Der Tages-Anzeiger ist immer noch eine wichtige Stimme in der Schweiz und hat einen guten Ruf. Umgeben ist er von Simulationen und Parodien des Journalismus, von der Republik bis zur (ehemals soliden, heutzutage propagandistischen) Weltwoche. Umso wichtiger sind Korrektheit und Präzision im Formalen und Korrektheit im Inhaltlichen. Nicht alle Journalisten bzw. Titel- und Teaserproduzenten sind sich dieser Verantwortung bewusst. Die Onlineausgabe vom 25. September 2026 enthält einen Artikel mit dem Titel „In diesen Berufen gibt es in Zürich immer mehr Jobs“. Der Teaser lautet: „Die Stellensuche ist schwieriger geworden, aber längst nicht für alle. Unsere Auswertung zeigt, dass etwa Handwerkerinnen derzeit gesucht sind – im Gegensatz zu Softwareentwicklern und Anlageberatern.“ Wer im Deutschunterricht der Primarschule nicht durchgehend gepennt hat, weiß ganz genau, dass movierte Formen dieser Art ausschließlich weibliche Personen bezeichnen können. Nun trifft dies vermutlich auf die Verursacher nicht zu. Vermutlich will man hier die Leser erziehen oder eine moralische Position einnehmen, von der aus man auf sie herabblicken kann – aber tatsächlich werden Falschinformationen in die Welt gesetzt. Man hört regelrecht das Kichern der Verantwortlichen, weil es so viele Handwerkerinnen gar nicht geben dürfte (dafür ziemlich viele Anlageberaterinnen), und man spürt förmlich die pubertäre Freude daran, die Dinge auf den Kopf zu stellen. Damit verliert man aber Leser und Leserinnen, die zu Recht Korrektheit und Präzision von einer Tageszeitung erwarten, und man verliert an Glaubwürdigkeit. Das ist fatal gerade in diesen disruptiven und demokratiefeindlichen Zeiten.
Schließlich stellt sich eine grundsätzlichere sprachwissenschaftliche Frage: Warum sollte ein Asterisk innerhalb eines Worts für alle Sprecher automatisch die Bedeutung „Personen aller biologischen und sozialen Geschlechter“ tragen? Sprachliche Zeichen erhalten ihre Bedeutung nicht allein dadurch, dass eine Gruppe ihnen eine bestimmte Bedeutung zuschreibt. Sie müssen von den Adressaten entsprechend verstanden und konventionalisiert werden. Gerade Eckhard Meineke hat zudem ausführlich darauf hingewiesen, dass maskuline Personenbezeichnungen im Deutschen historisch und grammatisch nicht auf die Bedeutung „männlich“ reduziert werden können, sondern seit langem auch geschlechtsübergreifend verwendet werden. Wer diese vorhandene generische Funktion durch neue Zeichen ersetzt, muss deshalb nicht nur deren inklusive Absicht, sondern auch deren tatsächlichen kommunikativen Vorteil zeigen. Und hier liegt eines der Grundprobleme. Inklusion darf nicht nur aus der Perspektive des Schreibenden definiert werden. Entscheidend ist auch der Adressat. Wenn eine Schreibweise blinden Menschen Schwierigkeiten bereitet, für manche Leser zusätzliche Verarbeitungskosten erzeugt, morphologisch mitunter die männliche Form beschädigt, grammatikalisch oftmals gar nicht umsetzbar ist, nicht notwendig geschlechtlich ausgewogene Vorstellungen hervorruft und von einem erheblichen Teil der Sprachgemeinschaft nicht als selbstverständliche Orthografie verstanden wird, ist die Bezeichnung „inklusive Sprache“ keine treffende Beschreibung, sondern nur ein fragwürdiger Anspruch. Ob Sprache inklusiv ist, entscheidet sich nicht an der guten Absicht des Autors oder des Sprechers, wenn diese überhaupt vorhanden ist, sondern – nicht zuletzt – daran, wie zugänglich sie für ihre Hörer und Leser ist. Literatur: Bosse, Ingo; Schluchter, Jan-René; Zorn, Isabel (Hrsg.) (2019): Handbuch Inklusion und Medienbildung. Weinheim/Basel: Beltz Juventa. / Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) (2024): Gendern. Position des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes. DBSV – Gendern. https://www.dbsv.org/gendern.html. / Friedrich, Marcus C. G.; Drößler, Veronika; Oberlehberg, Nicole; Heise, Elke (2021): The Influence of the Gender Asterisk („Gendersternchen“) on Comprehensibility and Interest. Frontiers in Psychology, 12, 760062. DOI: 10.3389/fpsyg.2021.760062. / Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) (2020): Gendersternchen. Die Position der GfdS zur Verwendung des Gendersternchens. GfdS – Gendersternchen. https://gfds.de/gendersternchen/. / Körner, Anita; Abraham, Bleen; Rummer, Ralf; Strack, Fritz (2022): Gender Representations Elicited by the Gender Star Form. Journal of Language and Social Psychology, 41(5), 553–571. DOI: 10.1177/0261927X221080181. / Meineke, Eckhard (2023): Studien zum genderneutralen Maskulinum. Heidelberg: Universitätsverlag Winter. / Zacharski, Lisa; Kruppa, Alexandra; Ferstl, Evelyn C. (2025): The Readability of the Non-Binary Gender Star in German: Evidence From a Lexical Decision Task. Social Psychological Bulletin, 20, 13719. DOI: 10.32872/spb.13719.
