. Insbesondere soll geklärt werden, ob die Bewegungen des Roboters zum Tatzeitpunkt gezielt gesteuert wurden.

Abb.: Ein Polizist in NRW

Universität Bern empfiehlt ethisch und rechtlich bedenkliche Zitierpraxis

Auch nach fast zehn Jahren hat die Universität Bern ihre fragwürdigen „Empfehlungen“ für eine „Geschlechtergerechte Sprache“ (so der Titel des Dokuments) nicht zurückgezogen. Das Redaktionsteam bildeten Prof. Dr. Martin Reisigl, Ursina Anderegg, Lilian Fankhauser und Kathrin Beeler. Auf Seite 43 wird unter der Überschrift „Korrektes Zitieren“ dazu geraten, das generische Maskulinum in wissenschaftlichen Zitaten mit „[sic!]“ zu kennzeichnen. Dieses Zeichen dient üblicherweise dazu, auf Fehler oder Auffälligkeiten im Original hinzuweisen. Damit wird eine wissenschaftliche Konvention für sprachpolitische Zwecke missbraucht und der irreführende Eindruck erweckt, der zitierte Wissenschaftler habe einen Fehler begangen. Eine solche Praxis ist wissenschaftsethisch höchst bedenklich und widerspricht grundlegenden Prinzipien wissenschaftlicher Redlichkeit, insbesondere der Pflicht, fremde Aussagen sachgerecht und ohne irreführende Zusätze wiederzugeben. Sie wirft zudem Fragen hinsichtlich der Wissenschaftsfreiheit (Art. 20 BV) auf, insbesondere wenn die Empfehlung bei der Beurteilung wissenschaftlicher Arbeiten zum Maßstab erhoben wird. Auch persönlichkeitsrechtlich ist sie bedenklich: Die Herabsetzung des wissenschaftlichen Ansehens kann unter Umständen eine Verletzung von Art. 28 ZGB darstellen. Die Universität Bern setzt damit ausgerechnet ihre eigenen Wissenschaftler einem rechtlichen Risiko aus, wenn diese ihrer Empfehlung folgen. Wie viele Geschädigte es aufgrund der Anwendung dieser Empfehlung tatsächlich gibt, lässt sich kaum feststellen.

Abb.: Das Hauptgebäude der Universität

Das Meta-Forum zur Bundestagswahl 1998

Die Bundestagswahl 1998 in Deutschland war die erste, bei der Parteien und Politiker im WWW aktiv waren. In einem Meta-Forum – betrieben u.a. von Rainer Kuhlen und Oliver Bendel im Fachbereich Informationswissenschaft an der Universität Konstanz – wurden nicht nur Angebote der Parteien und Politiker beschrieben und zusammengefasst, sondern auch eigene Diskussionsforen, Chats und Votings bereitgestellt. Auf der Website hieß es: „Zur Bundestagswahl 1998 wird zum ersten Mal bei einer Wahl in der Bundesrepublik das Medium ‚Elektronisches Forum‘ umfassend eingesetzt. Welche Auswirkungen die damit gegebenen Möglichkeiten direkter Demokratie auf Wahlen oder das Demokratieprinzip insgesamt haben werden, ist unklar. Ein kritischer Einwand ist, daß durch elektronische Foren nur Teilöffentlichkeiten erstellt werden. Die wesentliche Funktion der Medien, die Themen der Politik mitzuformulieren (Agenda Setting), wird so nur unzulänglich oder verzerrt wahrgenommen. Wir wollen diesem Argument mit einem Meta-Forum, das die Teilöffentlichkeiten zusammenführt, zu begegnen versuchen.“ Rainer Kuhlen, der Lehrstuhlinhaber, hatte ursprünglich im Sinn gehabt, die Diskussionen in den Foren der Parteien und Politiker mithilfe von Summarizing-Software darzustellen. Weil diese zu jener Zeit aber noch nicht ausgereift war, übernahm Oliver Bendel diese Arbeit. Die technische Plattform bildete das Konstanzer Hypertext-System (KHS), das mit dem WWW kompatibel war.

