Ethik als Pflichtfach für Informatiker

GI-Präsident Oliver Günther will, „dass Ethik für Informatiker verpflichtend zur Ausbildung gehört“ (golem.de vom 14. Januar 2013). Eine ähnliche Forderung hat Oliver Bendel in seinem Buch „Die Rache der Nerds“ (2012) im Kapitel „Die Mängel der Ausbildung“ aufgestellt. In seinem Beitrag „Die Moral der Informationsgesellschaft: Für eine Renaissance der Informationsethik und eine Stärkung der Technologiefolgenabschätzung“, der im Frühjahr 2013 im Tagungsband „Vordenken – mitdenken – nachdenken: Technologiefolgenabschätzung im Dienst einer pluralistischen Politik“ erscheint, plädiert er dafür, innerhalb von Informatik und Wirtschaftsinformatik verstärkt Informationsethik zu betreiben. Günther, der auch Präsident der Universität Potsdam ist, betont: „Informatikfachleute dürfen sich nicht allein auf die technischen und ökonomischen Fragen ihrer Disziplin beschränken.“ (golem.de vom 14. Januar 2013) In dem Artikel werden seine Ausführungen mit folgenden Worten zusammengefasst: „Informatiker müssten sich der ethischen, gesellschaftlichen, juristischen und politischen Konsequenzen ihrer Entwicklungen stets bewusst sein. Darüber hinaus liege es in ihrer Verantwortung, die Nutzer beim sicheren und verantwortungsvollen Einsatz von Informatik zu begleiten und zu beraten.“ (golem.de vom 14. Januar 2013) Allerdings gibt es derzeit kaum Wissenschaftler, die die Informationsethik in Forschung und Lehre vertreten können. Günther betont in diesem Zusammenhang, dass die „hier benötigten kompetenten Fachleute … in erster Linie an den Hochschulen entsprechend ausgebildet werden“ (golem.de vom 14. Januar 2013) müssen.

Abb.: Eine Programmiererin bei der Arbeit

Stellungnahme des Forums InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung e.V.

Das Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung e.V. (FIfF) hat am 28. Dezember 2012 eine Stellungnahme zur Besetzung des Lehrstuhls „Informatik und Gesellschaft und Didaktik der Informatik“ an der Humboldt-Universität veröffentlicht. Es habe Hinweise erhalten, dass die durch das Ausscheiden von Wolfgang Coy freigewordene Professur für Informatik und Gesellschaft fachfremd bzw. nur mit marginalem Fachbezug wiederbesetzt werden soll. „Sollten diese Hinweise den Tatsachen entsprechen, so ist das FIfF über die drohende Fehlbesetzung besorgt und möchte … vor dem damit verbundenen weiteren Abbau des Faches Informatik und Gesellschaft warnen – besonders in einer Zeit, in der die Informatik unsere Gesellschaft immer stärker durchdringt.“ (Website FIfF) Das Forum kommt zu der Einschätzung: „Paradoxerweise erlebt das Fachgebiet Informatik und Gesellschaft in den letzten Jahren einen Rückschlag nach dem anderen, obwohl ihre Fragestellungen nun endgültig von der Politik und der Gesellschaft, z.B. in der Netzpolitik, aufgegriffen worden sind. Ihre Lehrstühle werden von den Universitäten umgewidmet, fallengelassen oder sinnentleert.“ (Website FIfF) Oliver Bendel hat die Situation in seinem Buch „Die Rache der Nerds“ so beschrieben: „Seit geraumer Zeit gibt es einen Teilbereich der Informatik namens Informatik und Gesellschaft (IuG). Man könnte meinen, dass seine Bedeutung proportional zur Bedeutung der ganzen Wissenschaft und zur Zunahme moralischer und sozialer Umbrüche durch Informations- und Kommunikationstechnologien und digitale Medien gewachsen wäre. Dass seine Bedeutung geradezu explodiert wäre durch die Sprengkraft von Internet und Web, insbesondere Web 2.0. Aber das Gegenteil ist der Fall.“ Die Stellungnahme des FIfF ist über fiff.de abrufbar (Link nicht mehr gültig).