Abb.: Die inklusive Sprache ist in Wirklichkeit eine exklusive
Noch bemerkenswerter ist, dass der Genderstern offenbar keineswegs automatisch eine geschlechtlich ausgewogene Vorstellung erzeugt. Experimente von Körner und Kollegen fanden bei solchen Formen einen weiblichen Bias: Nach „Autor*innen“ etc. wurden Bezüge auf Frauen leichter beziehungsweise schneller verarbeitet als Bezüge auf Männer. Die ausgeschriebene Paarform erzeugte dagegen die ausgewogensten Vorstellungen. Die Behauptung, der Genderstern bilde Männer, Frauen und weitere Geschlechter gleichermaßen ab, trifft also keineswegs zu. Wird beim Sprechen zudem der Glottisschlag nicht realisiert, fällt etwa „Autor*innen“ lautlich mit „Autorinnen“ zusammen. Und auch in Texten findet sich oft ein generisches Femininum, das es in dieser Form im Deutschen gar nicht gibt. Medien wie die Republik in der Schweiz produzieren so regelmäßig Falschinformationen, etwa wenn es heißt, Deutschland habe „80 Millionen Einwohnerinnen“. Dazu kommt ein praktisches Problem, das viele längere gegenderte Dokumente vorführen: Es existiert kein einheitliches System. Stern, Doppelpunkt, Unterstrich, Binnen-I, Paarform und neutrale Ersatzformulierungen konkurrieren miteinander. Selbst Texte, die besonderen Wert auf „geschlechtergerechte“ Sprache legen, produzieren dadurch grammatische Zweifelsfälle und Inkonsistenzen. Das „Handbuch Inklusion und Medienbildung“ liefert dafür ein besonders anschauliches Beispiel: Dort stehen verschiedene Systeme nebeneinander, und ausgerechnet im Kapitel über Barrierefreiheit findet sich die Konstruktion „blinde_r Nutzer_innen“ – und das keineswegs im Genitiv. Dass Genderanhänger oft im eigenen System scheitern, zeigt die völlig verunglückte Konstruktion „Adressat_inn_enkreis“ in einem anderen Kapitel. …
Abb.: Alle sollen einbezogen und mitgenommen werden
Ein weiteres Problem kann gerade aus dem Bemühen um geschlechtsneutrale Ersatzbegriffe entstehen. Personenbezeichnungen werden dabei häufig durch Funktions-, Tätigkeits- oder Sammelbezeichnungen ersetzt. Aus dem „Putzmann“ oder der „Putzfrau“ wird die „Putzkraft“, aus Mitarbeitern werden „Personal“ oder „Beschäftigte“, aus Teilnehmern „Teilnehmende“. Solche Formen vermeiden zwar die Geschlechtsmarkierung, können aber einen Preis haben: Der Mensch tritt sprachlich hinter seiner Funktion zurück. Besonders deutlich wird das bei der „Putzkraft“. Bezeichnet wird nicht mehr unmittelbar eine Person, sondern eine für eine bestimmte Tätigkeit eingesetzte „Kraft“ – ähnlich wie bei „Arbeitskraft“ oder „Hilfskraft“. Was als inklusive Lösung gedacht ist, kann dadurch distanzierter, bürokratischer und im Einzelfall sogar entpersonalisierend wirken. Geschlechtsneutralität ist deshalb nicht automatisch mit einer menschlicheren oder inklusiveren Ausdrucksweise gleichzusetzen. Bei den Partizipformen ergeben sich zudem oft Bedeutungsverschiebungen: Alle Menschen sind Forschende, aber nur einige sind Forscher. Hinzu kommen sprachstrukturelle Probleme. Bei Formen wie „Ärzt*in“ ist „Ärzt“ keine deutsche maskuline Personenbezeichnung; bei „Kolleg*in“ bleibt als Stamm „Kolleg“, ebenfalls nicht die vollständige maskuline Form. Die Gesellschaft für deutsche Sprache, ansonsten der Gendersprache zugewandt, benennt genau dieses Problem und schreibt zur Verwendung des Gendersternchens: „Die GfdS rät aus sprachwissenschaftlicher Sicht von der Verwendung dieser Formen geschlechterbewusster und genderneutraler Sprache ab.“ Ausgerechnet bei einer Schreibweise, die alle einschließen soll, ist demnach die männliche Form teilweise nicht mehr vollständig enthalten. Aktivistische Kreise reagieren auf eine solche Beobachtung oft spöttisch. Männer könnten auf diese Weise einmal selbst erfahren, was sprachlicher Ausschluss bedeute. Zum einen wird dabei das genderneutrale Maskulinum missverstanden. Zum anderen wird deutlich, dass es bestimmten Personen und Gruppen gar nicht um Inklusion geht, sondern um das schiere Gegenteil. …
Der Anspruch sogenannter inklusiver Sprache ist hoch: Niemand soll sprachlich ausgeschlossen werden. Doch gerade unter dem Gesichtspunkt der Inklusion wirft das Gendern erhebliche Probleme auf. Zunächst einmal sind Genderstern, Unterstrich und Doppelpunkt für viele blinde und sehbehinderte Menschen problematisch. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband rät von allen drei Formen ab. Sonderzeichen können beim Vorlesen übergangen oder mitgesprochen werden, den Vorlesefluss stören und die Braille-Ausgabe erschweren. Auch der oft als barrierefrei bezeichnete Doppelpunkt wird vom Verband ausdrücklich nicht empfohlen. Sonderzeichen und Satzzeichen im Wortinneren sind also (bis auf Bindestrich und Apostroph) der deutschen Sprache nicht nur strukturell fremd, sondern sie benachteiligen auch bestimmte Gruppen. Für die allgemeine Lesbarkeit ist die Sache ebenfalls weniger eindeutig, als das Etikett „inklusive Sprache“ suggeriert. Zwar finden manche Studien keine schlechtere subjektive Verständlichkeit gegenderter Texte. Daraus folgt jedoch nicht, dass Genderzeichen den Lesefluss nicht beeinträchtigen. Teilweise wurden weder Lesezeiten noch Blickbewegungen oder das tatsächliche Textverständnis gemessen. Die Autoren solcher Studien weisen selbst darauf hin, dass Leser möglicherweise mehr Zeit benötigen, um dasselbe Verständnisniveau zu erreichen. Wo die unmittelbare Worterkennung untersucht wurde, zeigten sich bei weniger an Genderformen gewöhnten Nichtstudenten zunächst langsamere Reaktionen, und bei komplexeren Sternformen wurden auch Beeinträchtigungen der Verständlichkeit festgestellt. Gerade die alltägliche Erfahrung, an Genderzeichen beim Lesen kurz zu stolpern, ist damit keineswegs widerlegt. Wie stark dieser Effekt bei verschiedenen Lesergruppen und in längeren Texten ausfällt, ist vielmehr noch unzureichend untersucht. …
