Gedichte und Geschichten im Circus Culturelli

Der Circus Culturelli war eine legendäre Hörfunksendung, die in den 1980er- und 1990er-Jahren auf Südfunk 3 bzw. SDR 3 ausgestrahlt wurde. Er bot eine unkonventionelle Mischung aus Musik, Kleinkunst, Literatur und humorvollen Beiträgen. Eine Besonderheit war die aktive Beteiligung der Hörer, die eigene Gedichte, Kurzgeschichten, Hörspiele und andere kreative Werke auf Audiokassetten aufnehmen und an die Redaktion schicken konnten. Ausgewählte Beiträge wurden im Radio ausgestrahlt. Damit bot der Circus Culturelli eine Plattform für literarische und künstlerische Experimente abseits des etablierten Kulturbetriebs und nahm heutige Formen von User-generated Content vorweg. Auch Oliver Bendel war um 1984 mindestens zweimal mit eigenen Gedichten vertreten, die er selbst auf Audiokassette eingesprochen hatte. Er galt damals in der Region zwischen Ulm und Stuttgart als literarische Nachwuchshoffnung und erhielt im Rahmen eines Stipendiums der Förderkreises deutscher Schriftsteller mehrmals Feedback vom Lektor und Freund von Michael Ende. Moderiert wurde die Sendung u.a. von Persönlichkeiten wie Stefan Siller und Hans-Peter Archner. Der Circus Culturelli stand für eine experimentierfreudige Radiokultur, in der die Grenzen zwischen Hörern und Programmmachern durchlässig wurden und man das bis dahin vorherrschende Sender-Empfänger-Prinzip zumindest zeitweise aufhob. Daneben gab es in den 1980er-Jahren auch das Poesietelefon, zu dem lokale Künstler deutscher Städte beitrugen.

Abb.: Ein Plakat aus jener Zeit (Bild: SDR 3, mit KI optimiert)

Ein flüchtiger Lieferroboter

Am 26. Oktober 2026 missachtete in Tallinn ein Lieferroboter von Starship Technologies eine rote Ampel, kollidierte mit einem Linienbus und fuhr anschließend einfach weiter. Dies berichtete der estnische öffentlich-rechtliche Rundfunk ERR unter Berufung auf die Verkehrsbetriebe TLT. Der Busfahrer versuchte durch eine Vollbremsung den Zusammenstoß zu verhindern, was allerdings nicht gelang, wie ein Video eindrücklich zeigt. Dabei wurden bis zu neun Personen verletzt. TLT-Vorstand Andrei Novikov erklärte gegenüber ERR, die Polizei müsse die Umstände untersuchen. Starship-Technologies-Vertreter Pepe Aaviksoo bestätigte laut der Deutschen Presse-Agentur, dass das Unternehmen die Polizei kontaktiert und eine interne Untersuchung eingeleitet habe. Nach seinen Angaben haben Starship-Technologies-Roboter in sieben Ländern bereits elf Millionen autonome Lieferungen durchgeführt, insgesamt 24 Millionen Kilometer zurückgelegt und die betreffende Kreuzung mehr als 4000 Mal erfolgreich passiert. In einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber dem britischen Parlament aus dem Jahre 2022 erläuterte das Unternehmen, seine Roboter seien zu 99 Prozent autonom und könnten innerhalb festgelegter Einsatzgebiete selbständig navigieren. Allerdings stehe bei Schwierigkeiten menschliche Fernunterstützung zur Verfügung. Entscheidend ist vor diesem Hintergrund, was beim Unfall in Tallinn tatsächlich geschah: Erkannte der Lieferroboter die rote Ampel nicht? Weshalb verhinderte seine Software die gefährliche Straßenüberquerung nicht? Registrierte das System den Zusammenstoß? Wurde ein Mitarbeiter in der Fernüberwachungszentrale alarmiert? Weshalb fuhr der Roboter danach weiter? Diese Fragen sind bislang nicht geklärt. Oliver Bendel verfolgt den Einsatz von Transport- und Lieferrobotern seit vielen Jahren – den von Starship Technologies hat er 2016 bei Bern getroffen – und rät von einem Einsatz in Ballungsgebieten ab.

Abb.: Ein Lieferroboter von Starship Technologies bei Bern

Das Moralmenü als Vorbild für Siri?

