Das Jahr der QR-Codes

Der bunte QR-Code mit der Figur im Mittelpunkt entstand 2009 im Rahmen einer Zusammenarbeit zwischen Louis Vuitton und Takashi Murakami. Die Partnerschaft begann Anfang der 2000er-Jahre, als der damalige Creative Director des Unternehmens, Marc Jacobs, den japanischen Pop-Art-Künstler einlud, das klassische Monogramm neu zu interpretieren. Die Entwicklung des QR-Codes erfolgte durch die Agentur SET in Tokio, die auf innovatives Design, mobile Technologien und interaktive Markensysteme spezialisiert ist. Louis Vuitton nutzte ihn auf Verpackungen, in Druckmedien und in Verkaufsläden, um eine Verbindung zwischen physischen Produkten und digitalen Inhalten herzustellen. Der QR-Code wurde dabei bewusst als sichtbares Designelement in die Markenästhetik integriert. Für Marc by Marc Jacobs, die damalige Zweitlinie des Designers, entwickelte SET zudem einen handgezeichneten QR-Code, der ähnlich bekannt wurde. Im selben Jahr begannen die Arbeiten an „handyhaiku“ von Oliver Bendel, dem weltweit ersten Band, in dem Gedichte direkt in QR-Codes gespeichert waren. Er wurde 2010 im Hamburger Haiku Verlag veröffentlicht und liegt heute kostenlos zum Download vor.

Abb.: Der gerahmte QR-Code

Der aufgesprühte QR-Code

Am 24. Oktober 2010 trat Oliver Bendel im Wittelsbacher Schloss in Friedberg beim „LITERATUR UPDATE BAYERN 2010“ auf. Michael Seefelder schrieb drei Tage später in der Augsburger Allgemeinen: „Der Wirtschaftsprofessor und freie Schriftsteller Oliver Bendel gilt in Europa als Pionier, was Handy-Haikus anbelangt. Im Friedberger Schloss lässt er am dritten Veranstaltungsabend die Grenzen zwischen den Medien verschwimmen. Der gedruckte Band, aus dem Bendel liest, enthält die Haikus in herkömmlichen Schriftzeichen und als QR-Codes. Diese Codes sind Informations-Speicher, die mit einem Scanner ausgelesen werden können. Parallel zum Textvortrag sprüht der Grafiker Christoph Knobel einen QR-Code auf eine Leinwand. Wird das Bild mit einem Handy gescannt, erscheint ein Haiku auf dem Display. Nicht immer sind Bendels Texte futuristisch. Neben Handygirl und Pixelboy, zwei Maschinenwesen, geht es auch um Homer, den griechischen Dichter der Odyssee.“ (Augsburger Allgemeine, 27. Oktober 2010) Eine Stunde dauerten Lesung und Performance. Dann konnten die Zuhörer und Zuschauer das Haiku auslesen und mit nach Hause nehmen. Das Buch „handyhaiku“ von Oliver Bendel war das erste weltweit, in dem Gedichte in QR-Codes untergebracht waren, nicht als Online-, sondern als Offlineanwendung. Die erste Auflage erschien 2010 im Hamburger Haiku Verlag.

Abb.: Oliver Bendel und der Sprayer von Friedberg im Jahre 2010

Ein Rückblick auf die Handyliteratur von Oliver Bendel

„Der bekannteste Autor von Handyromanen im deutschsprachigen Bereich ist der promovierte Wirtschaftsinformatiker Oliver Bendel aus Zürich.“ Dies schrieb die ZEIT am 13. März 2009. Bereits 2007 hatte er den Trend aus Japan nach Europa geholt. Es entstand eine Serie um die Privatdetektivin Lucy Luder und eine um die Superheldin Handygirl, einen Avatar auf dem Handy, der sich bei Gefahr für seine Besitzerin materialisiert und ihr aus der Patsche hilft. Mit „lonelyboy18“ war auch ein Einzelroman auf dem Markt. Der Schriftsteller und Wissenschaftler ließ eine junge Luzernerin den weltweit ersten Mundarthandyroman schreiben und brachte mehrere Gedichtbände für das Handy heraus, etwa „handyhaiku“ (2010), wo die Gedichte direkt in den QR-Codes gespeichert waren. Den Anfang machte ein selbst vertriebenes PDF, dann sprangen Verlage wie cosmoblonde aus Berlin und Blackbetty aus Wien mit Java-Umsetzungen auf, die über Premium-SMS-Server vertrieben wurden. ZDF und SRF drehten Dokumentationen zu der speziellen Literatur, das Standardwerk „Die Struktur der modernen Literatur“ von Mario Andreotti widmet sich ihr in mehreren Auflagen. Das Ende kam mit dem Erfolg des iPhone, das Java verschmähte. Jahre danach – der letzte Handyroman war 2011 erschienen – luden zwei Goethe-Institute den Schriftsteller zu einer Tournee durch die Niederlande ein. Vom 14. bis 16. September 2015 erzählte er an Universitäten und Fachhochschulen in Utrecht, Leiden, Groningen, Leeuwarden und Zwolle von seinen Handyromanen und -haikus und trug kurze Passagen aus seinen Werken vor. Experimentelle Literatur schreibt Oliver Bendel seit 1984. Zuletzt hat er KI-Literatur und -Kunst geschaffen.

Abb.: Studenten mit Oliver Bendel in Zwolle