Dass es auch anders geht, zeigt das Kapitel „Barrierefreie Kommunikation und Sprache“ von Carola Werning und Susanne Bömig. Es formuliert den schönen Grundsatz: „Barrierefreie Kommunikation bedeutet daher: Ich möchte, dass das, was ich mitteile, für alle zugänglich ist.“ … Dieser Beitrag kommt ohne Genderstern und Unterstrich aus und schreibt beispielsweise schlicht „Schülerinnen und Schüler“ (was man als unnötige Dopplung auch beanstanden kann, was hier aber durchaus Sinn ergeben kann, wenn man die Geschlechter hervorheben will). Das eigentliche Problem ist deshalb nicht, dass verschiedene Autoren unterschiedlich schreiben. Es ist der Zielkonflikt zwischen zwei Vorstellungen von Inklusion: Genderzeichen sollen sichtbar machen und die gewohnte Wahrnehmung von Personenbezeichnungen unterbrechen, barrierearme Sprache soll dagegen möglichst leicht, vertraut und störungsfrei verarbeitet werden können. Ob und wie stark Genderformen das Lesen tatsächlich erschweren, muss empirisch untersucht werden und lässt sich nicht für alle Leser pauschal beantworten. Doch gerade das fordert das Handbuch bei anderen sprachlichen Maßnahmen selbst. Die entscheidende Frage müsste deshalb lauten: Wie soll ausgerechnet die Schreibweise „blinde_r Nutzer_innen“ einem blinden Benutzer das Lesen erleichtern? Solange darauf keine überzeugende Antwort vorliegt, illustriert das Handbuch einen grundlegenden Widerspruch: Man kann sprachlich niemanden ausschließen wollen und dabei zugleich neue Barrieren schaffen.
Das Kapitel „Barrierefreiheit“ von Anne Haage und Christian Bühler erklärt unter Berufung auf das Behindertengleichstellungsgesetz, Medien sollten „ohne besondere Erschwernis“ zugänglich sein, und zählt das Verstehen ausdrücklich zu den Dimensionen der Barrierefreiheit. Ausgerechnet in einem Abschnitt über Screenreader und blinde Menschen begegnet einem dann die Form „blinde_r Nutzer_innen“ – und das keineswegs im Genitiv. Später ist von „Schüler_innen“, „Lehrer_in“, „Kursleiter_innen“ und „Pädagog_innen“ die Rede. Noch widersprüchlicher wirkt das Kapitel „Leichte Sprache – ein Mittel zur Barrierefreiheit?“ von Saskia Schuppener, Anne Goldbach und Bettina M. Bock. Seine drei Autorinnen warnen zu Recht davor, gut gemeinte sprachliche Regeln automatisch für verständlich zu halten. Regeln müssten empirisch daraufhin überprüft werden, ob sie ihren Adressaten tatsächlich helfen. Untersuchungen mit Menschen mit Lernschwierigkeiten und geringer Lesekompetenz zeigten sogar, dass manche sprachlichen und typographischen Maßnahmen das Verständnis erschweren können – „auch und gerade für schwächere Leser_innen“. Die Skepsis gegenüber sprachlichen Eingriffen erstreckt sich jedoch nicht erkennbar auf die eigene Orthografie. Im selben Kapitel finden sich „Nutzer_innen“, „Mitarbeiter_innen“, „Leser_innen“, „Anbieter_innen“ und sogar die bemerkenswerte Konstruktion „Adressat_inn_enkreis“. Besonders treffend ist, dass die Autoren selbst vor Barrierefreiheit als bloßem „Aushängeschild“ warnen: Anbieter könnten damit signalisieren, sich um Barrierefreiheit zu kümmern, ohne hinreichend zu prüfen, ob ihre Texte für die Adressaten tatsächlich funktionieren. Genau diese Frage müsste man auch an Gendersprache stellen: Dient die sprachliche Markierung tatsächlich dem Leser oder signalisiert sie vor allem die angeblich inklusive Haltung des Schreibenden? …
Abb.: Menschen mit Dyslexie haben kaum eine Chance
Ein „Handbuch Inklusion und Medienbildung“ (Beltz Juventa, 2019) ist wohl einer der letzten Orte, an denen man sprachliche Barrieren erwarten würde. Gerade hier geht es um Zugänglichkeit und Verständlichkeit, um Hilfestellungen wie Leichte Sprache, um Assistenztechnologien wie Screenreader und um die unterschiedlichen Voraussetzungen von Lesern. Umso bemerkenswerter ist die Sprache des Handbuchs selbst. Da es sich um einen Herausgeberband handelt, sollte man die von Kapitel zu Kapitel wechselnden Schreibweisen nicht vorschnell den Herausgebern – Ingo Bosse, Jan-René Schluchter und Isabel Zorn – anlasten. Vielleicht gab es eine allgemeine Erwartung oder eine Empfehlung des Verlags, sogenannte geschlechtergerechte Sprache zu verwenden, während die konkrete Umsetzung den einzelnen Autoren überlassen blieb; belegen lässt sich eine solche Vorgabe anhand des Buches allerdings nicht. Das Ergebnis ist jedenfalls ein bemerkenswertes Durcheinander aus Unterstrich, Genderstern, Schrägstrich, Paarformen und gewöhnlichen Personenbezeichnungen. Wirklich interessant wird dieser Befund dort, wo einzelne Beiträge ihre eigenen Maßstäbe für Barrierefreiheit formulieren. …
Man muss sich ebenso darüber im Klaren sein, dass Eingriffe in ein solches System Folgen haben können, die sich später nicht ohne Weiteres zurücknehmen lassen. Gewohnheiten bilden sich aus, Regeln verändern sich, neue Konventionen entstehen und werden an die nächste Generation weitergegeben. Gerade deshalb sollte eine solche Veränderung nicht allein danach beurteilt werden, ob ihre Absicht derzeit als moralisch oder politisch wünschenswert gilt. Auch ihre Folgen für das sprachliche System selbst müssen betrachtet werden. So wie man sorgsam mit der Natur umgehen sollte, sollte man sorgsam mit der Kultur umgehen. Sprache und Schrift sind nicht bloß Material, das für den jeweils gewünschten Zweck beliebig umgeformt werden kann. Die Schrift ist ein historisch junges, über Jahrtausende entwickeltes Kulturwerkzeug, die Schriftsprache ein über Generationen geformtes Kulturgut. Beide haben wesentliche Errungenschaften der Zivilisation erst möglich gemacht. Wer in ihre gewachsenen Strukturen eingreift, sollte deshalb nicht nur wissen, was er erreichen will. Er sollte auch wissen, worin er eingreift. Und wenn man am Ende noch einmal aufsteigt und über diese Sprachlandschaft hinwegfliegt, sieht man vielleicht deutlicher, was auf dem Boden leicht aus dem Blick gerät, nämlich dass ihre Formen zusammengehören, dass Wege, Grenzen, Erhebungen und Täler eine über lange Zeit entstandene Ordnung bilden. Man kann in diese Landschaft der Sprache eingreifen. Man kann neue Pfade anlegen, Schneisen ziehen und den Verlauf des Geländes verändern. Aber bevor man es tut, sollte man diese Landschaft kennen, denn wer tief genug in ihre gewachsenen Strukturen eingreift, verändert nicht nur ihr Aussehen. Er riskiert, dass aus Wegen Irrwege, aus Grenzen Hindernisse werden und die Landschaft schließlich ihre wichtigsten Eigenschaften verliert, nämlich dass man sich in ihr zurechtfindet und zueinander findet.
