Man muss sich ebenso darüber im Klaren sein, dass Eingriffe in ein solches System Folgen haben können, die sich später nicht ohne Weiteres zurücknehmen lassen. Gewohnheiten bilden sich aus, Regeln verändern sich, neue Konventionen entstehen und werden an die nächste Generation weitergegeben. Gerade deshalb sollte eine solche Veränderung nicht allein danach beurteilt werden, ob ihre Absicht derzeit als moralisch oder politisch wünschenswert gilt. Auch ihre Folgen für das sprachliche System selbst müssen betrachtet werden. So wie man sorgsam mit der Natur umgehen sollte, sollte man sorgsam mit der Kultur umgehen. Sprache und Schrift sind nicht bloß Material, das für den jeweils gewünschten Zweck beliebig umgeformt werden kann. Die Schrift ist ein historisch junges, über Jahrtausende entwickeltes Kulturwerkzeug, die Schriftsprache ein über Generationen geformtes Kulturgut. Beide haben wesentliche Errungenschaften der Zivilisation erst möglich gemacht. Wer in ihre gewachsenen Strukturen eingreift, sollte deshalb nicht nur wissen, was er erreichen will. Er sollte auch wissen, worin er eingreift. Und wenn man am Ende noch einmal aufsteigt und über diese Sprachlandschaft hinwegfliegt, sieht man vielleicht deutlicher, was auf dem Boden leicht aus dem Blick gerät, nämlich dass ihre Formen zusammengehören, dass Wege, Grenzen, Erhebungen und Täler eine über lange Zeit entstandene Ordnung bilden. Man kann in diese Landschaft der Sprache eingreifen. Man kann neue Pfade anlegen, Schneisen ziehen und den Verlauf des Geländes verändern. Aber bevor man es tut, sollte man diese Landschaft kennen, denn wer tief genug in ihre gewachsenen Strukturen eingreift, verändert nicht nur ihr Aussehen. Er riskiert, dass aus Wegen Irrwege, aus Grenzen Hindernisse werden und die Landschaft schließlich ihre wichtigsten Eigenschaften verliert, nämlich dass man sich in ihr zurechtfindet und zueinander findet.
Wenn man nun Zeichen wie den Asterisk, den Unterstrich oder den Doppelpunkt ins Wortinnere einfügt und ihnen dort eine neue strukturelle Funktion zuweist, greift man in diese Topografie ein. Aus „Lehrer“ und „Lehrerinnen“ wird „Lehrer*innen“, „Lehrer_innen“ oder „Lehrer:innen“. Die Zeichen stehen nicht zufällig an dieser Stelle. Sie sollen eine Grenze im Inneren der Wortform sichtbar machen und ihr zugleich eine grammatische und semantische Funktion geben. Der Eingriff betrifft daher nicht nur das Schriftbild. Er verändert die graphematische und orthografische Struktur der Wortform und wirkt auf ihre morphologische Gliederung ein. Das ist kein langsames Verschieben von Platten, kein gemächliches Aufstülpen von Bergen und Ausformen von Tälern. Es ist vielmehr das Einziehen von Schneisen, das Bohren von Löchern. Gewiss kann auch das Ergebnis bewusster Eingriffe irgendwann Teil eines Sprachwandels werden. Aber damit ist noch nicht beschrieben, wie dieser Wandel zustande kommt. Wo neue Formen gezielt vorgeschlagen, propagiert, institutionell gefördert oder normativ verlangt werden, haben wir es nicht allein mit ungesteuertem Sprachwandel zu tun, sondern auch mit Sprachlenkung. Man mag seine Gründe dafür haben, moralische, politische oder sprachpolitische. Aber man muss sich im Klaren darüber sein, dass man ein gewachsenes Gebilde mit seinen einzeln geformten und aufeinander bezogenen Teilen verändert und beeinträchtigt. Dabei war bisher nur von der geschriebenen Wortgestalt, von Graphematik, Orthografie und Morphologie die Rede, noch nicht von anderen Bereichen der Grammatik und des Sprachgebrauchs. …
Wenn man über einen Text deutscher Sprache hinwegfliegt, wenn man seine Topografie erkundet, fallen einem schnell einige Regelmäßigkeiten und Besonderheiten auf. Am Anfang des Satzes steht ein Großbuchstabe. Auch innerhalb des Satzes beginnen manche Wörter mit einem Großbuchstaben. Geschlossene Wortformen sind in der Regel durch Leerzeichen voneinander abgegrenzt. Das Leerzeichen zeigt an, dass ein Wort aufhört und ein neues beginnt. Im Wortinneren steht es nicht. Deutsche Wörter können sehr lang sein. Weithin bekannt ist der Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän, und man weiß vielleicht, dass man dieses Wort noch weiter verlängern kann. Es ist ein Kompositum. Seine Bestandteile werden nicht durch Leerzeichen voneinander getrennt. Die deutsche Orthografie kennt allerdings einige Zeichen, die innerhalb von Wortformen auftreten können und dort bestimmte, konventionalisierte Funktionen