Auch nach fast zehn Jahren hat die Universität Bern ihre fragwürdigen „Empfehlungen“ für eine „Geschlechtergerechte Sprache“ (so der Titel des Dokuments) nicht zurückgezogen. Das Redaktionsteam bildeten Prof. Dr. Martin Reisigl, Ursina Anderegg, Lilian Fankhauser und Kathrin Beeler. Auf Seite 43 wird unter der Überschrift „Korrektes Zitieren“ dazu geraten, das generische Maskulinum in wissenschaftlichen Zitaten mit „[sic!]“ zu kennzeichnen. Dieses Zeichen dient üblicherweise dazu, auf Fehler oder Auffälligkeiten im Original hinzuweisen. Damit wird eine wissenschaftliche Konvention für sprachpolitische Zwecke missbraucht und der irreführende Eindruck erweckt, der zitierte Wissenschaftler habe einen Fehler begangen. Eine solche Praxis ist wissenschaftsethisch höchst bedenklich und widerspricht grundlegenden Prinzipien wissenschaftlicher Redlichkeit, insbesondere der Pflicht, fremde Aussagen sachgerecht und ohne irreführende Zusätze wiederzugeben. Sie wirft zudem Fragen hinsichtlich der Wissenschaftsfreiheit (Art. 20 BV) auf, insbesondere wenn die Empfehlung bei der Beurteilung wissenschaftlicher Arbeiten zum Maßstab erhoben wird. Auch persönlichkeitsrechtlich ist sie bedenklich: Die Herabsetzung des wissenschaftlichen Ansehens kann unter Umständen eine Verletzung von Art. 28 ZGB darstellen. Die Universität Bern setzt damit ausgerechnet ihre eigenen Wissenschaftler einem rechtlichen Risiko aus, wenn diese ihrer Empfehlung folgen. Wie viele Geschädigte es aufgrund der Anwendung dieser Empfehlung tatsächlich gibt, lässt sich kaum feststellen.
„Der Begriff der Cancel Culture (von engl. „to cancel“, „etwas absagen“, „etwas fallenlassen“, „etwas streichen“) bezeichnet das behauptete verbreitete Phänomen, dass missliebigen, mehr oder weniger bekannten, lebenden oder nicht mehr lebenden Personen (etwa aus Wissenschaft, Kunst und Politik) die Unterstützung entzogen oder der Kampf angesagt wird, mit dem Ziel, ihre Reputation zu beschädigen, ihre Berufsausübung bzw. die Rezeption ihres Werks zu verhindern oder ihre Präsenz in den Massenmedien und sozialen Medien zu vermindern. Auch Organisationen können im Prinzip betroffen und in ihrem Erfolg oder ihrer Existenz gefährdet sein.“ So beginnt ein Beitrag von Oliver Bendel, der am 9. Februar 2021 im Gabler Wirtschaftslexikon erschienen ist. Am Ende heißt es: „Die Ethik untersucht den Moralismus, der in der Woke-Bewegung verankert ist, und die Verhältnismäßigkeit der Mittel und Folgen, zudem das Paradoxon, dass die eine diskriminierende Haltung zurückweisende Rede vom alten, weißen Mann selbst diskriminierenden Charakter hat. Medien- und Informationsethik interessieren sich für die Aspekte der Political Correctness und der Cancel Culture, die die sozialen Medien betreffen, Politik- und Wirtschaftsethik für die politischen und wirtschaftlichen Implikationen.“ Der Beitrag ist über wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/cancel-culture-123135 verfügbar.