Wenn man nun Zeichen wie den Asterisk, den Unterstrich oder den Doppelpunkt ins Wortinnere einfügt und ihnen dort eine neue strukturelle Funktion zuweist, greift man in diese Topografie ein. Aus „Lehrer“ und „Lehrerinnen“ wird „Lehrer*innen“, „Lehrer_innen“ oder „Lehrer:innen“. Die Zeichen stehen nicht zufällig an dieser Stelle. Sie sollen eine Grenze im Inneren der Wortform sichtbar machen und ihr zugleich eine grammatische und semantische Funktion geben. Der Eingriff betrifft daher nicht nur das Schriftbild. Er verändert die graphematische und orthografische Struktur der Wortform und wirkt auf ihre morphologische Gliederung ein. Das ist kein langsames Verschieben von Platten, kein gemächliches Aufstülpen von Bergen und Ausformen von Tälern. Es ist vielmehr das Einziehen von Schneisen, das Bohren von Löchern. Gewiss kann auch das Ergebnis bewusster Eingriffe irgendwann Teil eines Sprachwandels werden. Aber damit ist noch nicht beschrieben, wie dieser Wandel zustande kommt. Wo neue Formen gezielt vorgeschlagen, propagiert, institutionell gefördert oder normativ verlangt werden, haben wir es nicht allein mit ungesteuertem Sprachwandel zu tun, sondern auch mit Sprachlenkung. Man mag seine Gründe dafür haben, moralische, politische oder sprachpolitische. Aber man muss sich im Klaren darüber sein, dass man ein gewachsenes Gebilde mit seinen einzeln geformten und aufeinander bezogenen Teilen verändert und beeinträchtigt. Dabei war bisher nur von der geschriebenen Wortgestalt, von Graphematik, Orthografie und Morphologie die Rede, noch nicht von anderen Bereichen der Grammatik und des Sprachgebrauchs. …
Wenn man über einen Text deutscher Sprache hinwegfliegt, wenn man seine Topografie erkundet, fallen einem schnell einige Regelmäßigkeiten und Besonderheiten auf. Am Anfang des Satzes steht ein Großbuchstabe. Auch innerhalb des Satzes beginnen manche Wörter mit einem Großbuchstaben. Geschlossene Wortformen sind in der Regel durch Leerzeichen voneinander abgegrenzt. Das Leerzeichen zeigt an, dass ein Wort aufhört und ein neues beginnt. Im Wortinneren steht es nicht. Deutsche Wörter können sehr lang sein. Weithin bekannt ist der Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän, und man weiß vielleicht, dass man dieses Wort noch weiter verlängern kann. Es ist ein Kompositum. Seine Bestandteile werden nicht durch Leerzeichen voneinander getrennt. Die deutsche Orthografie kennt allerdings einige Zeichen, die innerhalb von Wortformen auftreten können und dort bestimmte, konventionalisierte Funktionen erfüllen. Dazu gehört der Bindestrich, etwa wenn bestimmte Zusammensetzungen durchgekoppelt werden, wie bei „Künstliche-Intelligenz-Konferenz“. Eine „Künstliche Intelligenz-Konferenz“ ließe dagegen die Zuordnung von „Künstliche“ zumindest grafisch uneindeutig werden. Man könnte gar an eine künstliche Intelligenzkonferenz denken. Auch der Apostroph kann innerhalb einer Wortform erscheinen, etwa in „D’dorf“ oder in „Ku’damm“. So fliegt man dahin und erkennt in der über viele Jahrhunderte gewachsenen Struktur eine bemerkenswerte Regelmäßigkeit. Groß- und Kleinschreibung, die Bildung und Abgrenzung von Worteinheiten sowie die Getrennt- und Zusammenschreibung gehören zu den grundlegenden Strukturen der deutschen Schriftsprache. Sie betreffen ihre Graphematik und Orthografie und stehen zugleich in enger Beziehung zur Morphologie, zur inneren Struktur der Wörter. …
Der deutsche Sprachwissenschaftler Helmut Glück hat mit „Vom Gendern und seinen Grenzen“ (J. B. Metzler, 2026) ein kenntnisreiches und unterhaltsames Buch zum Thema vorgelegt. Er spart nicht mit Seitenhieben und Direkttreffern bei den Totengräbern der Sprache, die auch in der Linguistik – genauer gesagt, in der „Genderlinguistik“ – zu finden sind. Dabei ist immer wieder von „postgrammatischem Unsinn“ die Rede. Der Schaden, den Medien, Behörden und Hochschulen anrichten, wird umfangreich dargestellt. Die „Reduktionsgrammatik der Gleichstellungsbeauftragen (die RGG)“ wird eindrucksvoll zerpflückt. Über den Duden heißt es, dass er „bedauerlicherweise immer noch häufig als Autorität in Sachen Rechtschreibung betrachtet“ wird. Man hätte sich gewünscht, dass belletristischen und wissenschaftlichen Verlagen und ihren Herausgebern mehr Platz gewidmet wird. Sie erzwingen häufig Schreibweisen und schließen Autoren aus – oder sie verfälschen mit Übersetzungen die Originale. Der altehrwürdige Verlag Metzler selbst, inzwischen zu Springer gehörend, lässt in der Titelei keinen Zweifel darüber, wo er steht. Immerhin lässt er Abhandlungen wie diese zu. Insbesondere Kapitel 1 bis 5 überzeugen, während Kapitel 6 ein wenig wie ein Sammelsurium wirkt. Ein gründliches Korrektorat würde der zweiten Auflage, sofern sie geplant ist, formal guttun. Die Vertreter der Gendersprache dürfte das Buch kaum erreichen und umstimmen, denn sie sind nicht nur für die Sprachgemeinschaft verloren, sondern auch für die Wissenschaft. Dennoch wird „Vom Gendern und seinen Grenzen“ wie schon die „Studien zum genderneutralen Maskulinum“ von Eckhard Meineke, auf die immer wieder verwiesen wird, sicherlich ein Standardwerk werden, mit Lesern, die Grundlagen verstehen und sich von Argumenten überzeugen lassen wollen, und mit Lesenden, die die zahlreichen Pointen zu würdigen wissen und darüber herzlich lachen.