erfüllen. Dazu gehört der Bindestrich, etwa wenn bestimmte Zusammensetzungen durchgekoppelt werden, wie bei „Künstliche-Intelligenz-Konferenz“. Eine „Künstliche Intelligenz-Konferenz“ ließe dagegen die Zuordnung von „Künstliche“ zumindest grafisch uneindeutig werden. Man könnte gar an eine künstliche Intelligenzkonferenz denken. Auch der Apostroph kann innerhalb einer Wortform erscheinen, etwa in „D’dorf“ oder in „Ku’damm“. So fliegt man dahin und erkennt in der über viele Jahrhunderte gewachsenen Struktur eine bemerkenswerte Regelmäßigkeit. Groß- und Kleinschreibung, die Bildung und Abgrenzung von Worteinheiten sowie die Getrennt- und Zusammenschreibung gehören zu den grundlegenden Strukturen der deutschen Schriftsprache. Sie betreffen ihre Graphematik und Orthografie und stehen zugleich in enger Beziehung zur Morphologie, zur inneren Struktur der Wörter. …
Der deutsche Sprachwissenschaftler Helmut Glück hat mit „Vom Gendern und seinen Grenzen“ (J. B. Metzler, 2026) ein kenntnisreiches und unterhaltsames Buch zum Thema vorgelegt. Er spart nicht mit Seitenhieben und Direkttreffern bei den Totengräbern der Sprache, die auch in der Linguistik – genauer gesagt, in der „Genderlinguistik“ – zu finden sind. Dabei ist immer wieder von „postgrammatischem Unsinn“ die Rede. Der Schaden, den Medien, Behörden und Hochschulen anrichten, wird umfangreich dargestellt. Die „Reduktionsgrammatik der Gleichstellungsbeauftragen (die RGG)“ wird eindrucksvoll zerpflückt. Über den Duden heißt es, dass er „bedauerlicherweise immer noch häufig als Autorität in Sachen Rechtschreibung betrachtet“ wird. Man hätte sich gewünscht, dass belletristischen und wissenschaftlichen Verlagen und ihren Herausgebern mehr Platz gewidmet wird. Sie erzwingen häufig Schreibweisen und schließen Autoren aus – oder sie verfälschen mit Übersetzungen die Originale. Der altehrwürdige Verlag Metzler selbst, inzwischen zu Springer gehörend, lässt in der Titelei keinen Zweifel darüber, wo er steht. Immerhin lässt er Abhandlungen wie diese zu. Insbesondere Kapitel 1 bis 5 überzeugen, während Kapitel 6 ein wenig wie ein Sammelsurium wirkt. Ein gründliches Korrektorat würde der zweiten Auflage, sofern sie geplant ist, formal guttun. Die Vertreter der Gendersprache dürfte das Buch kaum erreichen und umstimmen, denn sie sind nicht nur für die Sprachgemeinschaft verloren, sondern auch für die Wissenschaft. Dennoch wird „Vom Gendern und seinen Grenzen“ wie schon die „Studien zum genderneutralen Maskulinum“ von Eckhard Meineke, auf die immer wieder verwiesen wird, sicherlich ein Standardwerk werden, mit Lesern, die Grundlagen verstehen und sich von Argumenten überzeugen lassen wollen, und mit Lesenden, die die zahlreichen Pointen zu würdigen wissen und darüber herzlich lachen.
Abb.: Auch das Ringelnatz-Gedicht vom Briefmark wird zitiert (Bild: GPT Image 2)
DeepL wirbt für sich mit dem Spruch „Der präziseste Übersetzer der Welt“. Trifft diese Selbsteinschätzung zu? Das kann man durch Tests schnell selbst herausfinden. Teilweise werden Begriffe völlig falsch übersetzt. So macht DeepL aus dem deutschen Satz „Unser Ansatz in der Tier-Maschine-Interaktion ist ähnlich.“ den englischen Satz „Our approach to human-animal-interaction ist similar.“ – korrekt wäre „Our approach to animal-machine interaction ist similar.“ gewesen. Dadurch gewinnt der Text eine ganz andere Bedeutung, und das Tier, das bei dieser Disziplin im Fokus steht, verschwindet. Aus „She is one of the best-known writers in the world“ wird „Sie ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen der Welt“. Dies ist auch bei menschlichen Übersetzern und Autoren ein beliebter Fehler, mit dem die Leistung von Mädchen und Frauen geschmälert wird. Korrekt wäre „Sie ist einer der bekanntesten Schriftsteller der Welt.“ oder „Sie gehört zu den bekanntesten Schriftstellern der Welt.“ … In vielen Fällen verwendet DeepL, wie in früheren Tests gezeigt wurde, nicht einmal Standardsprache. Dies ist auch ein Problem bei ChatGPT und Claude. Sie alle verfolgen eine sprachpolitische Agenda, umgesetzt durch Auswahl der Trainingsdaten, Reinforcement Learning from Human Feedback und Alignment bzw. Prompt Engineering. Man kann in den Einstellungen oder durch Prompts vorgeben, dass Standardsprache verwendet wird, doch zumindest bei ChatGPT wird dies oft ignoriert oder erst nach einer Beschwerde im zweiten Anlauf berücksichtigt. Der präziseste Übersetzer der Welt? Davon kann leider keine Rede sein.
