Ein Flug über die Landschaft der Sprache I

Wenn man über einen Text deutscher Sprache hinwegfliegt, wenn man seine Topografie erkundet, fallen einem schnell einige Regelmäßigkeiten und Besonderheiten auf. Am Anfang des Satzes steht ein Großbuchstabe. Auch innerhalb des Satzes beginnen manche Wörter mit einem Großbuchstaben. Geschlossene Wortformen sind in der Regel durch Leerzeichen voneinander abgegrenzt. Das Leerzeichen zeigt an, dass ein Wort aufhört und ein neues beginnt. Im Wortinneren steht es nicht. Deutsche Wörter können sehr lang sein. Weithin bekannt ist der Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän, und man weiß vielleicht, dass man dieses Wort noch weiter verlängern kann. Es ist ein Kompositum. Seine Bestandteile werden nicht durch Leerzeichen voneinander getrennt. Die deutsche Orthografie kennt allerdings einige Zeichen, die innerhalb von Wortformen auftreten können und dort bestimmte, konventionalisierte Funktionen erfüllen. Dazu gehört der Bindestrich, etwa wenn bestimmte Zusammensetzungen durchgekoppelt werden, wie bei „Künstliche-Intelligenz-Konferenz“. Eine „Künstliche Intelligenz-Konferenz“ ließe dagegen die Zuordnung von „Künstliche“ zumindest grafisch uneindeutig werden. Man könnte gar an eine künstliche Intelligenzkonferenz denken. Auch der Apostroph kann innerhalb einer Wortform erscheinen, etwa in „D’dorf“ oder in „Ku’damm“. So fliegt man dahin und erkennt in der über viele Jahrhunderte gewachsenen Struktur eine bemerkenswerte Regelmäßigkeit. Groß- und Kleinschreibung, die Bildung und Abgrenzung von Worteinheiten sowie die Getrennt- und Zusammenschreibung gehören zu den grundlegenden Strukturen der deutschen Schriftsprache. Sie betreffen ihre Graphematik und Orthografie und stehen zugleich in enger Beziehung zur Morphologie, zur inneren Struktur der Wörter.

Abb.: Eine Landschaft in Irland

Das Kunsthaus, das Kulturgut zerstört

In den Begleittexten zur Lehmbruck-Ausstellung im Kunsthaus Zürich werden genderaktivistische Schreibweisen verwendet („Künstler:innen“, „Künstler:innengenerationen“, „[von] Kunstförder:innen“), die weder der deutschen Orthografie noch der gewachsenen Grammatik entsprechen. Sonderzeichen im Wortinneren zerstören etablierte Wortstrukturen, verunmöglichen korrekte Deklinationen und erschweren die Lesbarkeit deutlich. Diese Formen sind keine anerkannte Weiterentwicklung der Standardsprache, also natürlicher Sprachwandel, sondern politisch-ideologisch motivierte Markierungen, die – wie in Diktaturen – von bestimmten Stellen kommen. Für eine öffentliche Kulturinstitution wie ein Museum ist das problematisch. Dieses hat den Auftrag, Kunst verständlich und zugänglich zu vermitteln. Texte, die durch Sonderformen zusätzlich Hürden aufbauen, schließen weite Teile des Publikums aus, statt sie einzubeziehen. Inklusion wird so nicht gefördert, sondern unterlaufen. Nicht zuletzt wird die bildende Kunst zum Grabstein der textuellen Begleitung. Wer Sprache als Kulturwerkzeug und Kulturgut ernst nimmt, sollte im institutionellen Gebrauch an einer korrekten, präzisen und allgemein verständlichen Standardsprache festhalten.

Abb.: Ein Werk von Lehmbruck im Kunsthaus Zürich