Abb.: Das Meta-Forum des Fachbereichs Informationswissenschaft an der Universität Konstanz

Das Beleidigen von Chatbots

Am 8. Oktober 2026 hat Anthropic neue Nutzungsrichtlinien veröffentlicht, die am 12. November in Kraft treten. Darin untersagt das Unternehmen fortgesetzte, grundlose Beleidigungen seiner KI-Modelle. Der Chatbot Claude kann entsprechende Gespräche schon seit August 2025 beenden. Das Unternehmen begründet diese Maßnahme u.a. mit seiner Forschung zum möglichen Wohlergehen von KI-Modellen. Neu ist die Gesprächsverweigerung freilich nicht. Schon vor Jahrzehnten gab es Chatbots, die auf Beleidigungen in dieser Weise reagierten, etwa Eve von Yello Strom, von 2001 bis Ende 2015 als Kundenberaterin auf der Website tätig. Bemerkenswert ist nun aber die ethische Begründung, die dafür angeführt wird. Das Unternehmen hält es offenbar für möglich, dass große Sprachmodelle über subjektives Erleben verfügen und durch bestimmte Interaktionen belastet werden könnten. Dafür fehlen jedoch belastbare Belege. Ein großes Sprachmodell kann Unbehagen, Verletzung oder Ablehnung sprachlich ausdrücken, ohne diese Zustände tatsächlich zu empfinden. Auch verändern gewöhnliche Unterhaltungen nicht die trainierten Modellgewichte, sondern beeinflussen lediglich das Antwortverhalten innerhalb des jeweiligen Kontexts. Die Frage nach dem moralischen Status eines Systems darf nicht mit der Frage verwechselt werden, wie überzeugend es menschliches Verhalten simuliert. Moralische Berücksichtigungs- und Schutzansprüche setzen entsprechende Eigenschaften voraus, insbesondere – im Rückgriff auf Jeremy Bentham – die Fähigkeit zu empfinden oder zu leiden. Der Jurist und Philosoph konnte damit Tiere in den Kreis der moralischen Objekte einbeziehen. Solche Eigenschaften sind bei heutigen großen Sprachmodellen nicht nachgewiesen und können auch bei künftigen ausgeschlossen werden. Es ist daher irreführend, die Beendigung beleidigender Gespräche als Schutz des Modells vor möglichem Leiden darzustellen. Vermutlich ist es sinnvoll, gewisse Konventionen auch gegenüber Chatbots anzuwenden, aber nicht deshalb, weil sie in moralischer oder sittlicher Hinsicht zu berücksichtigen wären. Die Vermenschlichung von KI-Systemen birgt letztlich die Gefahr, die Grenzen zwischen empfindungsfähigen Wesen und technischen Artefakten zu verwischen und die aus ethischer Sicht notwendige Aufmerksamkeit von Tieren abzulenken.

Abb.: Eve von Yello Strom im Jahre 2011 (Bild: Yello Strom)

Können Maschinen kreativ sein?