Abb.: DeepL beim Halluzinieren von Wörtern (invertierte Darstellung)
Christiane Pöhlmann rezensiert in „Gezählt, nicht erzählt“ (FAZ, 13. Juli 2026) das Prosadebüt „41515 Wörter“ von Vera Martynov. Erschienen ist es in deutscher Sprache (oder besser gesagt, in einer Art deutscher Sprache) im Zeitkind Verlag, der auf der Website von seinen „Autor*innen“ spricht. Er sitzt in Meilen, einem Städtchen am Zürichsee. Laut Teaser wirft das Buch „einige Fragen auf“, „auch was die Übersetzung aus dem Russischen betrifft“ (FAZ, 13. Juli 2026). Diese stammt von Yvonne Griesel, und Pöhlmann, ebenfalls Übersetzerin, findet zunächst klare Worte: „Griesel gendert durchgängig, Martynov wählt generisches Maskulinum.“ Sie fährt fort: „Verzichtet Griesel in Ausnahmen auf den Gender-Doppelpunkt, kriegt die deutsche Variante rasch einen ungewollten Dreh. ‚Der Mensch, Schauspieler oder Zuschauerin, ist in einer schutzlosen Situation und sich dessen selbst oft nicht bewusst.‘ Der Singular in allgemeinen Aussagen ist in diesem Text so selten, dass er etwas Konkretes gewinnt: der aktive Mann (Schauspieler), die passive Frau (Zuschauerin). Die Autorin nutzt auch an dieser Stelle das Maskulinum …“ (FAZ, 13. Juli 2026). Eine solche Neubewertung oder Abwertung kennt man von anderen Fällen misslungener Zuschreibungen und Übersetzungen. Diesem Beispiel entnimmt man aber auch, dass die Übersetzerin durchgängig einen „Gender-Doppelpunkt“ benutzt, was erstaunen muss, denn im Wortinneren sind Sonder- und Satzzeichen ausgeschlossen (Leerzeichen übrigens auch). Man wundert sich deshalb, warum Pöhlmann zuvor meint, „die deutsche Fassung“ sei „gut“, um gleich wieder einzuräumen, dass sie „neuen Diskussionsstoff“ gibt „für eine Frage, die seit einiger Zeit diskutiert wird“ (FAZ, 13. Juli 2026) – eben das Gendern, in diesem Falle das „Gendern hardcore“. Nun dürfte unter Literaturliebhabern und unter seriösen Germanisten und Linguisten unbestritten sein, dass man Originaltexte nicht verfälschen darf, weder durch Anpassungen noch durch Übersetzungen solcher Art. Tatsächlich verbreiten sich diese Formen der Suggestion und Manipulation aber, ohne dass ihnen die gebührende Aufmerksamkeit zuteil wird. In der deutschen Übersetzung von „What we can know“ von Ian McEwan wird zwar kein Genderzeichen verwendet, aber durch ein „Gendern light“ der Text sinnentstellt. Diogenes, einst ein renommierter Verlag, sitzt in Hottingen, einem beschaulichen Stadtteil von Zürich. Auf seiner Website spricht er von seinen „Leser:innen“ und rühmt sich seiner „Bestsellerautor:innen“. Die Feuilletons der Zeitungen, sofern es sie noch gibt, sollten sich dieser Problematik zuwenden und auf den Schaden aufmerksam machen, der für Literatur und Sprache bereits entstanden ist.
Abb.: Nicht gegenderte Texte aus dem Diogenes Verlag
Wie schmälert man in Texten die Leistung von Mädchen und Frauen? Indem man an der falschen Stelle movierte Formen verwendet. Im Rahmen der Rechtschreibprüfung eines Empfehlungsschreibens schlägt ChatGPT vor, den Satz „Sie gehört zu den Wissenschaftlern ihrer Generation, die das Potenzial besitzen …“ abzuändern in „Sie gehört zu den Wissenschaftlerinnen ihrer Generation, die das Potenzial besitzen …“. Damit wäre sie nicht mehr so herausgehoben wie vorher, und sie dürfte sich nur noch an Frauen messen, nicht an Männern. Auf Seite 20 des Romans „What we can know“ von Ian McEwan steht: „Mary Sheldrake was among the most successful novelists of her generation.“ Dies könnte man übersetzen mit: „Mary Sheldrake gehörte zu den erfolgreichsten Romanautoren ihrer Generation.“ Erstaunlicherweise lautet die Stelle im deutschsprachigen Buch „Was wir wissen können“ (Diogenes) auf Seite 37 aber: „Mary Sheldrake war eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen ihrer Generation.“ Das macht sie unbedeutender, als sie ist – sie ist in ihrer Generation nicht nur unter den professionell schreibenden Frauen eine der erfolgreichsten, sondern unter allen, die professionell schreiben. Grundsätzlich können movierte Formen dieser Art ausschließlich auf weibliche Personen zielen. Sie können nicht generisch sein. Und es ist irreführend bzw. fehlerhaft, sie in der genannten Weise zu verwenden.
Abb.: Das Schmälern der Leistung von Mädchen und Frauen
Was für die einen das Kreuzworträtsel ist, ist für die anderen das Zählen von Rechtschreib- und Grammatikfehlern in Zeitungen. In der einst so sprachsicheren FAZ findet man kaum noch fehlerfreie Teaser. Und auch die Texte lassen immer mehr zu wünschen übrig. Über Deklinationsfehler und Fehler bei Zusammen- und Getrenntschreibung wurde schon berichtet, ebenso über andere Fehler bei der Wortbildung. Eine weitere Kategorie sind redundante Geschlechtsspezifizierungen. In der Ausgabe vom 9. April 2026 heißt es über Averil Cameron: „Die Pionierin inspirierte ganz besonders ihre weiblichen Kolleginnen.“ („Die Erste ihrer alten Schule“). Hängt dieser Missgriff mit den Bemühungen um eine Gendersprache zusammen? In anderen Fällen gibt es darüber keinen Zweifel. Am 8. April begann ein Satz mit den Worten „Die Forschenden sind …“ – dabei hatte der Titel korrekt „Forscher entdecken unbekannte Insel in der Antarktis“ gelautet. Alle Menschen sind Forschende, aber nur wenige sind Forscher. Diese forschen von Berufs wegen. Und keinesfalls ständig. „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“ ist seit den 1960er-Jahren der Werbespruch der FAZ. Damit waren schon immer die Leser gemeint und nicht die Redakteure. Und schon gar nicht die Praktikanten, die für die Teaser zuständig sind.