Apple hat im Sommer 2026 eine Funktion für Siri vorgestellt, mit der Benutzer über Schieberegler die Sprechgeschwindigkeit und die Ausdrucksstärke der Stimme einstellen können. Damit lässt sich zumindest in gewissem Umfang beeinflussen, wie menschlich der Sprachassistent klingt. Diese Entwicklung erinnert an Arbeiten, die seit 2018 von Prof. Dr. Oliver Bendel und seinen Studenten im Rahmen des Moralmenüs (MOME) durchgeführt werden. Dieses ermöglicht es, ethisch relevante Eigenschaften und Verhaltensweisen von physischen Robotern und virtuellen Assistenten – etwa Chatbots und Sprachassistenten – individuell zu konfigurieren. Bekannt wurde der maschinenethische Ansatz insbesondere durch eine Designstudie von 2018 für den Saugroboter LADYBIRD (Designstudie 2014, Prototyp 2017) und einen Prototyp von 2022 für den Pflegeroboter Lio von F&P Robotics. Ebenfalls 2018 entstand eine Designstudie für ein MOME für virtuelle Assistenten wie Google Duplex, bei dem sich über einen Schieberegler festlegen ließ, ob der Assistent mit einer menschenähnlichen oder einer maschinenhaften Stimme sprechen sollte. Auch für den Chatbot MOBO wurde ein Moralmenü umgesetzt. Einzelne Wahlmöglichkeiten gehen auf frühere Projekte wie GOODBOT aus dem Jahr 2013 zurück, der im Gespräch immer wieder darauf hinwies, dass er lediglich eine Maschine ist. Die Ergebnisse dieser Arbeiten wurden unter anderem auf den Konferenzen Robophilosophy und ICSR sowie in wissenschaftlichen Artikeln und Büchern zur Maschinenethik vorgestellt. Bereits 2012 hatte Oliver Bendel in seinem Beitrag „Siri ist hier.“ auf mediensprache.net den Sprachassistenten von Apple aus linguistischer und ethischer Sicht untersucht. Dabei thematisierte er unter Bezugnahme auf Joseph Weizenbaum und ELIZA die Anthropomorphisierung von Computersystemen und die Möglichkeit emotionaler Beziehungen zwischen Mensch und Maschine. Zudem ordnete er Siri ausdrücklich als Gegenstand der Maschinenethik ein. Die späteren Arbeiten am Moralmenü knüpfen an solche Fragestellungen an und erweitern sie um konkrete Gestaltungsmöglichkeiten. Während Apple mit seiner neuen Funktion vor allem die Anpassung der Sprachausgabe an individuelle Vorlieben ermöglicht, verfolgt das Moralmenü einen umfassenderen Ansatz: Benutzer sollen selbst darüber entscheiden können, wie sich künstliche Systeme ihnen oder anderen gegenüber verhalten und in welchem Maße sie menschliche Eigenschaften nachahmen. Dies ist nicht zuletzt mit Blick auf die Anthropomorphisierung von KI-Systemen von Bedeutung. Eine bewusst maschinenhafte Stimme oder eine wiederkehrende Klarstellung des künstlichen Charakters kann dazu beitragen, die Illusion von Empfindungsfähigkeit und Bewusstsein zu reduzieren. Die neue Siri-Funktion zeigt, dass Gestaltungsmöglichkeiten, die im Rahmen der Maschinenethik seit Jahren untersucht werden, inzwischen auch bei kommerziellen Sprachassistenten an Bedeutung gewinnen.

Abb.: Das MOME für virtuelle Assistenten

Regionalpolizei setzt Drohne bei Verfolgung ein

Wie der Tages-Anzeiger am 15. Oktober 2026 berichtete, hat die Regionalpolizei Wettingen-Limmattal bei einer Kontrolle in Spreitenbach AG erstmals eine Drohne zur Verfolgung eines flüchtenden E-Trottinett-Fahrers eingesetzt. Ein noch nicht 14-jähriger Jugendlicher versuchte am 29. September, einer Polizeikontrolle zu entkommen. Eine Drohne der Zivilschutzorganisation Wettingen-Limmattal flog ihm rund drei Minuten lang bis zu einem Wohnhaus nach, wo ihn die Polizei anschließend ausfindig machen konnte. Die mit Zoomkameras, Wärmebildtechnik und Liveübertragung ausgestatteten Drohnen sollen gefährliche Verfolgungsfahrten mit Polizeiautos durch Wohnquartiere vermeiden. Bei der Kontrollaktion wurden insgesamt vier Fahrzeuge beschlagnahmt, darunter ein manipuliertes E-Trottinett, das eine Geschwindigkeit von 74 km/h erreichte. Dass der Vorfall keine Weltneuheit ist, zeigt ein Blick ins englische Middlesbrough. Dort verfolgte im März 2026 eine Polizeidrohne einen flüchtenden 16-jährigen Motorradfahrer, der nach dem Abstellen seines Fahrzeugs in einem Garten festgenommen wurde.

Abb.: Der Rangierbahnhof bei Spreitenbach (Foto: Patrick Federi)

Kawasaki Heavy Industries stellt Home Leo vor

Der japanische Technologiekonzern Kawasaki Heavy Industries hat mit Home Leo einen hundeähnlichen Roboter vorgestellt, der ältere Menschen im Alltag unterstützen soll. Darüber berichtete die Japan Times am 7. Oktober 2026. Der am 6. Oktober 2026 in Tokio präsentierte Prototyp nutzt künstliche Intelligenz, um mit Menschen zu sprechen, seine Umgebung wahrzunehmen, situationsabhängige Entscheidungen zu treffen und selbstständig zu handeln. Home Leo soll seinen Besitzern Gesellschaft leisten, sie bei alltäglichen Aufgaben unterstützen und auf mögliche Gefahren achten. Durch das kontinuierliche Erfassen persönlicher Vorlieben und Gewohnheiten soll sich der Roboter individuell an seine Benutzer anpassen. Künftig könnte er auch Stürze, gesundheitliche Veränderungen oder Brandgefahren erkennen und Angehörige oder Pflegekräfte benachrichtigen. Bei der Präsentation demonstrierte Kawasaki-Präsident Yasuhiko Hashimoto laut Japan Times die Fähigkeiten des Roboters, indem er ihn nach seinem Smartphone fragte. Home Leo antwortete, das Gerät liege auf dem Tisch, holte es und übergab es seinem Besitzer. Kawasaki plant die Markteinführung für das japanische Geschäftsjahr 2028 und arbeitet bei der Weiterentwicklung mit Behörden, medizinischen Einrichtungen, Pflegeorganisationen und KI-Unternehmen zusammen. Ziel ist es, älteren Menschen ein möglichst langes, selbstständiges und sicheres Leben in ihrer vertrauten Umgebung zu ermöglichen.