Im Herbst 2020 erscheint das von Oliver Everling herausgegebene Buch „Social Credit Rating“ im Springer-Verlag. Aus der Verlagsinformation: „Social Credit Ratings sind das Ergebnis von Sozialkreditsystemen. Diese umfassen auf verschiedene Datenbanken zugreifende, online betriebene Rating- oder Scoringsysteme, bei denen beispielsweise die Kreditwürdigkeit, das Strafregister und das soziale und gesellschaftliche Verhalten von Personen oder Organisationen wie Unternehmen oder Nichtregierungsorganisationen zur Klassifizierung ihrer Reputation verwendet werden.“ (Information Springer) Einer der über 20 Beiträge im Buch stammt von Prof. Dr. Oliver Bendel. Das Sozialkreditsystem in China, über das er schreibt, ist ein im Test bzw. in den Anfängen befindliches Überwachungs-, Erfassungs- und Bewertungssystem zur Angleichung des Verhaltens der Bürger, Behörden und Firmen von China an die moralischen, sozialen, rechtlichen, wirtschaftlichen und politischen Anforderungen der Kommunistischen Partei. „Zwischen Konfuzius und Orwell“ sieht er es angesiedelt, und so lautet auch das Motto, das er für den Beitrag gewählt hat. Weitere Informationen zum Buch über www.springer.com/de/book/9783658296520#aboutBook.
„Ein Lockdown … ist im ursprünglichen Sinne des Wortes eine Ausgangssperre oder auch eine Absperrung bzw. Versiegelung von Gebäuden und Bereichen. Bei einem Amoklauf oder einem Terroranschlag sollen Täter eingekreist und ausgebremst oder mögliche Opfer geschützt werden. Man beschränkt also gewisse Freiheiten, untersagt bestimmte Handlungen und trifft spezielle Maßnahmen, die extrem sein oder wirken können.“ So beginnt ein neuer Beitrag im Gabler Wirtschaftslexikon von Oliver Bendel. In einem weiteren Abschnitt heißt es: „Der Lockdown war lange Zeit vor allem in den USA bekannt, als Begriff wie als Phänomen. Nach dem Ausbruch von COVID-19 Ende 2019 und der weltweiten Verbreitung der Krankheit Anfang 2020 verwendeten Medien den Begriff mit Blick auf die Schließung von (halb-)öffentlichen und privaten (einschließlich privatwirtschaftlichen) Einrichtungen, die Abriegelung von Gebieten bis hin zu ganzen Ländern sowie den Stillstand des öffentlichen Lebens, der über Wochen und Monate anhielt. Beliebt wurde er z.B. in Südafrika, auf den Philippinen und in Indonesien, ebenso in der Schweiz und in Deutschland.“ Nach der Erwähnung des Begriffs „Shutdown“ wird am Ende die Perspektive der Ethik eingenommen. Der Beitrag ist am 1. April 2020 erschienen und kann über wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/lockdown-122433 abgerufen werden.
„Immer wieder hat Facebook Daten illegal genutzt und herausgegeben. Benutzer und Datenschützer haben das Unternehmen immer wieder erfolgreich zurückgedrängt. Aber es ist wie das Ungeheuer, dem man zwei Köpfe abschlägt und dem gleich vier neue Köpfe wachsen. Niemand scheint Anstoß daran zu nehmen, ein Akteur in einem offenbar illegalen Netzwerk zu sein. Bei Privatpersonen ist das befremdlich genug; aber dass tausende achtbare Unternehmen und Hochschulen auf der Plattform aktiv und auch noch stolz darauf sind, ist erstaunlich. Ein Teil der organisierten Kriminalität zu sein, ist nicht mehr nur in Italien oder in Russland selbstverständlich. Es ist auf der ganzen Welt verbreitet und chic. … Die Meldungen, dass Privatpersonen und Staatsdiener gegen die Unternehmen klagen, nehmen zu. Es sind Jurastudenten darunter, die sich profilieren wollen, und Benutzer, die ernsthaft um ihre Daten besorgt sind. Und Datenschützer verschiedener Länder. Vielleicht resultiert ja eine Massenbewegung daraus, und man kann eines Tages Facebook einen Daumen zeigen, der nach unten weist.“ (Oliver Bendel, „Die Rache der Nerds“, 2012)