Abb.: Die FAZ hat ihren Sitz in Frankfurt (Foto: Bücherradfahrer, Wikimedia, CC BY-SA 4.0)
Die Ausstellung mit Gemälden des afroamerikanischen Künstlers Kerry James Marshall im Kunsthaus Zürich ist sehenswert – lesenswert ist sie nicht. Die deutschen Texte sind manipulativ auf mehreren Ebenen. So steht in einem Begleittext neben den Bildern: „Jahrhundertelang widerstanden Schwarze Amerikaner:innen Bedingungen von Unterdrückung und schufen trotz Versklavung und Ungleichheit eine reiche Kultur. In der Serie hier gezeigter Porträts zollt Marshall Sklavenrebell:innen, Poet:innen, Künstler:innen, Abolitionist:innen und Aktivist:innen Tribut.“ Es handelt sich um dysfunktionale, aktivistische, ideologische, diskriminierende, moralisierende Sprache, die den Besucher nicht ernst nimmt, ihn erziehen, umerziehen, ihm eine Meinung und eine Sichtweise aufzwingen will, sich zwischen ihn und die Werke schiebt und die Werke ihrer Autonomie beraubt. Dabei folgt die Sprache der Verantwortlichen einem klaren Plan. An anderer Stelle heißt es nämlich: „Einige Sklavenbesitzer förderten nicht die Ehe …“. Wo überall Doppelpunkte im Wortinneren erscheinen, um die Wortstruktur zu zerstören und die -bedeutung aufzulösen, kann eine solche Form nicht mehr generisch sein – sie muss männlich sein. Die Bösen, das ist hier die Auskunft, sind die Männer, und nur diese haben in diesem Zusammenhang gefehlt. Allerdings gibt es zahlreiche weibliche Sklavenhalter in der Geschichte. Martha Washington ist ein Beispiel für den amerikanischen Süden. Im Römischen Reich konnten wohlhabende Frauen ganz selbstverständlich Sklaven besitzen, ebenso in verschiedenen afrikanischen Gesellschaften. Auf diese Weise wird Sprache ebenso manipuliert wie der Besucher – und die Geschichte. Das Kunsthaus ist nicht nur durch seine NS-Kunst auf Abwege geraten.
Am 9. Februar 2026 erschien das Buch „Genderzwang: Wie Sprachpolitik die Freiheit des Sprechens gefährdet“ von Fabian Payr und Dagmar Lorenz. In einem Artikel vom 12. Februar berichtete die Welt über das Buch. „Wie rigoros der Sprachumbau in Behörden, Ministerien und Unternehmen, in Medien, Verlagen und Forschungseinrichtungen, an Universitäten und in Verbänden durchgesetzt wird, dokumentiert das Buch ‚Genderzwang‘ … In ihm haben Fabian Payr, Germanist und Musikpädagoge, und die Literaturwissenschaftlerin Dagmar Lorenz zahlreiche Fälle aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammengetragen, die beispielhaft für den Druck stehen, der auf diejenigen ausgeübt wird, die der geschlechtersensiblen Sprachlenkung kritisch gegenüberstehen und darauf hinweisen, dass das generische Maskulinum alle nur denkbaren Geschlechtsidentitäten einschließt.“ (Welt, 12. Februar 2026) Die Zeitung kommt zu dem Befund: „Ein Großteil der Erfahrungsberichte kommt wenig überraschend aus dem Hochschul- und Wissenschaftsbetrieb, wo der diversitätspolitische Eifer besonders groß ist. Universitätsleitungen und Dekanate verlangen das Gendern aller Textsorten von der Prüfungsordnung über den Kommissionsbericht bis zur Pressemitteilung; Wissenschaftler müssen in ihren Anträgen auf Forschungsförderung gendern, weil sie sonst die Ablehnung und damit ihre Forschungsprojekte riskieren. Auch viele Wissenschaftsverlage machen das Gendern zur Voraussetzung. Wer sich dem widersetzt, verliert wichtige Publikationsmöglichkeiten, was vor allem für Nachwuchsforscher das frühe Ende der Karriere bedeuten kann.“ (Welt, 12. Februar 2026) Fabian Payr wird mit den Worten zitiert: „Am meisten erschüttert hat mich, dass sich dieser illiberale Geist gerade an den Universitäten so etabliert hat“. „Denn man sollte doch meinen, dass das dies Orte freien Austauschs sind. Doch gerade hier ist es besonders schwierig geworden, abweichende Meinungen zu äußern.“ (Welt, 12. Februar 2026) Dem ist nichts hinzuzufügen.
Im Februar 2026 erscheint das Buch „Genderzwang: Wie Sprachpolitik die Freiheit des Sprechens gefährdet“ von Fabian Payr und Dagmar Lorenz. Fabian Payr ist durch sein Buch „Von Menschen und Mensch*innen“ (Springer) und seine Aufklärungsplattform zur Gendersprache bekannt geworden. Dagmar Lorenz ist promovierte Literaturwissenschaftlerin, zudem examinierte Sinologin (M.A.). Sie arbeitet als professionelle Autorin (Features und Essays über Sprache und China für den Hörfunk) und Dozentin (mit Lehraufträgen an deutschen Universitäten und chinesischen Colleges). Aus dem Klappentext: „‚Niemand wird zum Gendern gezwungen‘, beteuern die Befürworter einer ‚gendergerechten Sprache‘. Aber kann tatsächlich von Freiwilligkeit die Rede sein? Die rund 50 Fallbeispiele in diesem Buch zeigen, wie sehr die Freiheit des Sprechens durch den Zwang zum Gebrauch einer vermeintlich inklusiven Sprache beeinträchtigt wird. Vielerorts herrscht ein repressives Klima, das Abweichler von der vorgegebenen Sprachlinie sanktioniert. Die Autoren skizzieren die geistesgeschichtlichen Hintergründe des Genderns und beleuchtet soziologische Phänomene wie soziale Ächtung und Konformitätsdruck rund um das sprachpolitische Projekt Gendersprache. Das Buch zeigt auf, dass vor allem an den Universitäten Gendersprache mit großem Nachdruck eingefordert wird. Aber auch in vielen Kultureinrichtungen, Behörden, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und den Kirchen ist der gendergerechte Sprachtrend zur neuen Norm geworden. Die Umgestaltung der Sprache wird begründet mit dem Hinweis auf die starke Wirkmacht von Sprache. In diesem Punkt zeigt sich sowohl der Einfluss postmoderner Philosophen als auch die ausgeprägte pädagogische Intention dieser Sprachmaßnahme. Wer sich dem Sprachdiktat verweigert, das zeigen die Beispiele, muss berufliche Nachteile in Kauf nehmen und verliert im schlimmsten Fall seinen Job. Das Buch liefert Tipps und eine Fülle von Argumenten, wie sprachlicher Bevormundung begegnen werden kann.“ (Klappentext) Das Buch erscheint im Verlag Königshausen und Neumann aus Würzburg, einem geisteswissenschaftlichen Fachverlag mit den Schwerpunkten Philosophie, Literaturwissenschaft, Musikwissenschaft und Psychologie.