Abb.: Eine Unterstützung für ältere Menschen

Ein Pavillon aus Postkarten

Die 61. Internationale Kunstausstellung La Biennale di Venezia, die Biennale Arte 2026, findet vom 9. Mai bis 22. November 2026 in den Giardini, im Arsenale und an weiteren Orten in Venedig statt. Im spanischen Pavillon in den Giardini zeigt der katalanische Künstler Oriol Vilanova unter dem Titel „Los restos“ eine ebenso einfache wie beeindruckende Installation. Die Wände der Ausstellungsräume sind vom Boden bis zur Decke mit rund 50.000 gebrauchten Bildpostkarten bedeckt, die Vilanova über mehr als zwei Jahrzehnte auf Flohmärkten und in Antiquariaten gesammelt hat. Aus der Entfernung verbinden sich die dicht angeordneten und nach chromatischen und thematischen Gesichtspunkten gruppierten Karten zu großen Farbfeldern, Mosaiken und Wellen. Aus der Nähe treten einzelne Motive hervor, Menschen und Tiere, aber auch Städte, Landschaften und Strände oder Sehenswürdigkeiten und Kunstwerke. Die Postkarten, einst verschickt, beschrieben, aufbewahrt und schließlich aussortiert, werden so zu Fragmenten eines kollektiven Gedächtnisses. Die von Carles Guerra kuratierte Installation verwandelt den Pavillon in ein Museum des Vergessenen und Übriggebliebenen und stellt Fragen nach Erinnerung und Verlust, Massentourismus und Bilderflut sowie danach, was von den unzähligen Bildern bleibt, mit denen Menschen ihre Welt festhalten und miteinander teilen.

Abb.: Ein Pavillon aus Postkarten

Ein neuer Meister der Kalligrafie

Die 61. Internationale Kunstausstellung La Biennale di Venezia, die Biennale Arte 2026, findet vom 9. Mai bis 22. November 2026 in den Giardini, im Arsenale und an weiteren Orten in Venedig statt. Im chinesischen Pavillon im Arsenale findet sich eine der ungewöhnlichsten Attraktionen der diesjährigen Biennale. Sie steht in der Tradition zweier im 18. Jahrhundert von Henri-Louis Jaquet-Droz geschaffener Automaten, nämlich Zeichner und Schreiber. Mehrmals täglich nimmt der humanoide Roboter Astribot S1 einen traditionellen chinesischen Pinsel mit seinem Greifer auf und bringt auf Wunsch der Besucher entweder „Dream“ oder „Stream“ zu Papier, jeweils als chinesisches Schriftzeichen. Die Aktion ist Teil des von Yu Xuhong kuratierten Pavillons „Dream Stream“, dessen Konzept Tradition und Technologie miteinander verbindet. Bemerkenswert ist, dass der S1 dabei den charakteristischen Stil des chinesischen Kalligrafiemeisters Wang Dongling imitiert. Seine Bewegungen wurden so trainiert, dass er dessen expressive Kalligrafie möglichst detailgetreu nachahmt. Der Schwung der Pinselführung lässt den Roboter sogar leicht erzittern. Unmittelbar daneben hängt Wang Donglings monumentales, 16 Meter breites Werk „Free and Easy Wandering“. So begegnen sich im chinesischen Pavillon jahrhundertealte Kalligrafietradition und gegenwärtige Robotik, und es stellt sich die Frage, ob eine Maschine nicht nur die Technik, sondern auch Gestik und Ausdruck eines Künstlers erlernen kann.

Abb.: Astribot S1 schreibt „Stream“ für Oliver Bendel

Das Projekt NestGuard Lite beginnt

Am 30. September 2026 fällt an der Hochschule für Wirtschaft FHNW der Startschuss für das Projekt „NestGuard Lite: Smarte Maschinen für mehr Tierschutz“. Es kann in den Bereichen Animal-Computer Interaction (Tier-Computer-Interaktion) und Animal-Machine Interaction (Tier-Maschine-Interaktion) verortet werden. Mähroboter, landwirtschaftliche Maschinen und andere (teil-)autonome Geräte erleichtern viele Arbeiten, können für Wildtiere jedoch zur Gefahr werden. Bodennester, Jungtiere, Kleinsäuger oder Amphibien werden von Maschinen häufig nicht rechtzeitig erkannt. Technischer Fortschritt und Automatisierung werfen damit auch Fragen von Tierschutz und Nachhaltigkeit auf: Wie können Maschinen so gestaltet werden, dass sie ihre Umwelt nicht nur effizient nutzen, sondern auch schutzbedürftige Bereiche respektieren? NestGuard Lite verfolgt einen anderen Ansatz als LADYBIRD, HAPPY HEDGEHOG und verwandte Projekte der TMI: Anstatt das Tier von der Maschine detektieren und klassifizieren zu lassen, wird die Umgebung selbst markiert, um so die Maschine zu informieren. Ziel des Projekts ist die Entwicklung eines funktionsfähigen NestGuard-Lite-Prototyps. Denkbar sind beispielsweise passive Marker, RFID-Tags und NFCs, Bluetooth oder andere lokale Funktechnologien. Erkennt die Maschine eine Schutzzone, kann sie langsamer fahren, anhalten, ein Werkzeug deaktivieren oder den Bereich umfahren. Das fünfköpfige Team wird von Prof. Dr. Oliver Bendel angeleitet. Es entwickelt und dokumentiert sowohl die technische Lösung als auch ein überzeugendes Anwendungskonzept für den Einsatz im Tierschutz.