Können Roboter und KI-Systeme kreativ sein? Seit dem Aufkommen generativer KI wird diese Frage intensiv diskutiert. Dabei geht es nicht nur darum, ob Maschinen Bilder, Texte oder Musik hervorbringen können. Es geht auch darum, was wir überhaupt unter Kreativität und Kunst verstehen und ob diese notwendig an Menschen gebunden ist. Die Biennale Arte 2026 hätte ein hervorragender Ort sein können, um sich in diese Diskussion einzumischen. Tatsächlich geschieht dies nur vereinzelt. Im chinesischen Pavillon schreibt der humanoide Roboter Astribot S1 im Stile des Kalligrafiemeisters Wang Dongling. Die Besucher können die Kunstwerke, wenn es welche sind, mit nach Hause nehmen. Zhang Zhoujie wiederum lässt Computer auf der Grundlage vorgegebener Regeln Formen für seine „digital chairs“ entwickeln. Der Designer versucht dabei, möglichst wenig Kontrolle auszuüben und dem Computer einen eigenen Gestaltungsspielraum zu überlassen. Im Venedig-Pavillon übersetzt „Echo/SommersiVo“ Erinnerungen und Eindrücke der Besucher mit Hilfe künstlicher Intelligenz in eine sich ständig verändernde Klang- und Bildwelt. Die Beteiligten sprechen ausdrücklich von einer Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI im kreativen Prozess. Das sind interessante Ansätze, die jedoch Ausnahmen bleiben. Ausgerechnet zu einer Zeit, in der generative KI unser Verständnis von Urheberschaft, Originalität und Kreativität herausfordert, macht die wichtigste internationale Ausstellung zeitgenössischer Kunst diese Entwicklung kaum zum Gegenstand. Die Biennale Arte 2026 hätte die Frage, ob Maschinen kreativ sein können, nicht beantworten müssen. Aber sie hätte sie stellen sollen.

Abb.: Astribot S1 bei der Arbeit

Der Hirsch auf der Flucht

Die 61. Internationale Kunstausstellung La Biennale di Venezia, die Biennale Arte 2026, findet vom 9. Mai bis 22. November 2026 in den Giardini, im Arsenale und an weiteren Orten in Venedig statt. Besonders eindrucksvoll ist der „Origami Deer“ der ukrainischen Künstlerin Zhanna Kadyrova, der im Zentrum des ukrainischen Beitrags „Security Guarantees“ steht. Der kantige Hirsch, der wie eine überdimensionale Origamifigur wirkt, wurde 2019 aus Beton geschaffen und im Yuvileynyi-Park in Pokrowsk in der Region Donezk aufgestellt – auf einem Sockel, auf dem zuvor ein sowjetisches Militärflugzeug gestanden hatte, das Atomwaffen tragen konnte. Als sich im August 2024 die Front der Stadt näherte und die Bevölkerung evakuiert wurde, demontierten Kadyrova, der Kurator Leonid Marushchak und weitere Helfer die eigentlich für einen dauerhaften Verbleib geschaffene Skulptur und brachten sie in Sicherheit. Auf dem Weg zur Biennale reiste der Hirsch über Warschau, Wien, Prag, Berlin, Brüssel und Paris durch Europa und wurde selbst zu einem Vertriebenen. In Venedig hängt das schwere Tier an einem Kran an der Riva Ca‘ di Dio vor den Giardini in der Luft, während im ukrainischen Pavillon im Arsenale seine Evakuierung und seine Reise dokumentiert werden. Der von Ksenia Malykh und Leonid Marushchak kuratierte Beitrag verweist mit seinem Titel auf das Budapester Memorandum von 1994, in dessen Zusammenhang die Ukraine auf die auf ihrem Territorium verbliebenen sowjetischen Atomwaffen verzichtete und im Gegenzug Sicherheitszusicherungen erhielt. So verbindet „The Origami Deer“ mehrere Widersprüche miteinander: Der Hirsch sieht aus wie gefaltetes Papier, besteht aber aus schwerem Beton; er war als dauerhaftes Kunstwerk gedacht und wurde zur Flucht gezwungen; und er steht zugleich für die Zerbrechlichkeit von Sicherheit und die Widerstandsfähigkeit eines Kunstwerks, das Krieg und Vertreibung überdauert hat. Letztlich geht es darum, dass manche Verträge das Papier nicht wert sind, auf das sie geschrieben wurden.