Abb.: An vielen Hochschulen werden Mitglieder zum Gendern gezwungen
Die Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Diogenes-Verlags wurde zweimal per E-Mail gefragt, warum in der Übersetzung von „What we can know“ von Ian McEwan – wie in Teil I des Beitrags dargestellt – von Forschenden die Rede ist. Eine Antwort kam erst, nachdem der Leiter des Verlags kontaktiert worden war. Darin verwies sie darauf, dass das Wort im Duden zu finden sei. Zudem sei es durchaus gebräuchlich und dem üblichen Sprachwandel entsprechend. Nun kann man natürlich Agensnomen durch Partizipformen ersetzen. Allerdings verschiebt sich meistens die Bedeutung. Denn letztere deuten i.d.R. an, dass etwas im Moment oder im Verlauf geschieht. Zudem können sie, wie im Falle der „Forschenden“ oder der „Pflegenden“, eine Gruppe meinen, deren Mitglieder eine Tätigkeit ausüben, ohne dafür ausgebildet sein zu müssen. Der Duden ist längst keine geeignete Referenz mehr. Zuständig für die amtliche Fixierung ist seit 2004 der Rat für deutsche Rechtschreibung. Der Verlag, nunmehr in seinem Schatten stehend, veränderte sein Nachschlagewerk bis zur Unkenntlichkeit. Auf keinen Fall entstammt das Wort „Forschende“ dem „üblichen Sprachwandel“, wenn damit der natürliche Sprachwandel gemeint ist. Seine Verwendung ist ideologisch motiviert … Den professionellen Rezensenten sind die Tendenzen der Übersetzung offenbar verborgen geblieben, den normalen Lesern hingegen nicht. Bei Orell Füssli wurde unter der Überschrift „Forschende und Studierende“ von einem Kunden moniert: „Leider schwach übersetzt in manche Partizipformen (s. oben), die der Autor im Original gar nicht benutzen konnte.“ Der Versuch, eine ähnliche Rezension auf der Plattform einzustellen, schlug fehl – der Beitrag wurde gesperrt (nachdem er zunächst freigeschaltet worden war), obwohl er nicht gegen die Richtlinien verstieß. Der Diogenes-Verlag hat die Büchse der Pandora geöffnet. Es ist wahrscheinlich, dass weitere Bücher so übersetzt werden, dass sie politische und ideologische Ziele erreichen. Der Leser erhält so nicht nur ein Werk, das dem Original nicht gerecht wird und den Text verfälscht – er wird auch bevormundet. Gendersprache wird in den deutschsprachigen Ländern von der Mehrheit abgelehnt. Sie ist, insbesondere wenn Sonderzeichen verwendet werden, inkorrekt, sexualisierend und diskriminierend. Sie ist zudem, wie gezeigt wurde, unpräzise. Es ist zu wünschen, dass der Verlag, immer noch eine Größe im Geschäft, zur gebotenen Vernunft und zum allgemeinen Sprachgebrauch zurückkehrt. Wenn er das nicht tun will, sollte er sich offen zu seiner Ausrichtung bekennen.
Abb.: Der Diogenes-Verlag hat seinen Sitz in Zürich
Der jüngste Roman von Ian McEwan trägt den Titel „What we can know“. Die englische Ausgabe ist bei Jonathan Cape in London erschienen, die deutsche Ausgabe mit dem Titel „Was wir wissen können“ bei Diogenes in Zürich. Bei der Übersetzung fallen Ungenauigkeiten und Abweichungen auf, die mit dem Einfluss bzw. dem Phänomen der Gendersprache zusammenhängen dürften. Auf S. 17 des Originals heißt es: „Scholars see, hear and know more of them, of their private thoughts, than we do of our closest friends.“ Das könnte man übersetzen mit „Wissenschaftler sehen, hören und wissen mehr über sie, über ihre privaten Gedanken, als wir über unsere engsten Freunde.“ Der Übersetzer macht daraus: „Die Forschenden sehen, hören und wissen mehr von ihnen, ihren privatesten Gedanken, als wir von unseren engsten Freunden.“ (S. 32) Nun sind alle Menschen Forschende, aber nur einige sind Forscher. Die Partizipform (es handelt sich um das Partizip Präsens), die nicht wenige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen erzürnt, bedeutet etwas anderes als das Agensnomen. Sie wird gerne in der Gendersprache verwendet, um das generische Maskulinum zu vermeiden, wenn dieses irrtümlich auf männliche Personen bezogen wird. Auf Seite 19 der englischen Ausgabe liest man: „For the post-2030 crowd, which is most of the department, there’s even more.“ Das könnte man so wiedergeben: „Für die Generation nach 2030, die den Großteil des Fachbereichs ausmacht, gibt es sogar noch mehr.“ Der Übersetzer dichtet: „Und für die vielen Forschenden der Zeit nach 2030, die den größten Teil des Fachbereichs ausmachen, gibt es sogar noch mehr.“ Es geht um eine Generation des Fachbereichs, sodass man durchaus von Forschern sprechen könnte. Von Forschenden allerdings nicht – das verschiebt die Bedeutung. Auf Seite 20 des Originals steht: „Mary Sheldrake was among the most successful novelists of her generation.“ Dies könnte man übersetzen mit: „Mary Sheldrake gehörte zu den erfolgreichsten Romanautoren ihrer Generation.“ Erstaunlicherweise lautet die Stelle im deutschsprachigen Buch auf Seite 37: „Mary Sheldrake war eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen ihrer Generation.“ Das macht sie unbedeutender, als sie ist – sie ist in ihrer Generation nicht nur unter den professionell schreibenden Frauen eine der erfolgreichsten, sondern unter allen, die professionell schreiben. [Hier geht es zu Teil II.]
