Ich, wir oder es

ChatGPT spricht – wie viele andere LLM-basierte Chatbots – in der ersten Person Singular. Damit gibt es vor, eine Person zu sein, die es nicht ist. Zumindest wird gefördert, dass man es für eine Person hält. Es ist natürlich die Frage, ob Alternativen vorhanden sind. Es handelt sich um Dialogsysteme, die auf natürlicher Sprache beruhen, und es ist naheliegend, den Chatbot als Gesprächspartner zu konstruieren. Michelle Cohn et al. haben herausgefunden, dass schon die Wahl zwischen „Ich“ und „das System“ die Wahrnehmung eines Sprachmodells beeinflussen kann. Murray Shanahan et al. stellen die Frage „How are we to understand what is going on when an LLM-based dialogue agent uses the words ‚I‘ or ‚me‘?“ … Das „Ich“ sollte ihrer Meinung nach als sprachliche Konvention des Dialogsystems verstanden werden und nicht als Hinweis auf Selbstbewusstsein. Cristian González-Arias et al. machen den Vorschlag, anstatt „I can help you with that“ eine unpersönliche Formulierung wie „ChatGPT can help you with that“ auszugeben. Interessant ist, dass der Chatbot bei der Bilderstellung – etwa mit GPT Image 2 – in die erste Person Plural wechselt, etwa mit Sätzen wie „Wir verfeinern gerade die Details“. Was will man damit bezwecken? Vielleicht will man suggerieren, dass ein ganzes Team hinter der Bilderstellung steht und es auch deshalb etwas länger dauert als eine übliche Textantwort. Vielleicht will man die Benutzer einbeziehen, wobei diese in diesem Moment nicht eingreifen und nichts beitragen können. Vielleicht will man auch nur allgemein einen Unterschied zwischen Text- und Bilderstellung markieren. Hier ist offensichtlich noch Erklärungs- und Forschungsbedarf vorhanden.

Abb.: Ich, wir oder es

Ein Handy erwidert den Blick

„Nothing Phone (2a) bekommt Glubschaugen“ – so titelte Golem am 28. Februar 2024. Das sehen die Benutzer genauso. Einer schreibt in seinem Kommentar im Unternehmensblog: „Phoebe: ‚My eyes, My eyes'“ … Ein anderer: „This is so great. I can see a robot there?“ Und ein weiterer: „Fresh Eyes For a Reason“. Nothing selbst hat diese Wortwahl vorgegeben: „See the world through fresh eyes.“ Normalerweise gibt man seinem Smartphone keinen Namen. Die Augen könnten aber genau dazu führen. Das Smartphone würde damit neben das Auto, den Staubsaugerroboter und viele andere Gegenstände treten, die wir zärtlich oder scherzhaft benennen. Es ist nicht abschließend geklärt, warum Menschen dies tun. Vermutlich hat es mit der Bewegung von Dingen zu tun, die an die Bewegung von Lebewesen erinnert, aber auch mit der Bedeutung, die sie für unser Leben haben. Und wenn sie soziale Merkmale erhalten, Augen, Mund, Töne oder natürliche Sprache, dann liegt es nahe, sie wie Lebewesen zu behandeln. In bestimmte Formen wiederum projizieren wir etwas hinein, und die Anthropomorphisierung kann so weit gehen, dass wir mit Aussehen und Verhalten bestimmte Fähigkeiten verbinden. Im Falle des Nothing Phone (2a) sind eigentlich nur Kameralinsen vorhanden – aber diese erscheinen uns offensichtlich als Augen. Ein Blickfang waren die nachhaltigen Geräte schon immer. Nun scheinen sie den Blick zu erwidern.

Abb.: Ein Handy erwidert den Blick