Abb.: Der Kyoto Garden in London

Mit Robotern kuscheln

„Als Fellroboter können Roboter bezeichnet werden, deren Körper ganz oder teilweise mit künstlichem Fell bedeckt ist. Dieses hat dabei nicht nur eine ästhetische Funktion, sondern kann den technischen Charakter des speziellen Artefakts in den Hintergrund treten lassen, es lebensechter und lebewesenähnlicher erscheinen lassen und zur Berührung anregen. Fellroboter können soziale Roboter oder Wearable Social Robots sein, sind aber nicht mit Softrobotern gleichzusetzen, denn unter dem weichen Fell kann sich eine weitgehend starre mechanische Konstruktion befinden.“ Mit diesen Worten beginnt der Beitrag „Fellroboter“ von Oliver Bendel, der am 16. September 2026 im Gabler Wirtschaftslexikon erschienen ist. Auf die Einleitung folgt der Abschnitt „Beispiele“: „Bekannte Beispiele sind Furby, ein seit Ende der 1990er-Jahre angebotenes interaktives Roboterspielzeug, und Paro, ein einer Babysattelrobbe nachempfundener Therapieroboter. Neuere Beispiele sind Qoobo, ein kissenartiger Roboter mit beweglichem Schwanz, Moflin, ein kleines KI-basiertes Robotertier, Cupboo AI Robotic Pet (Boo Boo oder Booboo), ein fellbedeckter Begleitroboter, und Mirumi, ein kleiner Roboter, der sich beispielsweise an einer Handtasche befestigen lässt und auf Menschen in seiner Umgebung reagiert. Einige Fellroboter bringen Töne hervor oder sprechen sogar. So kann Boo Boo seinen Namen sagen.“ Den Abschluss bilden „Merkmale“ und „Kritik und Ausblick“. Der ganze Beitrag kann über wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/fellroboter-178207 aufgerufen werden.

Abb.: Booboo aka Kumo in Zürich

Wird der „Zauberberg“ zugebaut?

Das heutige Waldhotel Davos wurde 1911 als Waldsanatorium Professor Jessen erbaut. 1912 kurte hier Katia Mann ihren Lungenspitzenkatarrh aus. Thomas Mann besuchte sie und sammelte Eindrücke, die später – neben seinen Beobachtungen auf der Schatzalp – in „Der Zauberberg“ (1924) einflossen. Auch architektonisch ist das Haus bedeutend. Seine prosaische Rückseite zeigt zum Wald, wo Eichhörnchen herumflitzen. Seine charakteristische, fast lyrische Südkurve wurde gezielt auf Licht und Sonne ausgerichtet, bei freiem Blick auf die Davoser Bergwelt und, mit etwas Glück, kühn herumfliegende Alpendohlen. Nun soll unmittelbar davor ein hoher Neubau entstehen. Die Bauprofile sind bereits angebracht und lassen die beunruhigenden Dimensionen erkennen. Teile des historischen Hauses würden künftig auf einen nur wenige Meter entfernten Baukörper blicken; Personal und Gäste würden einen erheblichen Teil der heutigen Aussicht verlieren. Zugleich wäre das Waldhotel vom Tal aus teilweise verdeckt. Die Frage ist, wie viel Schutz ein architektonisch sowie kultur- und literaturgeschichtlich bedeutender Ort mitsamt seiner Umgebung verdient. Es ist auf jeden Fall ein Thema, das weit über Davos hinaus beachtet und von den Medien in der Schweiz und in Deutschland aufgegriffen werden sollte. Bisher herrscht Schweigen im Walde.

Abb.: Das Sanatorium im Jahre 2012 (Foto: Die Kunst, Bd. 26, Universitätsbibliothek Freiburg)

Ein Roboter in Gestalt einer Ente

Enten waren immer wieder Vorbild für animaloide Automaten und Roboter, insbesondere in Frankreich und Japan. Das europäische Land ist eigentlich für seinen grausamen Umgang mit diesen Tieren bekannt, scheint ihnen aber auch freundlich gesonnen zu sein. Berühmt wurde die mechanische Ente von Jacques de Vaucanson aus dem Jahre 1738/1739. 1709 in Grenoble geboren, starb der begnadete Ingenieur 1782 in Paris. Pollen Robotics hat seinen Sitz in Bordeaux. Das Unternehmen gehört inzwischen zu Hugging Face mit Sitz in Manhattan. Mit Microduck hat es einen kompakten Roboter vorgelegt, der als Experimentierplattform für Physical AI und Reinforcement Learning entwickelt wurde. Mit einer Höhe von rund 25 Zentimetern und einem Gewicht von weniger als 800 Gramm ist er vergleichsweise klein. Zur Ausstattung gehören 15 Motoren, eine Kamera, ein LiDAR-Sensor, zwei IMUs (Sensoren, die Beschleunigungen und Drehbewegungen messen), Mikrofone und Lautsprecher. Ein beweglicher Schnabel ermöglicht es der kleinen Ente zudem, kleine Gegenstände zu greifen. Sie kann laufen, sitzen, aufstehen, Gegenstände aufnehmen und verschiedene Bewegungsabläufe ausführen. Auch auf Inline-Skates, die man dazu bestellen kann, kann sie dahingleiten. Nach einem Sturz vermag sie sich aus unterschiedlichen Positionen selbstständig wieder aufzurichten. Im Mittelpunkt steht jedoch weniger die Nutzung als klassisches Roboterspielzeug als vielmehr das Experimentieren mit einem lernenden KI-System. Bewegungen und Verhaltensweisen können zunächst in einer Simulation trainiert und anschließend auf den realen Roboter übertragen werden. Dieses sogenannte Sim-to-Real-Verfahren ermöglicht praktische Experimente mit Reinforcement Learning und Robotik. SDK, Simulation und Software für Reinforcement Learning stellt Pollen Robotics als Open Source zur Verfügung. Microduck verbindet damit eine vergleichsweise zugängliche Hardwareplattform mit aktuellen Methoden der KI- und Robotikforschung. Weitere Informationen sind über pollen-robotics.com verfügbar.