Abb.: Auch das Ringelnatz-Gedicht vom Briefmark wird zitiert (Bild: GPT Image 2)
DeepL wirbt für sich mit dem Spruch „Der präziseste Übersetzer der Welt“. Trifft diese Selbsteinschätzung zu? Das kann man durch Tests schnell selbst herausfinden. Teilweise werden Begriffe völlig falsch übersetzt. So macht DeepL aus dem deutschen Satz „Unser Ansatz in der Tier-Maschine-Interaktion ist ähnlich.“ den englischen Satz „Our approach to human-animal-interaction ist similar.“ – korrekt wäre „Our approach to animal-machine interaction ist similar.“ gewesen. Dadurch gewinnt der Text eine ganz andere Bedeutung, und das Tier, das bei dieser Disziplin im Fokus steht, verschwindet. Aus „She is one of the best-known writers in the world“ wird „Sie ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen der Welt“. Dies ist auch bei menschlichen Übersetzern und Autoren ein beliebter Fehler, mit dem die Leistung von Mädchen und Frauen geschmälert wird. Korrekt wäre „Sie ist einer der bekanntesten Schriftsteller der Welt.“ oder „Sie gehört zu den bekanntesten Schriftstellern der Welt.“ … In vielen Fällen verwendet DeepL, wie in früheren Tests gezeigt wurde, nicht einmal Standardsprache. Dies ist auch ein Problem bei ChatGPT und Claude. Sie alle verfolgen eine sprachpolitische Agenda, umgesetzt durch Auswahl der Trainingsdaten, Reinforcement Learning from Human Feedback und Alignment bzw. Prompt Engineering. Man kann in den Einstellungen oder durch Prompts vorgeben, dass Standardsprache verwendet wird, doch zumindest bei ChatGPT wird dies oft ignoriert oder erst nach einer Beschwerde im zweiten Anlauf berücksichtigt. Der präziseste Übersetzer der Welt? Davon kann leider keine Rede sein.
Abb.: DeepL beim Halluzinieren von Wörtern (invertierte Darstellung)
Christiane Pöhlmann rezensiert in „Gezählt, nicht erzählt“ (FAZ, 13. Juli 2026) das Prosadebüt „41515 Wörter“ von Vera Martynov. Erschienen ist es in deutscher Sprache (oder besser gesagt, in einer Art deutscher Sprache) im Zeitkind Verlag, der auf der Website von seinen „Autor*innen“ spricht. Er sitzt in Meilen, einem Städtchen am Zürichsee. Laut Teaser wirft das Buch „einige Fragen auf“, „auch was die Übersetzung aus dem Russischen betrifft“ (FAZ, 13. Juli 2026). Diese stammt von Yvonne Griesel, und Pöhlmann, ebenfalls Übersetzerin, findet zunächst klare Worte: „Griesel gendert durchgängig, Martynov wählt generisches Maskulinum.“ Sie fährt fort: „Verzichtet Griesel in Ausnahmen auf den Gender-Doppelpunkt, kriegt die deutsche Variante rasch einen ungewollten Dreh. ‚Der Mensch, Schauspieler oder Zuschauerin, ist in einer schutzlosen Situation und sich dessen selbst oft nicht bewusst.‘ Der Singular in allgemeinen Aussagen ist in diesem Text so selten, dass er etwas Konkretes gewinnt: der aktive Mann (Schauspieler), die passive Frau (Zuschauerin). Die Autorin nutzt auch an dieser Stelle das Maskulinum …“ (FAZ, 13. Juli 2026). Eine solche Neubewertung oder Abwertung kennt man von anderen Fällen misslungener Zuschreibungen und Übersetzungen. Diesem Beispiel entnimmt man aber auch, dass die Übersetzerin durchgängig einen „Gender-Doppelpunkt“ benutzt, was erstaunen muss, denn im Wortinneren sind Sonder- und Satzzeichen ausgeschlossen (Leerzeichen übrigens auch). Man wundert sich deshalb, warum Pöhlmann zuvor meint, „die deutsche Fassung“ sei „gut“, um gleich wieder einzuräumen, dass sie „neuen Diskussionsstoff“ gibt „für eine Frage, die seit einiger Zeit diskutiert wird“ (FAZ, 13. Juli 2026) – eben das Gendern, in diesem Falle das „Gendern hardcore“. Nun dürfte unter Literaturliebhabern und unter seriösen Germanisten und Linguisten unbestritten sein, dass man Originaltexte nicht verfälschen darf, weder durch Anpassungen noch durch Übersetzungen solcher Art. Tatsächlich verbreiten sich diese Formen der Suggestion und Manipulation aber, ohne dass ihnen die gebührende Aufmerksamkeit zuteil wird. In der deutschen Übersetzung von „What we can know“ von Ian McEwan wird zwar kein Genderzeichen verwendet, aber durch ein „Gendern light“ der Text sinnentstellt. Diogenes, einst ein renommierter Verlag, sitzt in Hottingen, einem beschaulichen Stadtteil von Zürich. Auf seiner Website spricht er von seinen „Leser:innen“ und rühmt sich seiner „Bestsellerautor:innen“. Die Feuilletons der Zeitungen, sofern es sie noch gibt, sollten sich dieser Problematik zuwenden und auf den Schaden aufmerksam machen, der für Literatur und Sprache bereits entstanden ist.
