Man muss sich ebenso darüber im Klaren sein, dass Eingriffe in ein solches System Folgen haben können, die sich später nicht ohne Weiteres zurücknehmen lassen. Gewohnheiten bilden sich aus, Regeln verändern sich, neue Konventionen entstehen und werden an die nächste Generation weitergegeben. Gerade deshalb sollte eine solche Veränderung nicht allein danach beurteilt werden, ob ihre Absicht derzeit als moralisch oder politisch wünschenswert gilt. Auch ihre Folgen für das sprachliche System selbst müssen betrachtet werden. So wie man sorgsam mit der Natur umgehen sollte, sollte man sorgsam mit der Kultur umgehen. Sprache und Schrift sind nicht bloß Material, das für den jeweils gewünschten Zweck beliebig umgeformt werden kann. Die Schrift ist ein historisch junges, über Jahrtausende entwickeltes Kulturwerkzeug, die Schriftsprache ein über Generationen geformtes Kulturgut. Beide haben wesentliche Errungenschaften der Zivilisation erst möglich gemacht. Wer in ihre gewachsenen Strukturen eingreift, sollte deshalb nicht nur wissen, was er erreichen will. Er sollte auch wissen, worin er eingreift. Und wenn man am Ende noch einmal aufsteigt und über diese Sprachlandschaft hinwegfliegt, sieht man vielleicht deutlicher, was auf dem Boden leicht aus dem Blick gerät, nämlich dass ihre Formen zusammengehören, dass Wege, Grenzen, Erhebungen und Täler eine über lange Zeit entstandene Ordnung bilden. Man kann in diese Landschaft der Sprache eingreifen. Man kann neue Pfade anlegen, Schneisen ziehen und den Verlauf des Geländes verändern. Aber bevor man es tut, sollte man diese Landschaft kennen, denn wer tief genug in ihre gewachsenen Strukturen eingreift, verändert nicht nur ihr Aussehen. Er riskiert, dass aus Wegen Irrwege, aus Grenzen Hindernisse werden und die Landschaft schließlich ihre wichtigsten Eigenschaften verliert, nämlich dass man sich in ihr zurechtfindet und zueinander findet.
Wenn man nun Zeichen wie den Asterisk, den Unterstrich oder den Doppelpunkt ins Wortinnere einfügt und ihnen dort eine neue strukturelle Funktion zuweist, greift man in diese Topografie ein. Aus „Lehrer“ und „Lehrerinnen“ wird „Lehrer*innen“, „Lehrer_innen“ oder „Lehrer:innen“. Die Zeichen stehen nicht zufällig an dieser Stelle. Sie sollen eine Grenze im Inneren der Wortform sichtbar machen und ihr zugleich eine grammatische und semantische Funktion geben. Der Eingriff betrifft daher nicht nur das Schriftbild. Er verändert die graphematische und orthografische Struktur der Wortform und wirkt auf ihre morphologische Gliederung ein. Das ist kein langsames Verschieben von Platten, kein gemächliches Aufstülpen von Bergen und Ausformen von Tälern. Es ist vielmehr das Einziehen von Schneisen, das Bohren von Löchern. Gewiss kann auch das Ergebnis bewusster Eingriffe irgendwann Teil eines Sprachwandels werden. Aber damit ist noch nicht beschrieben, wie dieser Wandel zustande kommt. Wo neue Formen gezielt vorgeschlagen, propagiert, institutionell gefördert oder normativ verlangt werden, haben wir es nicht allein mit ungesteuertem Sprachwandel zu tun, sondern auch mit Sprachlenkung. Man mag seine Gründe dafür haben, moralische, politische oder sprachpolitische. Aber man muss sich im Klaren darüber sein, dass man ein gewachsenes Gebilde mit seinen einzeln geformten und aufeinander bezogenen Teilen verändert und beeinträchtigt. Dabei war bisher nur von der geschriebenen Wortgestalt, von Graphematik, Orthografie und Morphologie die Rede, noch nicht von anderen Bereichen der Grammatik und des Sprachgebrauchs. …
Wo immer man in der Welt über das Deutsche spricht, kommt man schnell auf dessen unverwechselbare Wortstruktur und -bildung. Jeder kennt den „Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän“. Die Morphologie als Disziplin der Linguistik untersucht solche und andere Wörter. Sie widmet sich dem regulären und irregulären Sprachgebrauch. In den letzten Jahrzehnten gab es mehrere Versuche, dem Deutschen sein vielleicht bekanntestes Merkmal zu nehmen, indem in Missachtung von Grundprinzipien in Wortstruktur und -bildung eingegriffen wurde. Zunächst trat der falsch gesetzte Apostroph auf, auch als Deppenapostroph bekannt. „Willi’s Würstchenbude“ verbreitete sich in bestimmten Kreisen so sehr, dass sich der Duden – längst keine Referenz mehr – bemüßigt sah, diese Form der Deklination abzusegnen. Dies dürfte einige dazu ermuntert haben, auch den Plural entsprechend zu bilden, wie bei den „Auto’s“. Dann geriet das Leerzeichen ins Wortinnere, vor allem bei Komposita. Hersteller priesen ihre „Gemüse Suppe“ an, Benutzer, Medien und Experten ihre „Social Media-Kompetenzen“ oder „Social Media Kompetenzen“. Das Zusammenschreiben bzw. Durchkoppeln wurde nicht mehr beherrscht, die Wörter fielen auseinander bzw. standen nebeneinander. Schließlich führte man in der Gendersprache, einer Sondersprache, die von der (Mehrheit der) Sprachgemeinschaft abgelehnt wird, bestimmte Sonderzeichen im Wortinneren ein. Es entstanden die „Expert*innen“, wobei diejenigen Aktivisten oder Follower, die erkannten, dass dieses Wort diskriminierend war, indem es männliche Personen ausschloss, immerhin „Experten*innen“ schrieben, was es freilich auch nicht besser machte. Es entstand der Ausdruck „Deppenstern“, wobei es auch Doppelpunkte oder Unterstriche mit der gleichen (moralisch motivierten) Funktion gibt. Heute ist noch ein weiteres Phänomen zu beobachten. Obwohl ein Präfix im Deutschen einfach vorangestellt wird, ist in Texten von „nicht-amtlichen Schreibweisen“, „pro-palästinensischen Aktivisten“ (bzw. „Aktivist*innen“) oder „nicht-binären Personen“ die Rede. Man mag von einem Deppenbindestrich sprechen, einem Pendant zum Deppenleerzeichen. Nun ist es keinesfalls sinnvoll, alle als Deppen zu beschimpfen. Hier liegen zudem unterschiedliche Formen des Sprachwandels vor. Es begann mit einer unglücklichen Sprachvariation von unten, gefolgt von einer unsäglichen Sprachmanipulation von oben. In allen Fällen war aber ein ungenügendes Verständnis von den Grundprinzipien der deutschen Sprache vorhanden. Es wäre daher gut, diese verstärkt zu vermitteln. Es wäre eigentlich die Stunde der Linguisten. Aber diese scheinen – bis auf einige Ausnahmen wie Peter Eisenberg und Eckhard Meineke – anderweitig beschäftigt zu sein.