Abb.: Die Humboldt-Universität

Programm der NTA5

Die fünfte Konferenz des Netzwerks Technikfolgenabschätzung (NTA5) mit dem Titel „Vordenken – mitdenken – nachdenken: Technikfolgenabschätzung im Dienst einer pluralistischen Politik“ findet vom 29. bis 31. Oktober 2012 im Zentrum Paul Klee in Bern statt. Das Programm der Konferenz steht seit kurzem fest und kann über www.ta-swiss.ch eingesehen werden. Am Montag sprechen u.a. René Longet und Klaus Töpfer, am Dienstag Michael Decker, Stefanie B. Seitz und Oliver Bendel. Im Programmheft wird ausgeführt: „Die NTA5 befasst sich anhand von Praxisbeispielen und Anwendungsmöglichkeiten mit den methodischen und konzeptionellen Ansätzen erfolgreicher vorausschauender Politikberatung. Sie geht der Frage nach, wie die TA im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Rationalität und politischer Realität dem Anspruch gerecht werden kann, Konflikte frühzeitig zu erkennen und zur Versachlichung von Debatten beizutragen, und welche Rolle die Geisteswissenschaften als Brücke zwischen Gesellschaft, Wissenschaft und Politik spielen können.“ Auch die Informationsethik wird ein wichtiges Thema sein.

Abb.: Das Zentrum Paul Klee

Eine Denkfabrik für Wirtschaftsethik

Der bekannte Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann hat zusammen mit Thomas Kuhn, Tanja von Egan-Krieger und Sebastian Thieme das MeM gegründet, die „Denkfabrik für Wirtschaftsethik“. Diese „bearbeitet ökonomische Fragen unserer Zeit aus einer paradigmatisch neuartigen, ethisch-integrierten Sicht auf das Wirtschaften“ (Zitat von der Website). Sie möchte praktische Orientierungen bieten und Perspektiven eröffnen für eine menschliche Marktwirtschaft. Mit dem Memorandum 2012 tritt eine Gruppe „besorgter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“ für „eine Erneuerung der Ökonomie“ ein. In dem Memorandum heißt es:

Studierende fordern, dass ethische Reflexionen zu einem festen Bestandteil und zu einem „roten Faden“ des Wirtschaftsstudiums werden sollten, damit Wirtschaftswissenschaftler in der Lage sind, „verantwortlich handeln zu können“. Ebenso ruft eine Gruppe Schweizer und französischer Dozierender und Forscher unter dem Titel „Forschung und Lehre in Wirtschaftswissenschaften, Finance und Management sollen erneuert werden mit dem Ziel, dem Allgemeinwohl besser zu dienen“ dazu auf, auch die „ethischen Grundlagen“ der „herrschenden Lehre in den Wirtschaftswissenschaften“ zur Diskussion zu stellen.

Zu den Bereichsethiken, die in den Wirtschaftswissenschaften relevant sind, gehört auch die Informationsethik. Ihre Inhalte und Methoden werden z.B. in der Wirtschaftsinformatik gelehrt. So absolvieren Studierende der Hochschule für Wirtschaft an der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW einen Kurs zur Informationsethik, zur Zeit noch unter der Bezeichnung „Informatik, Ethik und Gesellschaft“. Weitere Informationen zum MeM sind über www.mem-wirtschaftsethik.de erhältlich.

Jugend ohne Namen

Heute ist die Anonymität der Benutzer im Netz weit verbreitet, ja sie wird von vielen als selbstverständlich oder sogar – insbesondere mit Blick auf die Schwächeren der Gesellschaft – als unabdingbar betrachtet. Aber ist sie wirklich in allen Zusammenhängen wünschenswert? Und welche Konsequenzen hat es für Kinder und Jugendliche, im Netz ohne ihren richtigen Namen aufzuwachsen? Auch Minderjährige sollten in bestimmten Online-Umgebungen ihren Namen nennen. Und wenn etwas dagegen spricht, spricht nichts dagegen, dass sie schweigen. Der Beitrag von Oliver Bendel plädiert für eine kritische Sicht auf die Anonymität im Netz und betont die Wichtigkeit der Identität im Rechtsstaat. Bibliografischer Nachweis: Bendel, Oliver. Jugend ohne Namen: Zur Anerziehung der Anonymität im Netz. In: Computer + Unterricht, 2 (2010). S. 54 – 55.

Abb.: Ausschnitt aus dem Inhaltsverzeichnis