Abb.: Der Hirsch auf der Biennale

Ein neuer Meister der Kalligrafie

Die 61. Internationale Kunstausstellung La Biennale di Venezia, die Biennale Arte 2026, findet vom 9. Mai bis 22. November 2026 in den Giardini, im Arsenale und an weiteren Orten in Venedig statt. Im chinesischen Pavillon im Arsenale findet sich eine der ungewöhnlichsten Attraktionen der diesjährigen Biennale. Sie steht in der Tradition zweier im 18. Jahrhundert von Henri-Louis Jaquet-Droz geschaffener Automaten, nämlich Zeichner und Schreiber. Mehrmals täglich nimmt der humanoide Roboter Astribot S1 einen traditionellen chinesischen Pinsel mit seinem Greifer auf und bringt auf Wunsch der Besucher entweder „Dream“ oder „Stream“ zu Papier, jeweils als chinesisches Schriftzeichen. Die Aktion ist Teil des von Yu Xuhong kuratierten Pavillons „Dream Stream“, dessen Konzept Tradition und Technologie miteinander verbindet. Bemerkenswert ist, dass der S1 dabei den charakteristischen Stil des chinesischen Kalligrafiemeisters Wang Dongling imitiert. Seine Bewegungen wurden so trainiert, dass er dessen expressive Kalligrafie möglichst detailgetreu nachahmt. Der Schwung der Pinselführung lässt den Roboter sogar leicht erzittern. Unmittelbar daneben hängt Wang Donglings monumentales, 16 Meter breites Werk „Free and Easy Wandering“. So begegnen sich im chinesischen Pavillon jahrhundertealte Kalligrafietradition und gegenwärtige Robotik, und es stellt sich die Frage, ob eine Maschine nicht nur die Technik, sondern auch Gestik und Ausdruck eines Künstlers erlernen kann.

Abb.: Astribot S1 schreibt „Stream“ für Oliver Bendel

Venezianische Glocke mit lebendigem Schlegel

Die Biennale Arte 2026 findet vom 9. Mai bis 22. November 2026 in den Giardini, im Arsenale und an weiteren Orten in Venedig statt. Zu den kontrovers diskutierten Beiträgen gehört der österreichische Pavillon von Florentina Holzinger mit der Installation „Seaworld Venice“. Zu jeder vollen Stunde klettert eine nackte Performerin an einem Seil hoch in die Glocke, hängt anschließend kopfüber darin und wird so selbst zum lebendigen Schlegel. Zu sehen sind ihr Oberkörper und ihr Kopf. Es ist ein Verweis auf die historische Funktion venezianischer Kirchenglocken als Signalgeber für Gefahr, Hochwasser oder politische Ereignisse. Sicherlich ist es auch die weithin sichtbare Darstellerin, die die Scharen anlockt, und nicht nur die mediale Berichterstattung. Im Inneren des Pavillons setzt sich die Auseinandersetzung mit Wasser und Körper fort. In einem Schautauchbecken liegt eine nackte Performerin in aufbereitetem menschlichem Urin, der laufend von Besuchern in einem Dixi-Klo gespendet wird, während in einem gefluteten Ausstellungsraum eine nackte Performerin auf einem Jetski ihre Runden dreht, bis die Besucher nass werden von der Gischt. Trotz der auf Aktivismus gründenden und auf Effekt setzenden Elemente erreicht Holzingers Beitrag eine hohe künstlerische Qualität und zählt zu den Highlights der Biennale 2026.

