Verliebt in Julia

Im März 1999 schrieb Oliver Bendel für das Institut für Telematik in Trier ein Arbeitspapier mit dem Titel „Telematik – Schlüsseldisziplin und -technologie der Informationsgesellschaft“ … Darin ging es u.a. um Chatbots und Agenten: „Für die Telematik relevant sind Agenten, die in Netzwerken zu Hause sind. Ein spektakuläres Beispiel sind Agenten, die sich in Chatrooms mit Chattern unterhalten oder in Multi-user Dungeons (später auch Multi-user Dimensions oder Multi-user Domains genannt, abgekürzt MUDs) mit Spielern kommunizieren und denen es heute bereits häufig gelingt, menschliche Identität über längere Zeit vorzugaukeln. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist Julia. Julia hängt in MUDs herum und agiert wie ein normaler menschlicher Nutzer. Allerdings kann Julia – als entsprechend unterwiesenes Programm – auch fachlich korrekte und tiefgehende Auskünfte über die Beschaffenheit des MUD geben. Große Hoffnungen werden auf individuell abgestimmte Assistenten gesetzt, die spezifische Frage- und Problemstellungen von Benutzern möglichst autonom bearbeiten können und dabei im besten Falle über ihr Expertenwissen und ihre Lernfähigkeit imstande sind, innovative Lösungswege anzubieten und alte Fehler zu vermeiden.“ (Arbeitspapier Bendel) Julia wurde um 1990 von Michael Loren Mauldin an der Carnegie Mellon University entwickelt, um einen „unsuspecting Turing Test“ durchzuführen. Von ihm stammt auch der Begriff „Chatterbot“, der dann zu „Chatbot“ wurde. Barry, ein MUD-Spieler, flirtete im Jahre 1992 zwei Wochen lang mit Julia und konnte auch nach all der Zeit nicht sicher sagen, ob sie ein Computerprogramm war oder nicht. Das Arbeitspapier von Oliver Bendel sieht den Übergang von Agenten als Programmen im Netzwerk zu persönlichen intelligenten Assistenten voraus. Diese Entwicklung vollzog sich vor allem in den letzten Jahren, auf der Grundlage von Large Language Models (LLMs).

Abb.: So sah ein MUD in jenen Tagen aus (Bild: GPT Image 2)