Die inklusive Sprache ist in Wirklichkeit eine exklusive IV

Schließlich stellt sich eine grundsätzlichere sprachwissenschaftliche Frage: Warum sollte ein Asterisk innerhalb eines Worts für alle Sprecher automatisch die Bedeutung „Personen aller biologischen und sozialen Geschlechter“ tragen? Sprachliche Zeichen erhalten ihre Bedeutung nicht allein dadurch, dass eine Gruppe ihnen eine bestimmte Bedeutung zuschreibt. Sie müssen von den Adressaten entsprechend verstanden und konventionalisiert werden. Gerade Eckhard Meineke hat zudem ausführlich darauf hingewiesen, dass maskuline Personenbezeichnungen im Deutschen historisch und grammatisch nicht auf die Bedeutung „männlich“ reduziert werden können, sondern seit langem auch geschlechtsübergreifend verwendet werden. Wer diese vorhandene generische Funktion durch neue Zeichen ersetzt, muss deshalb nicht nur deren inklusive Absicht, sondern auch deren tatsächlichen kommunikativen Vorteil zeigen. Und hier liegt eines der Grundprobleme. Inklusion darf nicht nur aus der Perspektive des Schreibenden definiert werden. Entscheidend ist auch der Adressat. Wenn eine Schreibweise blinden Menschen Schwierigkeiten bereitet, für manche Leser zusätzliche Verarbeitungskosten erzeugt, morphologisch mitunter die männliche Form beschädigt, grammatikalisch oftmals gar nicht umsetzbar ist, nicht notwendig geschlechtlich ausgewogene Vorstellungen hervorruft und von einem erheblichen Teil der Sprachgemeinschaft nicht als selbstverständliche Orthografie verstanden wird, ist die Bezeichnung „inklusive Sprache“ keine treffende Beschreibung, sondern nur ein fragwürdiger Anspruch. Ob Sprache inklusiv ist, entscheidet sich nicht an der guten Absicht des Autors oder des Sprechers, wenn diese überhaupt vorhanden ist, sondern – nicht zuletzt – daran, wie zugänglich sie für ihre Hörer und Leser ist. Literatur: Bosse, Ingo; Schluchter, Jan-René; Zorn, Isabel (Hrsg.) (2019): Handbuch Inklusion und Medienbildung. Weinheim/Basel: Beltz Juventa. / Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) (2024): Gendern. Position des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes. DBSV – Gendern. https://www.dbsv.org/gendern.html. / Friedrich, Marcus C. G.; Drößler, Veronika; Oberlehberg, Nicole; Heise, Elke (2021): The Influence of the Gender Asterisk („Gendersternchen“) on Comprehensibility and Interest. Frontiers in Psychology, 12, 760062. DOI: 10.3389/fpsyg.2021.760062. / Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) (2020): Gendersternchen. Die Position der GfdS zur Verwendung des Gendersternchens. GfdS – Gendersternchen. https://gfds.de/gendersternchen/. / Körner, Anita; Abraham, Bleen; Rummer, Ralf; Strack, Fritz (2022): Gender Representations Elicited by the Gender Star Form. Journal of Language and Social Psychology, 41(5), 553–571. DOI: 10.1177/0261927X221080181. / Meineke, Eckhard (2023): Studien zum genderneutralen Maskulinum. Heidelberg: Universitätsverlag Winter. / Zacharski, Lisa; Kruppa, Alexandra; Ferstl, Evelyn C. (2025): The Readability of the Non-Binary Gender Star in German: Evidence From a Lexical Decision Task. Social Psychological Bulletin, 20, 13719. DOI: 10.32872/spb.13719.

Abb.: Die inklusive Sprache ist in Wirklichkeit eine exklusive