Das Virtual Girlfriend für 3G

Im Jahre 1999 wechselte Oliver Bendel von einem Institut in Trier an die Universität St. Gallen, auf eine Stelle als Projektleiter und Doktorand. Zunächst wollte er seine Arbeit über Lern- und Wissensportale schreiben. Schnell entschied er sich aber für ein anderes Thema. Seit jeher hatten es ihm Chatbots, Sprachassistenten und soziale Roboter angetan. Einige kannte er aus der Science-Fiction, einige auch aus eigener Anschauung und Anwendung. Faszinierend waren nicht nur die Dialogsysteme selbst, mit denen er bereits seit 1996 experimentierte, sondern auch die Visualisierungen und Verkörperungen. Er widmete sich pädagogischen Agenten, also Chatbots, Sprachassistenten und KI-Agenten in Lernumgebungen. Auch Systeme mit Emotionserkennung waren im Blick und erste soziale Roboter. Der Firma Artificial Life widmete er mehrere Seiten. Sie war ab 1999 mit Einstein bekannt geworden, einer Lernanwendung auf einer CD-ROM. Der Chatbot war mit einem realistisch aussehenden Avatar verbunden und führte durch das Leben und die Arbeit des berühmten Physikers aus Ulm. Anfang des neuen Jahrtausends kam die Firma mit einem weiteren Produkt in die Schlagzeilen, der virtuellen Freundin (Virtual Girlfriend) für das Handy, für das damals gerade eingeführte 3G-Netz. Man konnte sich um sie kümmern wie um ein Tamagotchi, das ein paar Jahre vorher auf den Markt gekommen war, und ihr Geschenke machen, natürlich kostspielige. Unter v-girl.com war sie jahrelang zu erreichen. Etliche Firmen hatten bereits Erfahrungen damit gesammelt, dass Benutzer die Chatbots mit ihren Avataren umwarben, sie fragten, wie alt sie sind, ob sie einen Freund haben, ob sie Interesse an einer Beziehung haben. Artificial Life setzte nun genau auf diese Beziehung und schuf ein ebenso visionäres wie problematisches Artefakt, darauf ausgelegt, weitgehende Abhängigkeit in einer einseitigen Beziehung herzustellen. Solchen Themen widmete sich Oliver Bendel dann in zahlreichen Artikeln und Buchbeiträgen. 2020 erschien sein Buch „Maschinenliebe“ bei Springer Gabler. Es fasste den damaligen Stand der Forschung zu Chatbots, Liebespuppen und Sexrobotern zusammen.

Abb.: Das Virtual Girlfriend im Jahre 2004 (Bild: Screenshot der Website von Artificial Life)