Am 26. Oktober 2026 missachtete in Tallinn ein Lieferroboter von Starship Technologies eine rote Ampel, kollidierte mit einem Linienbus und fuhr anschließend einfach weiter. Dies berichtete der estnische öffentlich-rechtliche Rundfunk ERR unter Berufung auf die Verkehrsbetriebe TLT. Der Busfahrer versuchte durch eine Vollbremsung den Zusammenstoß zu verhindern, was allerdings nicht gelang, wie ein Video eindrücklich zeigt. Dabei wurden bis zu neun Personen verletzt. TLT-Vorstand Andrei Novikov erklärte gegenüber ERR, die Polizei müsse die Umstände untersuchen. Starship-Technologies-Vertreter Pepe Aaviksoo bestätigte laut der Deutschen Presse-Agentur, dass das Unternehmen die Polizei kontaktiert und eine interne Untersuchung eingeleitet habe. Nach seinen Angaben haben Starship-Technologies-Roboter in sieben Ländern bereits elf Millionen autonome Lieferungen durchgeführt, insgesamt 24 Millionen Kilometer zurückgelegt und die betreffende Kreuzung mehr als 4000 Mal erfolgreich passiert. In einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber dem britischen Parlament aus dem Jahre 2022 erläuterte das Unternehmen, seine Roboter seien zu 99 Prozent autonom und könnten innerhalb festgelegter Einsatzgebiete selbständig navigieren. Allerdings stehe bei Schwierigkeiten menschliche Fernunterstützung zur Verfügung. Entscheidend ist vor diesem Hintergrund, was beim Unfall in Tallinn tatsächlich geschah: Erkannte der Lieferroboter die rote Ampel nicht? Weshalb verhinderte seine Software die gefährliche Straßenüberquerung nicht? Registrierte das System den Zusammenstoß? Wurde ein Mitarbeiter in der Fernüberwachungszentrale alarmiert? Weshalb fuhr der Roboter danach weiter? Diese Fragen sind bislang nicht geklärt. Oliver Bendel verfolgt den Einsatz von Transport- und Lieferrobotern seit vielen Jahren – den von Starship Technologies hat er 2016 bei Bern getroffen – und rät von einem Einsatz in Ballungsgebieten ab.
Abb.: Ein Lieferroboter von Starship Technologies bei Bern
In Zürich Oerlikon testet der Lieferdienst Just Eat gemeinsam mit dem ETH-Spin-off Rivr seit Mitte August 2025 den Einsatz von Lieferrobotern. Dies meldeten am 21. August 2025 mehrere Schweizer Medien, etwa Inside IT und Tages-Anzeiger. Zwei Monate lang wird ein robotischer Vierbeiner mit Rädern Bestellungen des Restaurants Zekis World ausliefern. Zunächst begleitet ein Operator die Fahrten. Was danach passiert, ist nicht ganz klar. Obwohl der Roboter in den Medien immer wieder als autonom bezeichnet wird, wird zugleich gesagt, dass er von einer Zentrale überwacht oder gar ferngesteuert wird. Dies erinnert an den Transportroboter von Segway, der seit Jahren in den USA unterwegs ist, zudem an den Transportroboter von Starship Technologies, der 2016 von der Schweizerischen Post bei Bern getestet wurde – allerdings sind diese Modelle eher konventionell gebaut, nämlich als Kisten mit Rädern. Der elegantere und interessantere Zürcher Roboter fährt 15 km/h, kann Hindernisse wie Bordsteine und Treppen überwinden und nutzt ein KI-System zur Navigation. Der Lieferbehälter ist isoliert und auslaufsicher. Der Test ist angeblich eine Europapremiere. Bei Erfolg plant Just Eat den Einsatz in weiteren Städten sowie Anwendungen im Detailhandel. Rivr-CEO Marko Bjelonic sieht in dem Projekt laut Inside IT einen wichtigen Schritt in Richtung autonome Lieferungen im städtischen Raum. Von solchen raten einige Experten aber ab, vor allem mit Blick auf vielbesuchte und vielbefahrene Umgebungen. Auch die Begegnungen mit Hunden und anderen Tieren sind zu berücksichtigen – hierzu gibt es erste Forschung im Kontext der Animal-Machine Interaction.
In den Straßen von Los Angeles sind hunderte Transportroboter für Coco unterwegs, eine amerikanische Food-Delivery-Firma. Deren Angaben zufolge werden alle wichtigen Viertel der Stadt abgedeckt und erhebliche Zeit- und Kostenersparnisse erzielt. Wie Engadget meldet, hat Coco nun über seinen Heimatstandort hinaus expandiert. Der Service sei bereits in Austin verfügbar, künftig zudem in Dallas, Houston und Miami. Die Fahrzeuge werden von Mitarbeitern ferngesteuert, von ihrem eigenen Zuhause aus. Andere Anbieter setzen hingegen auf Autonomie in der Mobilität. Oliver Bendel konnte sich Anfang April 2022 vor Ort in Santa Monica davon überzeugen, dass die von Segway hergestellten Transportroboter regelkonform über die Bürgersteige fahren und die Straßen überqueren. Er hält sie dennoch – wie die Geräte von Starship Technologies, mit denen die Schweizerische Post experimentiert hat – für Stolperfallen. In Ballungsgebieten wie Los Angeles dürfte zudem Vandalismus ein Problem sein. Dennoch scheint die Zustellung im Großen und Ganzen zu funktionieren.
Abb.: Der Transportroboter von Segway (Foto: Coco)
Die Schweizerische Post erprobt Lieferroboter, die Pakete zustellen sollen. Auf dem Gelände des Unternehmens in Wankdorf bei Bern hatte Prof. Dr. Oliver Bendel im September 2016 die Gelegenheit, das Produkt der Starship Technologies unter die Lupe zu nehmen. Die Tester und Operators wiesen auf die Kameras mit 360-Grad-Aufnahmetechnik hin und auf das Ultraschallsystem. Sie öffneten die Klappe und erlaubten den Blick auf die Last. Bis zu zehn Kilogramm können auf den sechs Rädern bis zu sechs Kilometer weit befördert werden. Das hauptsächliche Problem der Paketroboter ist, dass sie neuartige Verkehrsteilnehmer darstellen, die die Gehsteige bevölkern und die Straßen überqueren. Das eine tun sie in der Regel autonom, das andere wird in den meisten Ländern, in denen sie getestet werden, von einem Operator unterstützt. Wenn es viele Lieferroboter dieser Art gibt, werden Innen- und Vorstädte noch komplexer für die etablierten Verkehrsteilnehmer. Unabhängig von der Zahl stellen sie Stolperfallen dar. Die Paketroboter sind wie herrenlose Hunde, können aber nicht so gut wie diese ausweichen und sind auch nicht so schnell. Skater, Radfahrer und Fußgänger können über sie stürzen, was durch die geringe Höhe begünstigt wird. Selbst wenn sie an die Leine gelegt und durch wenig frequentierte Gebiete navigiert werden, ist die Gefahr nicht ganz gebannt. Ein nicht ganz nebensächliches Problem ist, dass der Lieferoboter mit seinen Kameras auch Personen erfassen und womöglich Mädchen und Frauen unter den Rock schauen kann – ein weites Feld für Informations- und Technikethik. Es wird sich zeigen, wie hoch die Akzeptanz von Kunden und Passanten ist und welche Erfahrungen in den verschiedenen Ländern gemacht werden.