Zu Begriffsverwirrungen rund um KI und Robotik

Gaben sich bis vor kurzem noch alle als Experten für Künstliche Intelligenz (KI) aus, sind nun alle Experten für Robotik. Insgesamt ergeben sich Bedeutungsverschiebungen und Begriffsverwirrungen. So ist oft von KI die Rede, wenn eigentlich generative KI gemeint ist. Damit verbunden sind grundsätzliche Einschätzungen, die aber lediglich auf bestimmte KI-Systeme zutreffen. Weiterhin trifft man ständig auf „KI-Chatbots“. Allerdings basieren alle Chatbots auf Formen künstlicher Intelligenz. Früher gab es vor allem regelbasierte Systeme, heute setzt man auf ML- bzw. LLM-basierte (wobei „ML“ für „Machine Learning“ steht, „LLM“ für „Large Language Model“). Dennoch ist die alte Welt der symbolischen KI keineswegs untergegangen. Auch von „KI-Deepfakes“ und „AI Deepfakes“ hört man – dabei steht „Deep“ für „Deep Learning“, womit KI (genauer gesagt eine Form von Machine Learning) bereits angesprochen ist. Ebenfalls beliebt ist der Begriff des humanoiden Roboters. Es handelt sich dabei eigentlich um menschenähnlich gestaltete sensomotorische Maschinen. Zu ihnen gehören soziale Roboter wie NAO, Pepper und Alpha Mini ebenso wie Modelle, die als Allzweckroboter vermarktet werden, etwa Digit, Apollo und Figure 03. Allzweckroboter sind in aller Regel humanoide Roboter, aber nicht alle humanoiden Roboter sind Allzweckroboter – und dennoch wird allenthalben so getan. Auch der Begriff der Humanoiden verbreitet sich. Dieser ist allerdings bereits belegt, er ist breiter angelegt, denn er bezeichnet sowohl menschenähnliche Artefakte als auch menschenähnliche Lebewesen (etwa fiktive Aliens wie die Vulkanier). Man darf immer neue Begriffe einführen, man darf alte umdeuten. Vorsicht ist jedoch geboten, wenn jahrzehntelange Bemühungen der Bestimmung und Klärung vorhanden sind und in den Fachgemeinschaften ein Konsens besteht. Man sorgt durch den unreflektierten Gebrauch nicht nur für Begriffsverwirrungen in der Gegenwart, sondern auch mit Blick in die Vergangenheit – ältere Texte werden mehr und mehr unverständlich, selbst wenn sie die Grundlagen von Robotik und Künstlicher Intelligenz darstellen.

Abb.: Der Wearable Social Robot Eiliko bei Sonnenuntergang

260 Beiträge im Gabler Wirtschaftslexikon

Seit Juni 2012 schreibt Prof. Dr. Oliver Bendel für das Wirtschaftslexikon von Springer Gabler, das größte Wirtschaftslexikon im deutschsprachigen Raum, genannt Gabler Wirtschaftslexikon. Bis Juli 2024 sind ca. 260 Beiträge entstanden, vor allem in den Bereichen Ethik, Künstliche Intelligenz und Robotik. In regelmäßigen Abständen werden sie in „Keywords“-Bücher überführt. Für diese werden ca. die Hälfte bis zwei Drittel der Beiträge neu hinzugeschrieben. Es sind fünf „Keywords“-Bände herausgekommen, zur Informationsethik, zur Digitalisierung, zur Sozialen Robotik und zur generativen KI – und zur Wirtschaftsethik, verfasst zusammen mit zwei Co-Autoren. Von „Adults Only“ bis „Zukunft“ reicht im Gabler Wirtschaftslexikon das Spektrum. Immer mehr werden Begriffe rund um das Weltall, den Umweltschutz und die Tier-Computer-Interaktion bzw. Tier-Maschine-Interaktion aufgenommen. Wichtig sind Oliver Bendel grundsätzliche Ausführungen zu „Mensch“, „Kultur“, „Kunst“, „Schönheit“, „Zivilisation“ etc., wobei immer eine Wendung zur Ethik, zur Robotik oder zur KI vorhanden ist. Die Beiträge zeichnen sich durch eine klare, aber auch zuweilen poetische Sprache aus. Sie sind im Vergleich zu den anderen relativ lang und haben immer die selbe Struktur, vom Allgemeinen zum Besonderen, vom Technischen und Wirtschaftlichen zum Ethischen. Die aktuelle Liste kann man hier aufrufen.

Abb.: Bei einem Wahlmodul von Oliver Bendel zu sozialen Robotern

Terminologische Vorschläge zu Künstlicher Intelligenz und Maschinenethik

Immer wieder hört man, oft von Theologen, manchmal von Philosophen, dass Maschinen nicht autonom seien, nicht intelligent, nicht moralisch etc. Sie übertragen den Begriff, den sie aus ihrem Bereich kennen, auf technische Wissenschaften wie Informatik, Künstliche Intelligenz (KI) und Maschinenethik (die technisch geprägt ist und eng mit KI und Robotik zusammenarbeitet). Sie anerkennen nicht, dass jede Disziplin ihre eigenen Begriffe haben kann (und in der Regel hat). Bei einer Tagung im Jahre 2015 beschimpfte Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert, ein zutiefst religiöser Mann, die Referenten mit den Worten, Maschinen seien nicht autonom, sie hätten sich nämlich nicht selbst ein Gesetz gegeben. Nun sprechen Informatik und Robotik aber nun einmal von autonomen Systemen und Maschinen, und selbstverständlich dürfen sie das, wenn sie darlegen, wie sie das meinen. Eine solche Begriffsklärung und -aneignung steht sogar am Anfang jeder wissenschaftlichen Betätigung, und dass die Begriffe gleich lauten wie die anderer Bereiche, heißt keineswegs, dass sie dasselbe bedeuten und bedeuten müssen. Eine neue Grafik von Prof. Dr. Oliver Bendel, die auf früheren Entwürfen aufbaut, stellt dar, was der Gegenstandsbereich der Disziplinen oder Arbeitsbereiche der KI, der Maschinenethik und des Maschinellen Bewusstseins ist, und macht für sie terminologische Vorschläge. Im Kern geht es diesen darum, etwas in bestimmten Aspekten ab- oder nachzubilden bzw. zu simulieren. So schafft es die Künstliche Intelligenz eben, künstliche Intelligenz hervorzubringen, etwa Dialogsysteme oder Maschinen, die bestimmte Probleme lösen. Ob diese „wirklich“ intelligent sind oder nicht, ist keine sinnvolle Frage, und der Terminus technicus benutzt nicht umsonst das Adjektiv „künstlich“ – hier wäre noch einfacher als im Falle von „autonom“ zu verstehen, dass es sich um eine „neue“ (immerhin seit über 50 Jahren erklärte) Bedeutung handelt.

Abb.: Eine Begriffsklärung für AI, ME und MC