Abb.: Nicht gegenderte Texte aus dem Diogenes Verlag
Wie schmälert man in Texten die Leistung von Mädchen und Frauen? Indem man an der falschen Stelle movierte Formen verwendet. Im Rahmen der Rechtschreibprüfung eines Empfehlungsschreibens schlägt ChatGPT vor, den Satz „Sie gehört zu den Wissenschaftlern ihrer Generation, die das Potenzial besitzen …“ abzuändern in „Sie gehört zu den Wissenschaftlerinnen ihrer Generation, die das Potenzial besitzen …“. Damit wäre sie nicht mehr so herausgehoben wie vorher, und sie dürfte sich nur noch an Frauen messen, nicht an Männern. Auf Seite 20 des Romans „What we can know“ von Ian McEwan steht: „Mary Sheldrake was among the most successful novelists of her generation.“ Dies könnte man übersetzen mit: „Mary Sheldrake gehörte zu den erfolgreichsten Romanautoren ihrer Generation.“ Erstaunlicherweise lautet die Stelle im deutschsprachigen Buch „Was wir wissen können“ (Diogenes) auf Seite 37 aber: „Mary Sheldrake war eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen ihrer Generation.“ Das macht sie unbedeutender, als sie ist – sie ist in ihrer Generation nicht nur unter den professionell schreibenden Frauen eine der erfolgreichsten, sondern unter allen, die professionell schreiben. Grundsätzlich können movierte Formen dieser Art ausschließlich auf weibliche Personen zielen. Sie können nicht generisch sein. Und es ist irreführend bzw. fehlerhaft, sie in der genannten Weise zu verwenden.
Abb.: Das Schmälern der Leistung von Mädchen und Frauen
Was für die einen das Kreuzworträtsel ist, ist für die anderen das Zählen von Rechtschreib- und Grammatikfehlern in Zeitungen. In der einst so sprachsicheren FAZ findet man kaum noch fehlerfreie Teaser. Und auch die Texte lassen immer mehr zu wünschen übrig. Über Deklinationsfehler und Fehler bei Zusammen- und Getrenntschreibung wurde schon berichtet, ebenso über andere Fehler bei der Wortbildung. Eine weitere Kategorie sind redundante Geschlechtsspezifizierungen. In der Ausgabe vom 9. April 2026 heißt es über Averil Cameron: „Die Pionierin inspirierte ganz besonders ihre weiblichen Kolleginnen.“ („Die Erste ihrer alten Schule“). Hängt dieser Missgriff mit den Bemühungen um eine Gendersprache zusammen? In anderen Fällen gibt es darüber keinen Zweifel. Am 8. April begann ein Satz mit den Worten „Die Forschenden sind …“ – dabei hatte der Titel korrekt „Forscher entdecken unbekannte Insel in der Antarktis“ gelautet. Alle Menschen sind Forschende, aber nur wenige sind Forscher. Diese forschen von Berufs wegen. Und keinesfalls ständig. „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“ ist seit den 1960er-Jahren der Werbespruch der FAZ. Damit waren schon immer die Leser gemeint und nicht die Redakteure. Und schon gar nicht die Praktikanten, die für die Teaser zuständig sind.
Abb.: Die FAZ hat ihren Sitz in Frankfurt (Foto: Bücherradfahrer, Wikimedia, CC BY-SA 4.0)
Die Ausstellung mit Gemälden des afroamerikanischen Künstlers Kerry James Marshall im Kunsthaus Zürich ist sehenswert – lesenswert ist sie nicht. Die deutschen Texte sind manipulativ auf mehreren Ebenen. So steht in einem Begleittext neben den Bildern: „Jahrhundertelang widerstanden Schwarze Amerikaner:innen Bedingungen von Unterdrückung und schufen trotz Versklavung und Ungleichheit eine reiche Kultur. In der Serie hier gezeigter Porträts zollt Marshall Sklavenrebell:innen, Poet:innen, Künstler:innen, Abolitionist:innen und Aktivist:innen Tribut.“ Es handelt sich um dysfunktionale, aktivistische, ideologische, diskriminierende, moralisierende Sprache, die den Besucher nicht ernst nimmt, ihn erziehen, umerziehen, ihm eine Meinung und eine Sichtweise aufzwingen will, sich zwischen ihn und die Werke schiebt und die Werke ihrer Autonomie beraubt. Dabei folgt die Sprache der Verantwortlichen einem klaren Plan. An anderer Stelle heißt es nämlich: „Einige Sklavenbesitzer förderten nicht die Ehe …“. Wo überall Doppelpunkte im Wortinneren erscheinen, um die Wortstruktur zu zerstören und die -bedeutung aufzulösen, kann eine solche Form nicht mehr generisch sein – sie muss männlich sein. Die Bösen, das ist hier die Auskunft, sind die Männer, und nur diese haben in diesem Zusammenhang gefehlt. Allerdings gibt es zahlreiche weibliche Sklavenhalter in der Geschichte. Martha Washington ist ein Beispiel für den amerikanischen Süden. Im Römischen Reich konnten wohlhabende Frauen ganz selbstverständlich Sklaven besitzen, ebenso in verschiedenen afrikanischen Gesellschaften. Auf diese Weise wird Sprache ebenso manipuliert wie der Besucher – und die Geschichte. Das Kunsthaus ist nicht nur durch seine NS-Kunst auf Abwege geraten.
