Spaghetti mögen alle gern

1983 erschien in der Südwest Presse eine Seite über ausländische Kinder in Ulm und anderswo in Deutschland. Oliver Bendel, damals 15 Jahre alt und seit dieser Zeit immer wieder für die Zeitung tätig, führte dafür ein Interview mit acht Kindern aus der Türkei, Jugoslawien, Griechenland, Rumänien, Russland und Italien. Der Titel lautete „Spaghetti mögen alle gern“.  Die Seite wirkt aus heutiger Sicht wie ein kleines Zeitdokument. Sie interessiert sich für den Alltag der Kinder, für Schule und Familie, Lieblingsessen und Heimat, Freundschaften und Zukunftswünsche. Dabei kommen auch Erfahrungen mit Vorurteilen und Ausgrenzungen zur Sprache. Wie immer auf dieser Seite, die sich an Jungen und Mädchen wendet, geben die Kinder selbst den Ton an. Ihre Antworten zeigen, wie unterschiedlich ihre Lebenssituationen waren – und wie selbstverständlich zugleich ihre Wünsche nach Zugehörigkeit, Freundschaft und einem guten Leben. Mehr als vierzig Jahre später haben sich Begrifflichkeiten, Herkunftsländer sowie gesellschaftliche und politische Debatten verändert. Die grundlegenden Fragen sind jedoch geblieben. Für viele Ausländer, welchen Alters auch immer, ist das Leben in Deutschland keineswegs einfacher geworden. Fremdenfeindlichkeit, Benachteiligung und die Frage, wer als zugehörig angesehen wird, beschäftigen das Land weiterhin. Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf diese alte Zeitungsseite. Sie erinnert daran, dass hinter großen Debatten immer einzelne Menschen stehen, mit ihren Vorlieben und Sorgen, ihren Erfahrungen und Hoffnungen. Und manchmal gibt es überraschend einfache Gemeinsamkeiten. Spaghetti mochten jedenfalls schon damals alle gern.

Abb.: Der obere Teil der Seite