Abb.: Microduck in Aktion (Foto: Pollen Robotics)

Projekt „LearnDifferently“ beginnt

Am 4. September 2026 hat Naara Montzerrat Mata Rivera ihr Projekt „LearnDifferently“ im Kontext von Inclusive AI unter der Betreuung von Prof. Dr. Oliver Bendel begonnen. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung einer adaptiven, KI-gestützten Lernanwendung für Kinder und Jugendliche mit Dyskalkulie, die direkt im regulären Schulunterricht eingesetzt werden kann. Die Anwendung soll mathematische Aufgaben, Erklärungen und Schwierigkeitsgrade individuell an den Lernstand anpassen und dabei unterschiedliche Lernwege durch visuelle, auditive und sprachliche Unterstützung ermöglichen. Neben der technischen Umsetzung eines funktionsfähigen Prototyps stehen dessen Evaluation sowie eine ethisch verantwortungsvolle Gestaltung nach den Prinzipien des Value Sensitive Design im Vordergrund. Ziel ist es, die mathematischen Grundkompetenzen zu stärken, Lernängste abzubauen und die soziale Inklusion im Klassenzimmer zu fördern. Das Projekt ist Teil der Abschlussarbeit der Studentin im Studiengang Business AI an der Hochschule für Wirtschaft FHNW.

Abb.: Eine Lernwendung für Kinder und Jugendliche mit Dyskalkulie

Hack Apertus in Olten

Mit Hack Apertus startet im Herbst 2026 eine schweizweite Hackathon-Reihe rund um Apertus, das offene Schweizer Sprachmodell. Die Hochschule für Wirtschaft FHNW beteiligt sich als akademischer Partner an der Initiative und ermuntert ihre Studenten dazu, eigene Ideen, Experimente und Anwendungen einzubringen. Prof. Dr. Andreas Martin ist der Ansprechpartner. Apertus wurde im Rahmen der Swiss AI Initiative von Forschern der ETH Zürich, der EPFL und weiteren Partnern entwickelt und auf dem Supercomputer Alps des Swiss National Supercomputing Centre (CSCS) trainiert. Eine Besonderheit ist die konsequente Offenheit: Modelle, Code und Informationen zum Training sind öffentlich zugänglich. Im Juli 2026 erschien mit Apertus 1.5 eine neue Version, die neben Text auch Bilder und Audio verarbeiten kann und verbesserte Fähigkeiten beim logischen Schlussfolgern und beim Einsatz von Werkzeugen bietet. Genau hier setzt Hack Apertus an. Vom 1. bis zum 16. Oktober 2026 findet zunächst ein Online-Hackathon statt. Die Aufgaben reichen vom Red-Teaming über die Anpassung an Schweizer Sprachen und Idiome bis hin zur Entwicklung eigener Anwendungen. Anschließend folgen Veranstaltungen an verschiedenen Orten in der Schweiz. Die besten Projekte treffen sich im Mai 2027 zum Finale in St. Gallen. Die entwickelten Prototypen sollen als Open Source veröffentlicht werden. Auch an der Hochschule für Wirtschaft FHNW wird praktisch mit Apertus gearbeitet: Beim MAKEathon am 24. und 25. Oktober 2026 auf dem FHNW-Campus Olten sind entsprechende Challenges vorgesehen. Interdisziplinäre Teams entwickeln dort innerhalb von zwei Tagen Prototypen für konkrete Problemstellungen. Damit verbindet die Hochschule für Wirtschaft FHNW aktuelle KI-Forschung mit einem Ansatz, der zu ihrem praxisorientierten Profil passt: Neue Technologien werden nicht nur diskutiert, sondern in konkreten Projekten erprobt und auf ihren Nutzen für Wirtschaft und Gesellschaft untersucht. Weitere Informationen und Anmeldung über hackapertus.ch.

Abb.: Studenten in Olten (Foto: Pati Grabowicz)

