Das Erotik-Hotel von Praline

In den 1990er-Jahren waren Chatrooms beliebt. Dort traf man auf Menschen, manchmal auch auf Maschinen. Im Rahmen eines Rechercheauftrags im Jahre 1998 im Fachbereich Informationswissenschaft an der Universität Konstanz schrieb Oliver Bendel: „Viele Chatrooms haben kein spezifisches Thema. Man redet über Gott und die Welt, oft oberflächlich, manchmal etwas privater. Es gibt aber auch Chats mit bestimmten Themen. Bei themengebundenen gibt es viele im Bereich Sex und Erotik; hier kann man flirten, Bekanntschaften machen etc. (was allerdings auch eine Hauptbeschäftigung in themenlosen Chats darstellen dürfte).“ Aufgeführt wurde u.a. das Erotik-Hotel der Zeitschrift Praline. Auf der Homepage von 1997 stand: „In unserem Chat geht es lustig zu. Mach‘ mit, triff Dich mit vielen Hotel-Gästen im Spiegelsaal oder in der Sauna – oder verabrede Dich zum privaten Treff im Himmelbett …“. Auch eine Chatiquette gab es: „Bei praline-Interaktiv kann und soll jeder seinen Spaß haben. Wir haben Lust auf Erotik und reden über alles, was uns bewegt. Aber damit es für alle lustig bleibt, sind persönliche Beleidigungen und perverse Pornographie streng verboten. Wir setzen darauf, daß sich jeder freiwillig an die Regeln hält oder zumindest von seinen Chat-Partnern zurückpfeifen läßt. Falls sich jemand partout nicht bremsen lassen will: Wir können einzelne Besucher auf Dauer sperren, da hilft dann auch kein neues Einloggen unter einem anderen Namen mehr. Also bleibt im Rahmen. Und vor allem: Habt viel Spaß im Erotik-Hotel!“ Im Jahre 2008 wurde das Erotik-Hotel geschlossen.

Abb.: Das Erotik-Hotel von Praline

 

Über Beziehungen mit Artefakten

Prof. Dr. Oliver Bendel war am 15. Oktober 2025 im Gespräch mit SRF. Es ging um die geplante Erotikfunktion von ChatGPT und überhaupt um die einseitigen Beziehungen, die Benutzer mit Chatbots haben. Er führte aus, dass es für OpenAI – abgesehen vom Finanzierungsbedarf – ein idealer Moment ist. Zum einen sind die Technologien weit entwickelt. Text- und Stimmqualität sind herausragend. Zum anderen ist der Bedarf da. Millionen von Benutzern führen schon einseitige Beziehungen mit Artefakten, viele davon glauben, dass sie ihre Freunde sind. Das 21. Jahrhundert, so der Technikphilosoph, ist das einsamste Jahrhundert aller Zeiten. Insofern könnte das Projekt ein Erfolg werden. Zugleich stellen sich Fragen. OpenAI gilt als hypermoralische Instanz, wo zahlreiche Prompts sanktioniert werden. In der Standardeinstellung im Deutschen gendert es. Wie sind angesichts solcher Umstände wirklich erotische Gespräche möglich? Sicher wird OpenAI seine Gängeleien und Zumutungen ein Stück weit herunterfahren. Erwachsene sollen wie Erwachsene behandelt werden, sagte Sam Altman sinngemäß. Es ist interessant, dass dies nur im Adult-Modus umgesetzt wird. Das Interview wurde bei News Plus ausgestrahlt und kann über www.srf.ch nachgehört werden.

Abb.: Auch Teddybären sind Artefakte (Foto: Jork Weismann)

GPT-AfterDark kommt

ChatGPT soll, wie mehrere Medien am 15. Oktober 2025 meldeten, eine Erotikfunktion bekommen. Damit dürften Fähigkeiten wie Dirty Talk – über Text und Stimme – gemeint sein, womöglich aber auch Anleitungen zu Stellungen aller Art und Tipps und Tricks zu Sexspielzeug und Sexrobotern. Damit folgt man anderen Chatbots wie Replika. Allerdings verfügen diese oft über einen Avatar, um unwiderstehlich zu sein. Bei ChatGPT ist das nicht der Fall, wenn man von den kleinen runden Kacheln der GPTs absieht, der „custom versions“, die jeder niederschwellig erstellen kann. Unter diesen tummelt sich übrigens ein SexGPT von Dominick Pandolfo – „Provides sexual health information“, also ganz harmlos. Bereits um die Jahrtausendwende gab es die virtuelle Freundin von Artificial Life, auch sie in sprachlicher und visueller Form. Wenn OpenAI hier nicht nachbessert, werden die Benutzer sich selbst etwas bauen, was freilich schon heute gemacht wird, wenn auch nicht zwangsläufig im sexuellen Sinne. So kann man mit Meshy AI und Co. dreidimensionale Avatare generieren und animieren. Man darf gespannt sein, ob ChatGPT in der Erotikfunktion gendert – so wie in der Standardeinstellung. Die einen dürfte das anmachen, die anderen eher nicht. Auf die Frage, wie diese Version von ChatGPT heißen könnte, schlug der Chatbot selbst vor: ChatGPT Red, GPT-AfterDark oder DeepLure. Wen das nicht antörnt, dem ist auch nicht zu helfen.

Abb.: GPT-AfterDark kommt im Dezember

SRF 2 Kultur zu Erotik 4.0

„Erotik 4.0 – Gedankenspiel Sexroboter“ lautet der Titel einer Sendung bei SRF 2 Kultur, die am 13. Juni 2018 ab 9 Uhr ausgestrahlt wird. „In Dortmund gibt es ein Sexpuppen-Bordell, in Barcelona sogar schon ein Sexroboter-Bordell. Der Roboterphilosoph Oliver Bendel findet diese Entwicklung gefährlich. Denn noch wissen wir nicht, welche Folgen Sexroboter für uns Menschen haben, die empirische Forschung fehlt noch.“ (Website SRF) Er spricht sich nicht gegen die Entwicklung aus, sondern ist eben dafür, Forschung in diesem Bereich zu betreiben und die Anwendung genau im Auge zu behalten. In der „Kontext“-Sendung geht es zunächst um Harmony. „Wer ist sie und was kann sie?“ Dann wird die Frage gestellt: „Wie soll der Sexroboter aussehen?“ Oliver Bendel denkt laut über das Aussehen von Sexrobotern abseits der Stereotype nach. Schließlich findet ein „Gedankenspiel“ statt, und KI-Experte und Schachmeister David Levy, Roboterethikerin Kathleen Richardson und Roboterphilosoph Oliver Bendel kommen zu Wort. Weitere Informationen über www.srf.ch/sendungen/kontext/erotik-4-0-gedankenspiel-sexroboter.

Abb.: Wer ist sie und was kann sie?