Über die Unzulänglichkeiten und Zumutungen von DeepL wurde immer wieder berichtet. So verwendet es oft keine Standardsprache, sondern eine Sondersprache. Insbesondere bei Nichtmuttersprachlern besteht die Gefahr, dass aus ihren korrekten englischen oder anderssprachigen Texten inkorrekte deutsche werden, ohne dass sie dies bemerken oder ändern können. Bei ChatGPT ist dasselbe der Fall – dort ist die Sondersprache, die sich auf privat ausgedachte oder spontan erfundene Regeln stützt, sogar mit der Standardeinstellung vorgegeben. Kaum bekannt ist, dass DeepL einfach Wörter ersetzt, wenn es sie nicht kennt. Wer nicht im Detail überprüft oder eine Unaufmerksamkeit begeht, gibt womöglich einen sinnentstellten oder sinnentleerten Text ab. Bei einem Test wurde ein Blogpost, der in englischer Sprache vorlag, in die deutsche Sprache übersetzt. Aus „Animal-Computer Interaction“ („Tier-Computer-Interaktion“) wurde einfach „Mensch-Computer-Interaktion“ gemacht. Das Wort „Animal-Computer Interaction“ mag nicht jedem geläufig sein, aber es gibt zahlreiche Artikel dazu und eine Konferenz, die jedes Jahr stattfindet. Solche Falschübersetzungen würde man von den bekannten LLMs erwarten, aber nicht unbedingt von DeepL. Dabei konnte man durchaus gewarnt sein.
In den Begleittexten zur Lehmbruck-Ausstellung im Kunsthaus Zürich werden genderaktivistische Schreibweisen verwendet („Künstler:innen“, „Künstler:innengenerationen“, „[von] Kunstförder:innen“), die weder der deutschen Orthografie noch der gewachsenen Grammatik entsprechen. Sonderzeichen im Wortinneren zerstören etablierte Wortstrukturen, verunmöglichen korrekte Deklinationen und erschweren die Lesbarkeit deutlich. Diese Formen sind keine anerkannte Weiterentwicklung der Standardsprache, also natürlicher Sprachwandel, sondern politisch-ideologisch motivierte Markierungen, die – wie in Diktaturen – von bestimmten Stellen kommen. Für eine öffentliche Kulturinstitution wie ein Museum ist das problematisch. Dieses hat den Auftrag, Kunst verständlich und zugänglich zu vermitteln. Texte, die durch Sonderformen zusätzlich Hürden aufbauen, schließen weite Teile des Publikums aus, statt sie einzubeziehen. Inklusion wird so nicht gefördert, sondern unterlaufen. Nicht zuletzt wird die bildende Kunst zum Grabstein der textuellen Begleitung. Wer Sprache als Kulturwerkzeug und Kulturgut ernst nimmt, sollte im institutionellen Gebrauch an einer korrekten, präzisen und allgemein verständlichen Standardsprache festhalten.
Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) hat 2025 den Bericht „Medizin-ethische Richtlinien: Entstehung und Wirkung“ veröffentlicht. Die falsche Schreibweise des Adjektivs findet sich auch im Artikel „Die medizin-ethischen Richtlinien der SAMW: Zwischen Kontinuität und Wandel“ von Henri Bounameaux, des SAMW-Präsidenten, zudem in den Texten anderer Autoren. In „Experimentieren – Ethik in der medizinischen Forschung“ von Dr. Izel Demirbas ist zuerst korrekt von „medizinethischen Positionen“ die Rede, später aber vom „medizin-ethischen Diskurs“. Wer über diese sprachliche Auffälligkeit stolpert, schaut auch an anderer Stelle genau hin. Auf Seite 5 heißt es: „Seit über 50 Jahren erarbeitet die Zentrale Ethikkommission (ZEK) der SAMW diese Richtlinien – als Orientierungshilfen für Ärztinnen und weitere Gesundheitsfachpersonen in herausfordernden Situationen.“ Die Fußnote erklärt: „Weibliche und männliche Wortformen werden in diesem Bericht kapitelweise abwechselnd verwendet, gemeint sind jeweils die Angehörigen aller Geschlechtergruppen.“ „Ärztinnen“ bedeutet in der deutschen Sprache allerdings „weibliche Ärzte“ – und nichts anderes. Das Anliegen, weibliche und männliche Wortformen kapitelweise abwechselnd zu verwenden, ist auch nicht einzulösen. In manchen Kapiteln kommt das generische Maskulinum vor, das geschlechtsneutral ist, in anderen das generische Femininum, das es in dieser Form gar nicht gibt. So stiftet der ganze Bericht in weiten Teilen heillose Verwirrung und schadet der SAMW ebenso wie der Medizinethik und der ganzen Wissenschaft, die auf eine korrekte und präzise Sprache angewiesen sind.
