Wird der „Zauberberg“ zugebaut?

Das heutige Waldhotel Davos wurde 1911 als Waldsanatorium Professor Jessen erbaut. 1912 kurte hier Katia Mann ihren Lungenspitzenkatarrh aus. Thomas Mann besuchte sie und sammelte Eindrücke, die später – neben seinen Beobachtungen auf der Schatzalp – in „Der Zauberberg“ (1924) einflossen. Auch architektonisch ist das Haus bedeutend. Seine prosaische Rückseite zeigt zum Wald, wo Eichhörnchen herumflitzen. Seine charakteristische, fast lyrische Südkurve wurde gezielt auf Licht und Sonne ausgerichtet, bei freiem Blick auf die Davoser Bergwelt und, mit etwas Glück, kühn herumfliegende Alpendohlen. Nun soll unmittelbar davor ein hoher Neubau entstehen. Die Bauprofile sind bereits angebracht und lassen die beunruhigenden Dimensionen erkennen. Teile des historischen Hauses würden künftig auf einen nur wenige Meter entfernten Baukörper blicken; Personal und Gäste würden einen erheblichen Teil der heutigen Aussicht verlieren. Zugleich wäre das Waldhotel vom Tal aus teilweise verdeckt. Die Frage ist, wie viel Schutz ein architektonisch sowie kultur- und literaturgeschichtlich bedeutender Ort mitsamt seiner Umgebung verdient. Es ist auf jeden Fall ein Thema, das weit über Davos hinaus beachtet und von den Medien in der Schweiz und in Deutschland aufgegriffen werden sollte. Bisher herrscht Schweigen im Walde.

Abb.: Das Sanatorium im Jahre 2012 (Foto: Die Kunst, Bd. 26, Universitätsbibliothek Freiburg)