Soundtracks für Bücher

Vor fünfzehn Jahren veröffentlichte Oliver Bendel den Artikel „Die kleine Schwester der Filmmusik: Soundtracks für E-Books“. Die Idee war ebenso naheliegend wie ungewöhnlich: Warum sollten Bücher nicht – ähnlich wie Filme – von Musik und Klängen begleitet werden? Passende Soundtracks könnten Atmosphäre schaffen, Emotionen verstärken und das Leseerlebnis bereichern. Die Entwicklung verlief allerdings anders als erwartet und erhofft. Zwar entstanden Projekte wie Booktrack, die Musik, Geräusche und Töne sogar an die individuelle Lesegeschwindigkeit anpassten. Größere Aufmerksamkeit und eine entsprechende Nachfrage blieben jedoch aus. Heute konzentriert sich das Unternehmen auf Hörbücher, also ein Medium mit festem zeitlichem Verlauf, bei dem sich Musik wesentlich leichter synchronisieren lässt als beim freien Lesen. Mit generativer KI erhält die Idee nun neue Aktualität. LLMs können den Inhalt eines Buches analysieren, während Audiogeneratoren in Echtzeit eine passende Klangkulisse erzeugen – dynamisch, personalisiert und ohne aufwändig produzierte Soundtracks. Denkbar sind musikalische Motive für Figuren, spezifische Töne für wechselnde Atmosphären oder dezente Geräuschkulissen, die sich dem Lesefortschritt und den Vorlieben des Lesers anpassen. Freilich könnte sich erneut zeigen, dass die meisten Leser gerade die Stille schätzen und ihre eigene Vorstellungskraft keiner musikalischen Interpretation unterordnen möchten. Dennoch könnte die Idee, die vor langer Zeit in die Welt kam, heute unter anderen technischen Voraussetzungen eine zweite Chance erhalten.

Abb.: Soundtracks für Bücher

Lahmt dieser Pegasus?

Der Verein Ulmer Autoren ’81 suchte Mitte der 1980er-Jahre zum ersten Mal das Licht der Öffentlichkeit, mit einem Sammelband und mit Lesungen, wie im Club Orange. In den Medien wurde das unterschiedlich aufgenommen. Burkhard Meier-Grolmann, der für die Südwest Presse schrieb, spitzte die Feder und machte sie zum Dolch. In seinem Artikel „Lahmt dieser Pegasus?“ vom 2. November 1985 ätzte er: „Ein Blick in das jetzt vorliegende Autorenbuch 85/86 macht einen ganz schön schaudern, so viele dilettantische lyrische Gehversuche kommen einem da entgegen, so viele aufgeblasene Lebensläufe spreizen sich da unterdem [sic] alles erduldenden gnädigen Obdach des Vereins.“ Er nannte die vermeintlichen Übeltäter beim Namen, ohne Rücksicht und Verluste. Gnade kannte er nur bei einer Handvoll Autoren: „Man muss wahrlich um den Verein fürchten, man muss um ihn bangen, dass er, wenn er jetzt an die große Öffentlichkeit geht, nicht gleich darin umkommt, wären da nicht auch in dem Vereinsregister Namen, die den totalen Absturz ins Mittelmaß aufhalten können, wären da nicht die Talente, um die sich ein solcher Verein kümmern sollte. Ulms literarische Szene wird sich einige Namen merken müssen, will sie tatsächlich irgendwann einmal einen bedeutenden literarischen Lorbeer erhaschen, Namen wie Michael Koetzle, Sinasi Dikmen, Manfred Eichhorn, der 16jährige Oliver Bendel.“ In den Verein war Oliver Bendel allerdings gar nicht eingetreten, schon weil er sich die Gebühren als Jugendlicher nicht leisten konnte. Auch ansonsten ging er eigene Wege, wie ein anderer Artikel zeigte. Wenn man heute die Website des Vereins besucht, fällt das krude Deutsch auf: „Und deshalb gibt es die Ulmer AutorInnen. Wir sind ein Zusammenschluss schreibender Menschen aus Ulm und darüber hinaus.“ Was Burkhard Meier-Grolmann wohl dazu sagen würde? Er wird inzwischen als freier Journalist der SWP geführt. Vielleicht spitzt er noch einmal die Feder.

Abb.: Oliver Bendel bei einer Lesung im Club Orange in Ulm (Foto: SZ)