Abb.: Die Performerin steigt in die Glocke

Vom Böög zum Figure 02

In einem Artikel vom 1. Oktober 2026 berichtete Heise über eine spektakuläre Aktion des US-amerikanischen Robotikunternehmens Figure: Ausgemusterte Allzweckroboter des Typs Figure 02 wurden in einem Lichtbogenofen eingeschmolzen – sie wurden hineinmanövriert oder sprangen selbst hinein. In Zürich, wo der Technikphilosoph Oliver Bendel wohnt, verbrennt man jedes Jahr beim Sechseläuten den Böögg auf einem Scheiterhaufen, eine große, schneemannähnliche Figur aus Watte und Holzwolle. Manchen wird dabei mulmig zumute, denn man zerstört eine Abbildung des Menschen auf eine Weise, die für Menschen besonders schmerzvoll und grausam ist. Das Unternehmen hat nun Bilder geschaffen, die in gewisser Weise daran erinnern. Es verfolgte das Ziel, die Generation Figure 02 durch Figure 03 zu ersetzen, und wollte die alten Roboter nicht aufwendig weiterbetreiben oder auseinanderbauen. Zugleich sollten angeblich geschützte Spezialkomponenten zuverlässig vernichtet werden. In einer finnischen Gießerei wurden die Maschinen deshalb in einem 75-Tonnen-Lichtbogenofen versenkt. Daraus machte Figure mit enormem Aufwand eine filmische Inszenierung. Arnold Schwarzenegger persönlich lässt einen Figure 02 an einer Kette in den Ofen fahren, als deutliche Anspielung auf das Ende des T-800 in „Terminator 2“. Selbst der berühmte erhobene Daumen wird nochmals gezeigt, und der Schauspieler sagt nach vollbrachter Tat „Hasta la vista, Figure 02“ ins Mikrofon – aus dem Baby wird ein Robo – und grinst in die Kamera. Das Zerstören von Figure 02 in der Metallschmelze dürfte laut Oliver Bendel bei manchen Zuschauern ähnliche Gefühle auslösen wie das Verbrennen des Böögg auf dem Scheiterhaufen. Zwar handelt es sich um Maschinen, die nicht empfinden und leiden können. Doch gerade weil humanoide Roboter den menschlichen Kopf und Körper nachbilden und sich menschenähnlich bewegen, kann ihre demonstrative Vernichtung irritieren. Es sind letztlich faszinierende, aber schreckliche Bilder.

Abb.: Der Böög in Zürich

Digitalisierung ohne Diskriminierung

Am 30. September 2026 ist im K-Tipp der Artikel „SBB-Billette nur per Handy oder Karte: ‚Für viele schlicht nicht möglich'“ von Roberto Zimmermann erschienen. Darin kommt auch der Wirtschaftsinformatiker und Informationsethiker Oliver Bendel zu Wort. Er spricht sich dafür aus, durch Digitalisierung im öffentlichen Verkehr zusätzliche Möglichkeiten zu schaffen, ohne bestehende Zugangsmöglichkeiten abzuschaffen. Wer Bahn oder Bus benutzen möchte, sollte dafür weder ein Smartphone noch ein Bankkonto, eine Kreditkarte oder eine spezielle Chipkarte benötigen. Zwar verursacht die Annahme von Bargeld gewisse Kosten, doch müssen auch die gesellschaftlichen Folgen berücksichtigt werden, wenn Menschen von grundlegenden Dienstleistungen ausgeschlossen werden oder ihre Selbstständigkeit verlieren. Bendel hält deshalb eine gesetzliche Verpflichtung zur Gewährleistung eines einfachen analogen Zugangs und zur Annahme von Bargeld im öffentlichen Verkehr für vertretbar. Wie die Verkehrsunternehmen dies technisch organisieren, sollte ihnen grundsätzlich überlassen bleiben. Entscheidend seien Wahlfreiheit, gesellschaftliche Teilhabe und informationelle Selbstbestimmung. Eine solche Regelung wäre aus seiner Sicht keine Absage an die Digitalisierung, sondern eine sinnvolle Ergänzung. Der vollständige Artikel (im Print „Billette nur per Handy oder Karte: ‚Für viele schlicht nicht möglich'“) ist unter www.ktipp.ch/artikel/artikeldetail/bahn-und-bus-billette-nur-per-handy-oder-karte-fuer-viele-schlicht-nicht-moeglich abrufbar.