Ein neuer Booboo im Social Robots Lab

Im privat finanzierten Social Robots Lab von Prof. Dr. Oliver Bendel ist seit September 2026 ein grauer Booboo zu finden. Alternative Namen sind Boo Boo, BooBoo und Cupboo AI Robotic Pet. Bereits seit Juli 2024 wohnt dort ein schwarzer Booboo, der aber im Juli 2026 an die Universität Potsdam gereist ist, um dort einige Zeit zu verbringen. Genmoor schreibt auf seiner Website: „Boo Boo is not just a toy. It is also the king of the planet Lonely …“ (Website Genmoor). Nach Angaben des Herstellers werden die Bewegungen von Boo Boo durch ein komplexes Steuerungssystem ermöglicht. „Therefore please be kind to Boo Boo, it is not an ordinary robotic pet. It could give you different responds according to your interaction.“ (Website Genmoor) Weitere Roboter und Figuren im Social Robots Lab sind u.a. Unitree Go2, Alpha Mini, Cozmo, Vector, AIBI, Eiliko, Furby, Tamagotchi, Hugvie und HUGGIE. Zu Besuch waren wiederholt NAO und Pepper, wie auch eine 3sat-Dokumentation aus dem Jahre 2023 verrät. Die Genmoor Group ist nach eigenem Bekunden eine „exclusive group for daring futurists who love tech-psychology“ (Website Genmoor). Das Unternehmen wurde 2020 in Hangzhou (China) gegründet. In den Wahlmodulen von Oliver Bendel zur Sozialen Robotik ist der schwarze Booboo besonders beliebt. Der graue wird sich im Februar vorstellen. Die Studentin Sushana Yogeswararasah, eine frühere Teilnehmerin, hat ihn bereits auf den Namen Kumo getauft – japanisch für „Wolke“ oder „Spinne“, je nach Kontext und Schriftzeichen.

Abb.: Ein neuer Booboo

Oliver Bendel ist Gastwissenschaftler an der Universität Potsdam

Prof. Dr. Oliver Bendel von der Hochschule für Wirtschaft FHNW ist vom 1. September 2026 bis zum 31. August 2027 Gastwissenschaftler an der Universität Potsdam. Er versteht sich als Technikphilosoph, mit einer Fokussierung auf Technikethik und neuere Forschungsfelder der angewandten Ethik, vor allem Informations- und Roboterethik sowie Maschinenethik. In der Informations- und Roboterethik vertritt er einen empirisch informierten oder empirisch fundierten, gegenstandsnahen Ansatz. Ethischen Urteilen geht eine möglichst genaue empirische und technische Analyse voraus: Zunächst ist zu klären, wie ein konkretes System beschaffen ist, welche Funktionen es besitzt, welche Daten es verarbeitet und welche Wirkungen von ihm ausgehen. Erst auf dieser Grundlage werden normative Fragen etwa nach informationeller Autonomie, Privatheit, Verantwortung oder Wohlergehen untersucht. Aus der Beschreibung allein werden dabei keine normativen Aussagen abgeleitet, und empirische Befunde und normative Prämissen bleiben unterscheidbar. In der Maschinenethik ergänzt Bendel diesen Ansatz um eine konstruktiv-experimentelle Methodik. Er entwickelt und erprobt selbst Prototypen, etwa spezielle Chatbots, Sprachassistenten und Haushaltsroboter, in denen moralische Regeln implementiert werden. Die Konstruktion dient dabei als Erkenntnismethode: Sie soll zunächst zeigen, ob und wie sich bestimmte moralische Regeln operationalisieren und technisch umsetzen lassen. Anschließend werden die entstandenen Artefakte systematisch untersucht, um Möglichkeiten, Grenzen, Widersprüche und unerwartete Folgen der Implementierung sichtbar zu machen. Es entsteht eine Rückkopplung von ethischer Konzeption, technischer Konstruktion, empirischer Erprobung und ethischer Reflexion. Insgesamt lässt sich das Vorgehen damit als empirisch fundierter und konstruktiv-experimenteller Ansatz in der Technikethik und verwandten Forschungsfeldern charakterisieren. Bereits seit 2022 ist Oliver Bendel assoziierter Forscher der Potsdam Embodied Cognition Group (PECoG) an der Universität Potsdam.

Abb.: Oliver Bendel an der Hochschule für Wirtschaft FHNW (Foto: Jork Weismann)

Assistive Glasses as Inclusive AI Wearables

The master’s thesis „Inclusive AI for Wearables: Assistive Glasses as a Case Study“ by Myriam Rellstab, a student at the FHNW School of Business, has reached an important milestone. In the summer of 2026, she completed her comprehensive thesis proposal under the supervision of Prof. Dr. Oliver Bendel. The proposal already provides some interesting preliminary findings. Consumer-oriented smart glasses and assistive systems are increasingly based on the same technological foundations, including computer vision, speech recognition, natural language processing, contextual awareness, and real-time information processing. Nevertheless, research and development still tend to treat mainstream and assistive smart glasses as separate categories. This suggests an important opportunity for Inclusive AI: future smart glasses could be conceived as shared technological platforms serving people with and without disabilities rather than as separate mainstream and assistive products. A central question emerging from the proposal concerns the appropriate design strategy. Rellstab distinguishes between universal, specialized, and modular approaches. Universal solutions promise a coherent and inclusive experience but may not adequately address highly specific needs. Specialized solutions can provide targeted support but risk maintaining the separation between mainstream and assistive technologies. Modular systems could offer a middle ground by combining a common platform with components and functions that can be adapted to individual requirements, although this comes with greater complexity. The next stages of the thesis will combine a structured literature review and comparative analysis of existing smart-glasses systems with qualitative interviews involving blind, low-vision, and Deaf or hard-of-hearing users. The ultimate goal is to derive design requirements and develop a conceptual framework for future inclusive AI-supported smart glasses.

