Ein Flug über die Landschaft der Sprache I

Wenn man über einen Text deutscher Sprache hinwegfliegt, wenn man seine Topografie erkundet, fallen einem schnell einige Regelmäßigkeiten und Besonderheiten auf. Am Anfang des Satzes steht ein Großbuchstabe. Auch innerhalb des Satzes beginnen manche Wörter mit einem Großbuchstaben. Geschlossene Wortformen sind in der Regel durch Leerzeichen voneinander abgegrenzt. Das Leerzeichen zeigt an, dass ein Wort aufhört und ein neues beginnt. Im Wortinneren steht es nicht. Deutsche Wörter können sehr lang sein. Weithin bekannt ist der Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän, und man weiß vielleicht, dass man dieses Wort noch weiter verlängern kann. Es ist ein Kompositum. Seine Bestandteile werden nicht durch Leerzeichen voneinander getrennt. Die deutsche Orthografie kennt allerdings einige Zeichen, die innerhalb von Wortformen auftreten können und dort bestimmte, konventionalisierte Funktionen erfüllen. Dazu gehört der Bindestrich, etwa wenn bestimmte Zusammensetzungen durchgekoppelt werden, wie bei „Künstliche-Intelligenz-Konferenz“. Eine „Künstliche Intelligenz-Konferenz“ ließe dagegen die Zuordnung von „Künstliche“ zumindest grafisch uneindeutig werden. Man könnte gar an eine künstliche Intelligenzkonferenz denken. Auch der Apostroph kann innerhalb einer Wortform erscheinen, etwa in „D’dorf“ oder in „Ku’damm“. So fliegt man dahin und erkennt in der über viele Jahrhunderte gewachsenen Struktur eine bemerkenswerte Regelmäßigkeit. Groß- und Kleinschreibung, die Bildung und Abgrenzung von Worteinheiten sowie die Getrennt- und Zusammenschreibung gehören zu den grundlegenden Strukturen der deutschen Schriftsprache. Sie betreffen ihre Graphematik und Orthografie und stehen zugleich in enger Beziehung zur Morphologie, zur inneren Struktur der Wörter.

Abb.: Eine Landschaft in Irland