In zunehmendem Maße ist in der deutschsprachigen Forschung eine Einschränkung der Ausdrucksfreiheit durch verpflichtende sprachpolitische Vorgaben in wissenschaftlichen Fachzeitschriften zu beobachten. Konkret betrifft dies den Zwang zur Verwendung sogenannter Gendersprache, also sprachlicher Formen, die z.T. von der amtlichen deutschen Rechtschreibung abweichen (z.B. Sonderzeichen im Wortinneren wie Genderstern, Doppelpunkt oder Binnen-I). Eine solche Vorgabe wird in der Schweiz von mehreren anerkannten Journals zur Voraussetzung für die Veröffentlichung gemacht, unabhängig von fachlichen oder methodischen Erfordernissen. Diese Entwicklung wirft aus Sicht vieler Forscher ernsthafte wissenschaftsethische und rechtliche Fragen auf: 1. Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit: Die freie Wahl sprachlicher Mittel ist ein konstitutiver Bestandteil wissenschaftlichen Arbeitens. Wenn Ausdrucksformen vorgeschrieben werden, die von Autoren nicht geteilt werden – insbesondere, wenn sie als inkorrekt, unpräzise, ideologisch aufgeladen oder methodisch ungeeignet empfunden werden –, stellt dies einen Eingriff in die wissenschaftliche Freiheit dar. 2. Struktureller Ausschluss durch Sprachpolitik: Die Dominanz von Journals mit Genderpflicht in bestimmten Disziplinen führt de facto zu einem Ausschluss nichtkonformer Positionen aus dem wissenschaftlichen Diskurs. Dies betrifft nicht nur einzelne Autoren, sondern untergräbt die fachliche Diversität und Meinungsfreiheit. 3. Verlust des Deutschen als Wissenschaftssprache: Autoren weichen zunehmend auf das Englische aus, um solchen Vorgaben zu entgehen. Damit wird die deutsche Sprache in der Wissenschaft zusätzlich geschwächt, was insbesondere in der Schweiz mit ihrer Mehrsprachigkeit problematisch ist. 4. Sprachenfreiheit, Wissenschaftsfreiheit und verfassungsnahe Prinzipien: Auch wenn die Sprachenfreiheit (Art. 18 BV) und die Wissenschaftsfreiheit (Art. 20 BV) in der Schweiz primär gegen staatliche Eingriffe schützen, so haben sie doch Leitfunktion für den gesamten wissenschaftlichen Raum – insbesondere dann, wenn Fachzeitschriften öffentlich (mit-)finanziert oder institutionell getragen werden. Die Akademien der Wissenschaften Schweiz erkennen in der Einschränkung der Ausdrucksfreiheit kein Problem. Entsprechend müsste man nicht nur die betroffenen Zeitschriften, sondern auch sie selbst reformieren.
Die Default-Einstellung bei ChatGPT ist Gendersprache. Dabei verwendet es Schreibweisen, die nicht regelkonform sind, wie Sonder- oder Satzzeichen im Wortinneren. Wird ein Text zum Redigieren vorgelegt, werden auch korrekte Schreibweisen beanstandet. In einem konkreten Fall – mit der öffentlich verfügbaren Version ohne Anmeldung – wird bei einem Text „der bolivianisch-schweizerische Schriftsteller“ herausgegriffen. ChatGPT meint dazu: „Laut Duden ist ’schweizerisch‘ korrekt, aber viele bevorzugen stilistisch ’schweizerische*r Schriftsteller‘ → kein Fehler, nur ein möglicher Stilpunkt.“ Zunächst einmal ist der Duden nur ein privatwirtschaftliches Nachschlagewerk neben anderen, kein normgebendes Regelwerk – und dies seit 1996. Seinen wissenschaftlichen Ruf hat der Verlag vor Jahren verspielt. In diesem Fall hat er dennoch recht. Dann ist es unwahr, dass viele eine Schreibweise mit Gendersternchen bevorzugen. Es handelt sich vielmehr um eine kleine Minderheit, die OpenAI offensichtlich stärken will. Nicht zuletzt ergibt die gegenderte Schreibweise hier keinerlei Sinn, da es sich um eine konkrete Person handelt, die nie davon gesprochen hat, dass sie nicht männlich gelesen werden will. Zudem wird das Adjektiv gegendert, das Substantiv aber nicht, und die Flexion verändert. OpenAI beeinflusst mit seiner ideologisch-politischen Agenda den allgemeinen Sprachgebrauch. Seine Prinzipien stellt es über alles. ChatGPT scheitert sowohl an regelkonformem als auch an nicht regelkonformem Deutsch. Es ist kein brauchbares Werkzeug für Überarbeitungen im Deutschen und Übersetzungen ins Deutsche.
Abb.: Das Scheitern von ChatGPT an der deutschen Sprache
Einige privatwirtschaftliche Journals in der Schweiz – etwa Psychotherapie-Wissenschaft, Schweizerische Zeitschrift für Soziologie, Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, SUCHT oder das Schweizerische Archiv für Volkskunde – schreiben in ihren Autorenrichtlinien die Verwendung von Gendersprache vor. Wer das Setzen von Sonderzeichen im Wortinneren oder das Verwenden von irreführenden Partizipformen und unnötigen Beidnennungen ablehnt bzw. den üblichen generischen Sprachgebrauch bevorzugt, wird von der Veröffentlichung ausgeschlossen. Nun sind private Verlage nicht direkt an Grundrechte gebunden, wie sie in der Bundesverfassung festgehalten sind. Dennoch greifen solche Vorgaben faktisch in die Wissenschaftsfreiheit (Art. 20 BV) und die Sprachenfreiheit (Art. 18 BV) ein. Denn die sprachliche Gestaltung gehört zur wissenschaftlichen Verantwortung des Autors. Wissenschaft verlangt präzise, prägnante, korrekte und nachvollziehbare Ausdrucksformen – keine ideologisch motivierten Eingriffe. Erzwingt ein Journal Sprachformen, die fachlich umstritten und sprachlich künstlich sind, stellt sich auch die Frage, ob es selbst noch wissenschaftlichen Standards genügt. Man kann sich als Autor einem solchen Journal verweigern und zugleich öffentlich darauf hinweisen, dass es mit seinen Vorgaben der Wissenschaft den Rücken gekehrt hat.