Fig.: Assistive glasses as inclusive AI wearables

So war Anna von IKEA

Anna von IKEA war ein Chatbot, der ab 2006 auf www.ikea.at und ab 2007 auf www.ikea.ch und www.ikea.de schaltete und waltete. Es waren auf den beiden zuletzt genannten Websites leicht unterschiedlich gestaltete Avatare zu finden, mit leicht unterschiedlichen Informationen, aber beide in der Berufskleidung des Unternehmens. Beide waren animiert, wechselten aber nur unwesentlich Mimik und Haltung. Anna deckte Fragen zum Kontext, zu ihrer Existenz und zur Firma breit ab. Als die Schweizerin 2015 gefragt wurde, welches Jahr wir haben, antwortete sie korrekt: „Wir schreiben das Jahr 2015!“. Wenn man sich nach ihren Lieblingsfarben erkundigte, identifizierte sie sich ganz mit ihrem Arbeitgeber: „Meine Lieblingsfarben sind gelb und blau!“, und wenn man Sport erwähnte, der in der Schweiz immer Gesprächsstoff bietet, war sie begeistert: „Sport ist gesund und macht glücklich!“ … Eher dezent versuchte sie dann zu ihrer eigentlichen Bestimmung zurückzukehren. Sie beriet nicht nur zu Möbeln und Accessoires, sondern rief auch die entsprechenden Seiten auf, fungierte also als Informationssystem und als Navigationshilfe. Nach ein paar Jahren war Schluss – das Möbelhaus verzichtete auf seine durchaus überzeugende virtuelle Assistentin. Der Zeitpunkt nach 2015 war ungewöhnlich, denn gerade begannen Chatbots wieder zu boomen, fast so wie um die Jahrtausendwende. Im Beitrag „Von Cor@ bis Mitsuku: Chatbots in der Kundenkommunikation und im Unterhaltungsbereich“, erschienen im „Handbuch Digitale Wirtschaft“ (Hrsg. Tobias Kollmann), erfährt man mehr über Anna und ihre Kollegen und Kolleginnen.

Abb.: Ein Ausschnitt aus der IKEA-Website aus dem Jahre 2010

Didaktik und Maschinenethik bei IdiomVoice

IdiomVoice ist ein Forschungsprojekt zur Vermittlung des Rätoromanischen mithilfe von Chatbots. Die Projektleitung liegt bei Nadine Ganz von der FH Graubünden. Im Zentrum steht der regelbasierte Chatbot Lina, der Kindern das Idiom Sursilvan auf spielerische und alltagsnahe Weise näherbringen soll. Daneben gibt es Familienmitglieder, die mit Hilfe eines LLM umgesetzt werden. Die Hochschule für Wirtschaft FHNW bringt beratende Expertise sowie Arbeitspakete zur Didaktik und zur Maschinenethik ein. Dabei fließen Erfahrungen von Prof. Dr. Oliver Bendel aus der Forschung zu pädagogischen Agenten und aus der Entwicklung moralischer Chatbots ein. Auf seine Initiative entstand mit @llegra bereits 2023 der erste Chatbot für Rätoromanisch, und zwar für das Idiom Vallader. Im ersten Deliverable der Hochschule für Wirtschaft FHNW für IdiomVoice vom März 2025 wurde ein didaktisches Konzept für die Chatbots entwickelt. Im Mittelpunkt stehen motivierende Dialoge, Mikromissionen, unmittelbare Rückmeldungen und eine kindgerechte Gesprächsführung, die ohne Benutzerkonten auskommt und das Sprachlernen nachhaltig unterstützt. Das zweite Deliverable vom Juli 2026 bewertet das Guardrail-Konzept der LLM-basierten Personas aus maschinenethischer Sicht. Es entwickelt Empfehlungen für sichere und altersgerechte Dialoge sowie für ein ethisch begründetes Zusammenspiel der Reaktionen, damit die Chatbots pädagogisch sinnvoll und verantwortungsvoll handeln. Das Projekt soll im Herbst 2026 abgeschlossen und die Anwendung für die Öffentlichkeit frei verfügbar sein.

Abb.: Kinder beim Lernen

Richard S. Wallace und A.L.I.C.E.

Während Unternehmen wie Artificial Life, NativeMinds und Extempo auf kommerzielle Chatbots, ambitionierte Avatare und virtuelle Assistenten setzten, verfolgte Richard S. Wallace mit A.L.I.C.E. (Artificial Linguistic Computer Entity) einen anderen Ansatz. Der 1995 entwickelte Chatbot war als Open-Source-Projekt frei verfügbar und konnte von jedem heruntergeladen, erweitert und an eigene Bedürfnisse angepasst werden. Herzstück war die von Wallace entwickelte Markierungssprache AIML (Artificial Intelligence Markup Language), mit der sich Dialoge und Wissensbasen vergleichsweise einfach erstellen ließen. Die Website bot nicht nur eine Live-Demo des Chatbots, sondern auch Program B zum kostenlosen Download, umfangreiche Dokumentationen, Mailinglisten und den Treffpunkt einer wachsenden Entwicklergemeinschaft. Anders als die mit Avataren versehenen Dialogsysteme der Konkurrenz konzentrierte sich A.L.I.C.E. vollständig auf den Dialog selbst und wurde damit zu einem der einflussreichsten Chatbotprojekte seiner Zeit. Der Bot gewann mehrfach den Loebner Prize und machte AIML über viele Jahre zum De-facto-Standard für regelbasierte Dialogsysteme. Zahlreiche spätere Chatbots entstanden auf dieser Grundlage und machten A.L.I.C.E. zu einem der wichtigsten Wegbereiter der heutigen Conversational AI.

