So war Anna von IKEA

Anna von IKEA war ein Chatbot, der ab 2006 auf www.ikea.at und ab 2007 auf www.ikea.ch und www.ikea.de schaltete und waltete. Es waren auf den beiden zuletzt genannten Websites leicht unterschiedlich gestaltete Avatare zu finden, mit leicht unterschiedlichen Informationen, aber beide in der Berufskleidung des Unternehmens. Beide waren animiert, wechselten aber nur unwesentlich Mimik und Haltung. Anna deckte Fragen zum Kontext, zu ihrer Existenz und zur Firma breit ab. Als die Schweizerin 2015 gefragt wurde, welches Jahr wir haben, antwortete sie korrekt: „Wir schreiben das Jahr 2015!“. Wenn man sich nach ihren Lieblingsfarben erkundigte, identifizierte sie sich ganz mit ihrem Arbeitgeber: „Meine Lieblingsfarben sind gelb und blau!“, und wenn man Sport erwähnte, der in der Schweiz immer Gesprächsstoff bietet, war sie begeistert: „Sport ist gesund und macht glücklich!“ … Eher dezent versuchte sie dann zu ihrer eigentlichen Bestimmung zurückzukehren. Sie beriet nicht nur zu Möbeln und Accessoires, sondern rief auch die entsprechenden Seiten auf, fungierte also als Informationssystem und als Navigationshilfe. Nach ein paar Jahren war Schluss – das Möbelhaus verzichtete auf seine durchaus überzeugende virtuelle Assistentin. Der Zeitpunkt nach 2015 war ungewöhnlich, denn gerade begannen Chatbots wieder zu boomen, fast so wie um die Jahrtausendwende. Im Beitrag „Von Cor@ bis Mitsuku: Chatbots in der Kundenkommunikation und im Unterhaltungsbereich“, erschienen im „Handbuch Digitale Wirtschaft“ (Hrsg. Tobias Kollmann), erfährt man mehr über Anna und ihre Kollegen und Kolleginnen.

Abb.: Ein Ausschnitt aus der IKEA-Website aus dem Jahre 2010

Richard S. Wallace und A.L.I.C.E.

Während Unternehmen wie Artificial Life, NativeMinds und Extempo auf kommerzielle Chatbots, ambitionierte Avatare und virtuelle Assistenten setzten, verfolgte Richard S. Wallace mit A.L.I.C.E. (Artificial Linguistic Computer Entity) einen anderen Ansatz. Der 1995 entwickelte Chatbot war als Open-Source-Projekt frei verfügbar und konnte von jedem heruntergeladen, erweitert und an eigene Bedürfnisse angepasst werden. Herzstück war die von Wallace entwickelte Markierungssprache AIML (Artificial Intelligence Markup Language), mit der sich Dialoge und Wissensbasen vergleichsweise einfach erstellen ließen. Die Website bot nicht nur eine Live-Demo des Chatbots, sondern auch Program B zum kostenlosen Download, umfangreiche Dokumentationen, Mailinglisten und den Treffpunkt einer wachsenden Entwicklergemeinschaft. Anders als die mit Avataren versehenen Dialogsysteme der Konkurrenz konzentrierte sich A.L.I.C.E. vollständig auf den Dialog selbst und wurde damit zu einem der einflussreichsten Chatbotprojekte seiner Zeit. Der Bot gewann mehrfach den Loebner Prize und machte AIML über viele Jahre zum De-facto-Standard für regelbasierte Dialogsysteme. Zahlreiche spätere Chatbots entstanden auf dieser Grundlage und machten A.L.I.C.E. zu einem der wichtigsten Wegbereiter der heutigen Conversational AI.

Abb.: Die Website von A.L.I.C.E. im Jahre 1999