NativeMinds und Nicole

Um das Jahr 2000 zählte NativeMinds zu den bedeutendsten Pionieren ambitionierter Chatbots und virtueller Assistenten und gehörte neben Artificial Life zu den technologischen Vorreitern der Branche. Das Unternehmen entwickelte sogenannte vReps (Virtual Representatives), also Avatare mit Dialogfunktion, die Kunden auf Unternehmenswebsites begrüßten, Fragen in natürlicher Sprache beantworteten und sie bei Support, Vertrieb oder Marketing unterstützten. Anders als viele einfache Chatbots jener Zeit verfügten die vReps über eine eigene Persönlichkeit, konnten den Gesprächskontext berücksichtigen und auf Wissensdatenbanken zugreifen. NativeMinds bezeichnete diese virtuellen Assistenten treffend als „Virtual Workforce for the Web“ – virtuelle Mitarbeiter, die rund um die Uhr verfügbar waren und menschlichen Kundendienst ergänzen oder ersetzen sollten. Auf der eigenen Website begrüßte Nicole die Besucher. Mit ihrer aufrechten Haltung und den in die Hüften gestützten Händen strahlte sie Selbstbewusstsein und Kompetenz aus. Zu den Kunden gehörten unter anderem Oracle, Ford und Nissan. Mit seiner Kombination aus Chatbot, Avatar und KI-gestütztem Kundenberater nahm NativeMinds viele Konzepte moderner KI-Agenten und Conversational-AI-Systeme vorweg. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase wurde das Unternehmen 2004 von Verity übernommen, doch seine Technologie gilt bis heute als wichtiger Meilenstein in der Entwicklung intelligenter Dialogsysteme.

Abb.: Die Website von NativeMinds im Jahre 2000 ohne die Newsmeldungen in den rechteckigen Boxen

Von Cor@ bis Mitsuku

„Chatbots unterhalten sich mit Menschen und unterhalten sie, sie beraten Kunden und Interessenten auf Websites und in Instant-Messaging-Systemen, sie rufen hilfreiche Ressourcen auf und geben dazu Erläuterungen. Ihr Erfolg erklärt sich vor allem durch ihre natürlichsprachlichen Fähigkeiten und ihre Konstruktion als hilfreiches, sachkundiges oder lustiges Gegenüber. Der Beitrag erklärt, was Chatbots und Sprachassistenten sind, nennt Vor- und Nachteile ihres Einsatzes und stellt Produkte für die Kundenkommunikation und den Unterhaltungsbereich vor. Zudem geht er auf Projekte der Maschinenethik ein. Die meisten Chatbots verhalten sich nicht adäquat, wenn der Benutzer ihnen gegenüber Sorgen äußert. Moralische Maschinen als Dialogsysteme können eine Lösung sein.“ So der Abstract des Beitrags „Von Cor@ bis Mitsuku: Chatbots in der Kundenkommunikation und im Unterhaltungsbereich“ von Oliver Bendel, erschienen im Mai 2019 im „Handbuch Digitale Wirtschaft“ (Herausgeber: Tobias Kollmann). Er ist verfügbar auf SpringerLink.

Abb.: Mitsuku von PANDORABOTS

Künstliches, aber lebensechtes Sprechen

Synthetische Stimmen kann man in vielfältiger Weise gestalten und anpassen. Man kann das Geschlecht vorgeben und das Alter, die Tonhöhe, die Klangfarbe und die Lautstärke variieren. Dafür steht zum Beispiel die Speech Synthesis Markup Language (SSML) zur Verfügung. Einige Befehle sind dafür geeignet, die Stimmen lebensechter zu machen. Selbst ein Flüstern kann man mit SSML inzwischen definieren, das ja nicht nur ein leises, sondern ein stimmloses Sprechen ist. Alexa wirkt damit noch menschlicher. Wie Google Duplex eindrucksvoll gezeigt hat, sind auch Pausen wichtig sowie Verzögerungslaute wie „Mmh“ und „Ähh“, also spezifische Sprechweisen. Die Einbindung von Kopf- und Körpergeräuschen könnte den Echtheitsgrad und die Überzeugungskraft weiter steigern. Wenn sich der virtuelle Assistent räuspert, wenn er die Nase hochzieht, die gar nicht vorhanden ist, dürfte kaum noch jemand denken, dass es sich um kein menschliches Gegenüber handelt. Ferner ist es möglich, Neben- und Hintergrundgeräusche zu integrieren. Übertreiben darf man es freilich nicht, und alle Geräusche müssen letztlich zusammenpassen.

Abb.: Die Sprechpyramide