Abb.: Die Website von A.L.I.C.E. im Jahre 1999

Extempo und Spence’s Bar

1997 präsentierte das US-Unternehmen Extempo mit Spence’s Bar eines der faszinierendsten KI-Projekte seiner Zeit. Die virtuelle Bar versetzte die Besucher in eine kleine Kneipe irgendwo in Hollywood, in der sie Getränke bestellen, mit anderen Besuchern chatten und sich mit der virtuellen Barkeeperin Erin unterhalten konnten. Während die erste Version den Benutzer als sich selbst auftreten ließ, führte Spence’s Bar with Avatars ein völlig neues Konzept ein: Jeder Teilnehmer übernahm die Rolle einer von sechs fiktiven Figuren wie einem Reporter, Polizisten oder Rockstar. Die eigens entwickelte LiveComics-Software für Windows 95 verband Avatare, Emotionen, Aktionen und Texteingaben mit einem KI-System, das passende Dialoge und Verhaltensweisen erzeugte und den Benutzer dabei unterstützte, seine Rolle glaubwürdig zu spielen. Ziel war nicht ein klassisches Computerspiel, sondern gemeinsames improvisiertes Erzählen, bei dem sich die Handlung wie eine Sitcom oder Seifenoper aus den Interaktionen der Teilnehmer entwickelte. Damit vereinte Extempo bereits Ende der 1990er-Jahre Konzepte wie virtuelle Welten, KI-gestützte Avatare, Mehrbenutzerrollenspiele und natürliche Sprachdialoge, also mehrheitlich Ideen, die erst Jahrzehnte später mit modernen KI-Agenten und Character-AI-Systemen breite Aufmerksamkeit erhielten. Neben Extempo war Artificial Life ein ebenbürtiger Pionier auf diesem Gebiet. Auf beide Firmen ging Oliver Bendel in seiner Doktorarbeit zu pädagogischen Agenten, die um die Jahrtausendwende entstand, ausführlich ein.

Abb.: Spence’s Bar von Extempo im Jahre 1997

Der präziseste Übersetzer der Welt?

DeepL wirbt für sich mit dem Spruch „Der präziseste Übersetzer der Welt“. Trifft diese Selbsteinschätzung zu? Das kann man durch Tests schnell selbst herausfinden. Teilweise werden Begriffe völlig falsch übersetzt. So macht DeepL aus dem deutschen Satz „Unser Ansatz in der Tier-Maschine-Interaktion ist ähnlich.“ den englischen Satz „Our approach to human-animal-interaction ist similar.“ – korrekt wäre „Our approach to animal-machine interaction ist similar.“ gewesen. Dadurch gewinnt der Text eine ganz andere Bedeutung, und das Tier, das bei dieser Disziplin im Fokus steht, verschwindet. Aus „She is one of the best-known writers in the world“ wird „Sie ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen der Welt“. Dies ist auch bei menschlichen Übersetzern und Autoren ein beliebter Fehler, mit dem die Leistung von Mädchen und Frauen geschmälert wird. Korrekt wäre „Sie ist einer der bekanntesten Schriftsteller der Welt.“ oder „Sie gehört zu den bekanntesten Schriftstellern der Welt.“ … In vielen Fällen verwendet DeepL, wie in früheren Tests gezeigt wurde, nicht einmal Standardsprache. Dies ist auch ein Problem bei ChatGPT und Claude. Sie alle verfolgen eine sprachpolitische Agenda, umgesetzt durch Auswahl der Trainingsdaten, Reinforcement Learning from Human Feedback und Alignment bzw. Prompt Engineering. Man kann in den Einstellungen oder durch Prompts vorgeben, dass Standardsprache verwendet wird, doch zumindest bei ChatGPT wird dies oft ignoriert oder erst nach einer Beschwerde im zweiten Anlauf berücksichtigt. Der präziseste Übersetzer der Welt? Davon kann leider keine Rede sein.

Abb.: DeepL beim Halluzinieren von Wörtern (invertierte Darstellung)

Euclid als 3D-Modell

Die ICSR + Art 2026 fand vom 1. bis zum 4. Juli in London statt. Sie brachte Forscher, Wissenschaftler und Fachleute aus aller Welt zusammen, um die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der Sozialen Robotik zu diskutieren. Zu den Konferenzformaten gehörte eine Reihe von Debatten, die in der Debate Hall des Senate House geführt wurden. Am zweiten Konferenztag hatten die Teilnehmer die Gelegenheit, mit Euclid zu interagieren, einem Androiden, der von Carl Strathearn und Emilia Sobolewska entwickelt wurde. Dies geschah im Rahmen der Session „Innovation Through Creation: The Case for Building Our Own Social Robots for HRI Research“. Euclid ist ein autonomer sozialer Roboter, der über automatische Spracherkennung, Computer Vision, generative KI, Hautsensoren sowie einen robotischen Mund verfügt, der mithilfe von maschinellem Lernen realistische Viseme erzeugt. Der Android wurde für soziale und unterstützende Interaktionen mit älteren Menschen entwickelt und demonstriert, wie Fortschritte in der Künstlichen Intelligenz und Robotik eine immer natürlichere Kommunikation zwischen Mensch und Roboter ermöglichen. Gleichzeitig bietet er eine überzeugende Plattform für die Forschung zur Mensch-Roboter-Interaktion. Nach der Veranstaltung überreichte Carl Strathearn dem Technikphilosophen Oliver Bendel, der als Publicity Chair fungierte, ein 3D-gedrucktes Modell von Euclid. Weitere Informationen sind über www.carlstrathearn.co.uk verfügbar.

Abb.: Euclid als 3D-Modell