An Schweizer Hochschulen werden Verwaltungsangestellte zum Gendern verpflichtet. Oft geschieht dies durch Sprachleitfäden oder Kommunikationsrichtlinien, die als verbindlich erklärt werden. Als Begründung dient meist das Argument, die Hochschule dürfe wie ein Unternehmen eine einheitliche Kommunikation vorschreiben, ähnlich einem Tone of Voice. Doch ein solcher Zwang kollidiert mit der Bundesverfassung. Er stellt einen Eingriff in die Sprachenfreiheit (Art. 18 BV) und die persönliche Freiheit (Art. 10 Abs. 2 BV) dar. Wird jemand gezwungen, Sonderzeichen in der Wortmitte zu setzen oder grammatikalische Strukturen zu verändern, greift dies tief in die gewachsene Sprachform ein. Sprache als Teil der persönlichen Identität zu verändern, kann in bestimmten Fällen sogar die Menschenwürde (Art. 7 BV) verletzen. Handelt es sich bei der betroffenen Einheit um eine Forschungsstelle mit Publikationstätigkeit, gilt zusätzlich die Wissenschaftsfreiheit (Art. 20 BV). Grundsätzlich ist festzuhalten: Es ist nicht Aufgabe einer Hochschule, über Sprache, Sexualität oder Weltanschauung ihrer Mitglieder zu bestimmen. Eine Hochschule darf sich positionieren – aber sie muss stets die persönliche Freiheit achten.
In der Schweiz werden Forscher und Studierende immer wieder zum Gendern gezwungen. Rektoren, Studiengangleiter oder Dozenten versuchen mitunter, Vorgaben zu machen oder erzieherisch Einfluss zu nehmen. Grundlage sind oft Sprachleitfäden, die je nach Institution als freiwillig oder verpflichtend ausgegeben werden. Mit Blick auf die Bundesverfassung ist ein solcher Zwang problematisch. Wird von Dozenten oder Forschern verlangt, in Skripten, Vorlesungsfolien oder Artikeln bestimmte Sprachformen zu verwenden, liegt ein Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit (Art. 20 BV) und die Sprachenfreiheit (Art. 18 BV) vor. Die Veränderung der Muttersprache durch eine künstliche Sprachform kann zugleich die persönliche Freiheit (Art. 10 Abs. 2 BV) und die Menschenwürde (Art. 7 BV) berühren. Bei Studierenden kann ein Genderzwang in wissenschaftlichen Arbeiten ebenfalls die Wissenschafts-, Meinungs- und Sprachenfreiheit verletzen. Eine Benachteiligung bei Bewertungen oder Prüfungen verstößt u.U. gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz. Hochschulen erfüllen ihren Bildungsauftrag nicht, wenn sie geltende Rechtschreib- und Grammatikregeln ignorieren und fehlerhafte Schreibweisen vermitteln. Ein solcher Zwang hält ihre Mitglieder nicht zur Mündigkeit an, sondern zur Anpassung.
Weil generische, vom Geschlecht absehende Formen in Verdacht geraten sind, werden andere generische erfunden, etwa als substantiviertes Partizip Präsens, und zwar neben bereits existierenden generischen Formen mit demselben Wortstamm. Damit macht man, so die Vorstellung, mit Hilfe von Worten die Welt gerechter. Es lohnt sich in diesem Zusammenhang, ins Museum zu gehen, um den Blick zu schulen. Bilder einer Ausstellung, aber nicht aus musikalischen, sondern aus sprachlichen Gründen. „Die Lesende“ ist der Titel vieler Gemälde, die eine junge Frau zeigen, die in ihr Buch versunken ist – man denke an Jean-Honoré Fragonard oder Lovis Corinth. Sie ist auch eine Leserin, aber es geht hier darum, dass sie in diesen Minuten oder Stunden neben dem Lesen nichts tut, vom Atmen oder Trinken einmal abgesehen. „Der Trinker“ ist ein Gemälde von Albert Anker. Warum es kein „Trinkender“ ist? Weil der Dargestellte mehr Alkohol als Wasser trinkt und daher ein Alkoholiker ist. „Zeitungsleser im Garten“ ist ein Gemälde von Carl Spitzweg. Obwohl es auch ein Lesender ist, würde man ihn kaum einen Zeitungslesenden nennen – dieses Wort hat sich nicht durchgesetzt. „Zeitungslesender Mann“ ist hingegen eine mögliche Bezeichnung und wiederum ein Bild von Albert Anker. Die „Badende“ – etwa von Jean Auguste Dominique Ingres („Die große Badende“) oder Félix Vallotton – ist immer korrekt. Ein Bader war früher jemand, der ein Bad betrieb. Man sagt nicht: Er ist eher ein Bader als ein Schwimmer. Sondern: „Er badet lieber, als dass er schwimmt.“ „Die Forscher“ ist ein Gemälde von Edvard Munch, „Der Naturforscher“ eines von Carl Spitzweg. An Hochschulen und in den Medien ist oft von Forschenden die Rede. Dies ist eine unpassende und abwertende Bezeichnung. Denn alle Menschen sind Forschende, aber nur wenige sind Forscher. Diese forschen von Berufs wegen. Und keinesfalls ständig. Wer nun denkt, die Museen hätten noch ein Gefühl für die Sprache bewahrt, wird im ganzen deutschsprachigen Raum schnell eines Besseren belehrt, und man steht fassungslos vor den Beschreibungen und Einordnungen mit ihrer verunglückten Wortbildung und Rechtschreibung. Und selbst die Titel von Bildern werden hier und dort umbenannt. Vielleicht erwischt es eines Tages auch den „Trinker“, der zum „Trinkenden“ wird. Dann hätte man ihn, denn so funktioniert die Sprachmagie, zugleich von seiner Sucht befreit.
Abb.: Eine Ausstellung im Reinhart am Stadtgarten in Winterthur