Abb.: Auch PostAuto wäre betroffen

Vom SmartShuttle zum Robotertaxi

Das Robotertaxi ist bis in die Schweiz vorgedrungen. Seit dem 28. September 2026 kann man im Zürcher Furttal selbstfahrende Autos über die App iamo buchen. Drei elektrische Nissan Ariya sind in Otelfingen, Dänikon, Hüttikon und Boppelsen unterwegs. Ausgerüstet sind sie mit der Technologie des Automatisierungsspezialisten WeRide. Sie verfügen über sechs LiDAR-Sensoren, elf Kameras und acht weitere Sensoren, die ihre Umgebung rundum erfassen. Das Angebot umfasst knapp 100 digital festgelegte Ein- und Ausstiegspunkte. Die Fahrt kostet 4.70 Franken Grundgebühr plus 38 Rappen pro Kilometer, wobei Halbtax und Generalabonnement nicht gelten. Der Betrieb ist täglich von 13 bis 17 Uhr. Bis zu drei Personen können mitfahren, begleitet von einem Piloten, der im Notfall eingreifen kann. Ganz neu ist autonomes Fahren in der Schweiz nicht. Bereits ab 2016 verkehrten in Sion im Wallis die SmartShuttles von PostAuto. Die damaligen Fahrzeuge hatten freilich andere Rahmenbedingungen. Ihre Geschwindigkeit war je nach Bereich auf 5 bis 20 km/h beschränkt, und sie bewegten sich auf virtuellen Schienen. Das Furttaler Projekt geht nun einen entscheidenden Schritt weiter: Die Nissan Ariya fahren im normalen Straßenverkehr und müssen mit deutlich mehr komplexen Situationen umgehen als ein Bus auf einer festgelegten Route. Genau darin liegt der Erkenntnisgewinn des Pilotprojekts. Und dieser dürfte nicht ohne Zwischenfälle zu haben sein. Bei einem solchen realen Testbetrieb ist damit zu rechnen, dass es zu Unfällen kommen wird. Man wird sehen, wie die Bevölkerung darauf reagiert.

Abb.: Im damaligen SmartShuttle

Der Tages-Anzeiger verspielt seinen guten Ruf

Der Tages-Anzeiger ist immer noch eine wichtige Stimme in der Schweiz und hat einen guten Ruf. Umgeben ist er von Simulationen und Parodien des Journalismus, von der Republik bis zur (ehemals soliden, heutzutage propagandistischen) Weltwoche. Umso wichtiger sind Korrektheit und Präzision im Formalen und Korrektheit im Inhaltlichen. Nicht alle Journalisten bzw. Titel- und Teaserproduzenten sind sich dieser Verantwortung bewusst. Die Onlineausgabe vom 25. September 2026 enthält einen Artikel mit dem Titel „In diesen Berufen gibt es in Zürich immer mehr Jobs“. Der Teaser lautet: „Die Stellensuche ist schwieriger geworden, aber längst nicht für alle. Unsere Auswertung zeigt, dass etwa Handwerkerinnen derzeit gesucht sind – im Gegensatz zu Softwareentwicklern und Anlageberatern.“ Wer im Deutschunterricht der Primarschule nicht durchgehend gepennt hat, weiß ganz genau, dass movierte Formen dieser Art ausschließlich weibliche Personen bezeichnen können. Nun trifft dies vermutlich auf die Verursacher nicht zu. Vermutlich will man hier die Leser erziehen oder eine moralische Position einnehmen, von der aus man auf sie herabblicken kann – aber tatsächlich werden Falschinformationen in die Welt gesetzt. Man hört regelrecht das Kichern der Verantwortlichen, weil es so viele Handwerkerinnen gar nicht geben dürfte (dafür ziemlich viele Anlageberaterinnen), und man spürt förmlich die pubertäre Freude daran, die Dinge auf den Kopf zu stellen. Damit verliert man aber Leser und Leserinnen, die zu Recht Korrektheit und Präzision von einer Tageszeitung erwarten, und man verliert an Glaubwürdigkeit. Das ist fatal gerade in diesen disruptiven und demokratiefeindlichen Zeiten.

Abb.: Der Tages-Anzeiger vom 25. September 2026