Am 9. Februar 2026 erschien das Buch „Genderzwang: Wie Sprachpolitik die Freiheit des Sprechens gefährdet“ von Fabian Payr und Dagmar Lorenz. In einem Artikel vom 12. Februar berichtete die Welt über das Buch. „Wie rigoros der Sprachumbau in Behörden, Ministerien und Unternehmen, in Medien, Verlagen und Forschungseinrichtungen, an Universitäten und in Verbänden durchgesetzt wird, dokumentiert das Buch ‚Genderzwang‘ … In ihm haben Fabian Payr, Germanist und Musikpädagoge, und die Literaturwissenschaftlerin Dagmar Lorenz zahlreiche Fälle aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammengetragen, die beispielhaft für den Druck stehen, der auf diejenigen ausgeübt wird, die der geschlechtersensiblen Sprachlenkung kritisch gegenüberstehen und darauf hinweisen, dass das generische Maskulinum alle nur denkbaren Geschlechtsidentitäten einschließt.“ (Welt, 12. Februar 2026) Die Zeitung kommt zu dem Befund: „Ein Großteil der Erfahrungsberichte kommt wenig überraschend aus dem Hochschul- und Wissenschaftsbetrieb, wo der diversitätspolitische Eifer besonders groß ist. Universitätsleitungen und Dekanate verlangen das Gendern aller Textsorten von der Prüfungsordnung über den Kommissionsbericht bis zur Pressemitteilung; Wissenschaftler müssen in ihren Anträgen auf Forschungsförderung gendern, weil sie sonst die Ablehnung und damit ihre Forschungsprojekte riskieren. Auch viele Wissenschaftsverlage machen das Gendern zur Voraussetzung. Wer sich dem widersetzt, verliert wichtige Publikationsmöglichkeiten, was vor allem für Nachwuchsforscher das frühe Ende der Karriere bedeuten kann.“ (Welt, 12. Februar 2026) Fabian Payr wird mit den Worten zitiert: „Am meisten erschüttert hat mich, dass sich dieser illiberale Geist gerade an den Universitäten so etabliert hat“. „Denn man sollte doch meinen, dass das dies Orte freien Austauschs sind. Doch gerade hier ist es besonders schwierig geworden, abweichende Meinungen zu äußern.“ (Welt, 12. Februar 2026) Dem ist nichts hinzuzufügen.
Im Februar 2026 erscheint das Buch „Genderzwang: Wie Sprachpolitik die Freiheit des Sprechens gefährdet“ von Fabian Payr und Dagmar Lorenz. Fabian Payr ist durch sein Buch „Von Menschen und Mensch*innen“ (Springer) und seine Aufklärungsplattform zur Gendersprache bekannt geworden. Dagmar Lorenz ist promovierte Literaturwissenschaftlerin, zudem examinierte Sinologin (M.A.). Sie arbeitet als professionelle Autorin (Features und Essays über Sprache und China für den Hörfunk) und Dozentin (mit Lehraufträgen an deutschen Universitäten und chinesischen Colleges). Aus dem Klappentext: „‚Niemand wird zum Gendern gezwungen‘, beteuern die Befürworter einer ‚gendergerechten Sprache‘. Aber kann tatsächlich von Freiwilligkeit die Rede sein? Die rund 50 Fallbeispiele in diesem Buch zeigen, wie sehr die Freiheit des Sprechens durch den Zwang zum Gebrauch einer vermeintlich inklusiven Sprache beeinträchtigt wird. Vielerorts herrscht ein repressives Klima, das Abweichler von der vorgegebenen Sprachlinie sanktioniert. Die Autoren skizzieren die geistesgeschichtlichen Hintergründe des Genderns und beleuchtet soziologische Phänomene wie soziale Ächtung und Konformitätsdruck rund um das sprachpolitische Projekt Gendersprache. Das Buch zeigt auf, dass vor allem an den Universitäten Gendersprache mit großem Nachdruck eingefordert wird. Aber auch in vielen Kultureinrichtungen, Behörden, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und den Kirchen ist der gendergerechte Sprachtrend zur neuen Norm geworden. Die Umgestaltung der Sprache wird begründet mit dem Hinweis auf die starke Wirkmacht von Sprache. In diesem Punkt zeigt sich sowohl der Einfluss postmoderner Philosophen als auch die ausgeprägte pädagogische Intention dieser Sprachmaßnahme. Wer sich dem Sprachdiktat verweigert, das zeigen die Beispiele, muss berufliche Nachteile in Kauf nehmen und verliert im schlimmsten Fall seinen Job. Das Buch liefert Tipps und eine Fülle von Argumenten, wie sprachlicher Bevormundung begegnen werden kann.“ (Klappentext) Das Buch erscheint im Verlag Königshausen und Neumann aus Würzburg, einem geisteswissenschaftlichen Fachverlag mit den Schwerpunkten Philosophie, Literaturwissenschaft, Musikwissenschaft und Psychologie.
