Das Moralmenü als Vorbild für Siri?

Apple hat im Sommer 2026 eine Funktion für Siri vorgestellt, mit der Benutzer über Schieberegler die Sprechgeschwindigkeit und die Ausdrucksstärke der Stimme einstellen können. Damit lässt sich zumindest in gewissem Umfang beeinflussen, wie menschlich der Sprachassistent klingt. Diese Entwicklung erinnert an Arbeiten, die seit 2018 von Prof. Dr. Oliver Bendel und seinen Studenten im Rahmen des Moralmenüs (MOME) durchgeführt werden. Dieses ermöglicht es, ethisch relevante Eigenschaften und Verhaltensweisen von physischen Robotern und virtuellen Assistenten – etwa Chatbots und Sprachassistenten – individuell zu konfigurieren. Bekannt wurde der maschinenethische Ansatz insbesondere durch eine Designstudie von 2018 für den Saugroboter LADYBIRD (Designstudie 2014, Prototyp 2017) und einen Prototyp von 2022 für den Pflegeroboter Lio von F&P Robotics. Ebenfalls 2018 entstand eine Designstudie für ein MOME für virtuelle Assistenten wie Google Duplex, bei dem sich über einen Schieberegler festlegen ließ, ob der Assistent mit einer menschenähnlichen oder einer maschinenhaften Stimme sprechen sollte. Auch für den Chatbot MOBO wurde ein Moralmenü umgesetzt. Einzelne Wahlmöglichkeiten gehen auf frühere Projekte wie GOODBOT aus dem Jahr 2013 zurück, der im Gespräch immer wieder darauf hinwies, dass er lediglich eine Maschine ist. Die Ergebnisse dieser Arbeiten wurden unter anderem auf den Konferenzen Robophilosophy und ICSR sowie in wissenschaftlichen Artikeln und Büchern zur Maschinenethik vorgestellt. Bereits 2012 hatte Oliver Bendel in seinem Beitrag „Siri ist hier.“ auf mediensprache.net den Sprachassistenten von Apple aus linguistischer und ethischer Sicht untersucht. Dabei thematisierte er unter Bezugnahme auf Joseph Weizenbaum und ELIZA die Anthropomorphisierung von Computersystemen und die Möglichkeit emotionaler Beziehungen zwischen Mensch und Maschine. Zudem ordnete er Siri ausdrücklich als Gegenstand der Maschinenethik ein. Die späteren Arbeiten am Moralmenü knüpfen an solche Fragestellungen an und erweitern sie um konkrete Gestaltungsmöglichkeiten. Während Apple mit seiner neuen Funktion vor allem die Anpassung der Sprachausgabe an individuelle Vorlieben ermöglicht, verfolgt das Moralmenü einen umfassenderen Ansatz: Benutzer sollen selbst darüber entscheiden können, wie sich künstliche Systeme ihnen oder anderen gegenüber verhalten und in welchem Maße sie menschliche Eigenschaften nachahmen. Dies ist nicht zuletzt mit Blick auf die Anthropomorphisierung von KI-Systemen von Bedeutung. Eine bewusst maschinenhafte Stimme oder eine wiederkehrende Klarstellung des künstlichen Charakters kann dazu beitragen, die Illusion von Empfindungsfähigkeit und Bewusstsein zu reduzieren. Die neue Siri-Funktion zeigt, dass Gestaltungsmöglichkeiten, die im Rahmen der Maschinenethik seit Jahren untersucht werden, inzwischen auch bei kommerziellen Sprachassistenten an Bedeutung gewinnen.

Abb.: Das MOME für virtuelle Assistenten