Abb.: An vielen Hochschulen werden Mitglieder zum Gendern gezwungen
Die Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Diogenes-Verlags wurde zweimal per E-Mail gefragt, warum in der Übersetzung von „What we can know“ von Ian McEwan – wie in Teil I des Beitrags dargestellt – von Forschenden die Rede ist. Eine Antwort kam erst, nachdem der Leiter des Verlags kontaktiert worden war. Darin verwies sie darauf, dass das Wort im Duden zu finden sei. Zudem sei es durchaus gebräuchlich und dem üblichen Sprachwandel entsprechend. Nun kann man natürlich Agensnomen durch Partizipformen ersetzen. Allerdings verschiebt sich meistens die Bedeutung. Denn letztere deuten i.d.R. an, dass etwas im Moment oder im Verlauf geschieht. Zudem können sie, wie im Falle der „Forschenden“ oder der „Pflegenden“, eine Gruppe meinen, deren Mitglieder eine Tätigkeit ausüben, ohne dafür ausgebildet sein zu müssen. Der Duden ist längst keine geeignete Referenz mehr. Zuständig für die amtliche Fixierung ist seit 2004 der Rat für deutsche Rechtschreibung. Der Verlag, nunmehr in seinem Schatten stehend, veränderte sein Nachschlagewerk bis zur Unkenntlichkeit. Auf keinen Fall entstammt das Wort „Forschende“ dem „üblichen Sprachwandel“, wenn damit der natürliche Sprachwandel gemeint ist. Seine Verwendung ist ideologisch motiviert … Den professionellen Rezensenten sind die Tendenzen der Übersetzung offenbar verborgen geblieben, den normalen Lesern hingegen nicht. Bei Orell Füssli wurde unter der Überschrift „Forschende und Studierende“ von einem Kunden moniert: „Leider schwach übersetzt in manche Partizipformen (s. oben), die der Autor im Original gar nicht benutzen konnte.“ Der Versuch, eine ähnliche Rezension auf der Plattform einzustellen, schlug fehl – der Beitrag wurde gesperrt (nachdem er zunächst freigeschaltet worden war), obwohl er nicht gegen die Richtlinien verstieß. Der Diogenes-Verlag hat die Büchse der Pandora geöffnet. Es ist wahrscheinlich, dass weitere Bücher so übersetzt werden, dass sie politische und ideologische Ziele erreichen. Der Leser erhält so nicht nur ein Werk, das dem Original nicht gerecht wird und den Text verfälscht – er wird auch bevormundet. Gendersprache wird in den deutschsprachigen Ländern von der Mehrheit abgelehnt. Sie ist, insbesondere wenn Sonderzeichen verwendet werden, inkorrekt, sexualisierend und diskriminierend. Sie ist zudem, wie gezeigt wurde, unpräzise. Es ist zu wünschen, dass der Verlag, immer noch eine Größe im Geschäft, zur gebotenen Vernunft und zum allgemeinen Sprachgebrauch zurückkehrt. Wenn er das nicht tun will, sollte er sich offen zu seiner Ausrichtung bekennen.
Abb.: Der Diogenes-Verlag hat seinen Sitz in Zürich
Der jüngste Roman von Ian McEwan trägt den Titel „What we can know“. Die englische Ausgabe ist bei Jonathan Cape in London erschienen, die deutsche Ausgabe mit dem Titel „Was wir wissen können“ bei Diogenes in Zürich. Bei der Übersetzung fallen Ungenauigkeiten und Abweichungen auf, die mit dem Einfluss bzw. dem Phänomen der Gendersprache zusammenhängen dürften. Auf S. 17 des Originals heißt es: „Scholars see, hear and know more of them, of their private thoughts, than we do of our closest friends.“ Das könnte man übersetzen mit „Wissenschaftler sehen, hören und wissen mehr über sie, über ihre privaten Gedanken, als wir über unsere engsten Freunde.“ Der Übersetzer macht daraus: „Die Forschenden sehen, hören und wissen mehr von ihnen, ihren privatesten Gedanken, als wir von unseren engsten Freunden.“ (S. 32) Nun sind alle Menschen Forschende, aber nur einige sind Forscher. Die Partizipform (es handelt sich um das Partizip Präsens), die nicht wenige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen erzürnt, bedeutet etwas anderes als das Agensnomen. Sie wird gerne in der Gendersprache verwendet, um das generische Maskulinum zu vermeiden, wenn dieses irrtümlich auf männliche Personen bezogen wird. Auf Seite 19 der englischen Ausgabe liest man: „For the post-2030 crowd, which is most of the department, there’s even more.“ Das könnte man so wiedergeben: „Für die Generation nach 2030, die den Großteil des Fachbereichs ausmacht, gibt es sogar noch mehr.“ Der Übersetzer dichtet: „Und für die vielen Forschenden der Zeit nach 2030, die den größten Teil des Fachbereichs ausmachen, gibt es sogar noch mehr.“ Es geht um eine Generation des Fachbereichs, sodass man durchaus von Forschern sprechen könnte. Von Forschenden allerdings nicht – das verschiebt die Bedeutung. Auf Seite 20 des Originals steht: „Mary Sheldrake was among the most successful novelists of her generation.“ Dies könnte man übersetzen mit: „Mary Sheldrake gehörte zu den erfolgreichsten Romanautoren ihrer Generation.“ Erstaunlicherweise lautet die Stelle im deutschsprachigen Buch auf Seite 37: „Mary Sheldrake war eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen ihrer Generation.“ Das macht sie unbedeutender, als sie ist – sie ist in ihrer Generation nicht nur unter den professionell schreibenden Frauen eine der erfolgreichsten, sondern unter allen, die professionell schreiben. [Hier geht es zu Teil II.]
Über die Unzulänglichkeiten und Zumutungen von DeepL wurde immer wieder berichtet. So verwendet es oft keine Standardsprache, sondern eine Sondersprache. Insbesondere bei Nichtmuttersprachlern besteht die Gefahr, dass aus ihren korrekten englischen oder anderssprachigen Texten inkorrekte deutsche werden, ohne dass sie dies bemerken oder ändern können. Bei ChatGPT ist dasselbe der Fall – dort ist die Sondersprache, die sich auf privat ausgedachte oder spontan erfundene Regeln stützt, sogar mit der Standardeinstellung vorgegeben. Kaum bekannt ist, dass DeepL einfach Wörter ersetzt, wenn es sie nicht kennt. Wer nicht im Detail überprüft oder eine Unaufmerksamkeit begeht, gibt womöglich einen sinnentstellten oder sinnentleerten Text ab. Bei einem Test wurde ein Blogpost, der in englischer Sprache vorlag, in die deutsche Sprache übersetzt. Aus „Animal-Computer Interaction“ („Tier-Computer-Interaktion“) wurde einfach „Mensch-Computer-Interaktion“ gemacht. Das Wort „Animal-Computer Interaction“ mag nicht jedem geläufig sein, aber es gibt zahlreiche Artikel dazu und eine Konferenz, die jedes Jahr stattfindet. Solche Falschübersetzungen würde man von den bekannten LLMs erwarten, aber nicht unbedingt von DeepL. Dabei konnte man durchaus gewarnt sein.