Der Hirsch auf der Flucht

Die 61. Internationale Kunstausstellung La Biennale di Venezia, die Biennale Arte 2026, findet vom 9. Mai bis 22. November 2026 in den Giardini, im Arsenale und an weiteren Orten in Venedig statt. Besonders eindrucksvoll ist der „Origami Deer“ der ukrainischen Künstlerin Zhanna Kadyrova, der im Zentrum des ukrainischen Beitrags „Security Guarantees“ steht. Der kantige Hirsch, der wie eine überdimensionale Origamifigur wirkt, wurde 2019 aus Beton geschaffen und im Yuvileynyi-Park in Pokrowsk in der Region Donezk aufgestellt – auf einem Sockel, auf dem zuvor ein sowjetisches Militärflugzeug gestanden hatte, das Atomwaffen tragen konnte. Als sich im August 2024 die Front der Stadt näherte und die Bevölkerung evakuiert wurde, demontierten Kadyrova, der Kurator Leonid Marushchak und weitere Helfer die eigentlich für einen dauerhaften Verbleib geschaffene Skulptur und brachten sie in Sicherheit. Auf dem Weg zur Biennale reiste der Hirsch über Warschau, Wien, Prag, Berlin, Brüssel und Paris durch Europa und wurde selbst zu einem Vertriebenen. In Venedig hängt das schwere Tier an einem Kran an der Riva Ca‘ di Dio vor den Giardini in der Luft, während im ukrainischen Pavillon im Arsenale seine Evakuierung und seine Reise dokumentiert werden. Der von Ksenia Malykh und Leonid Marushchak kuratierte Beitrag verweist mit seinem Titel auf das Budapester Memorandum von 1994, in dessen Zusammenhang die Ukraine auf die auf ihrem Territorium verbliebenen sowjetischen Atomwaffen verzichtete und im Gegenzug Sicherheitszusicherungen erhielt. So verbindet „The Origami Deer“ mehrere Widersprüche miteinander: Der Hirsch sieht aus wie gefaltetes Papier, besteht aber aus schwerem Beton; er war als dauerhaftes Kunstwerk gedacht und wurde zur Flucht gezwungen; und er steht zugleich für die Zerbrechlichkeit von Sicherheit und die Widerstandsfähigkeit eines Kunstwerks, das Krieg und Vertreibung überdauert hat. Letztlich geht es darum, dass manche Verträge das Papier nicht wert sind, auf das sie geschrieben wurden.

Abb.: Der Hirsch auf der Biennale

Volodymyr Zelenskiy Appears as a Hologram

„Leia in ‚Star Wars‘, who as a hologram delivers a message, Darth Vader, who forges plans with the imperator even though they are far apart from each other, William Riker in ‚Star Trek‘, who moves on the holodeck through artificial landscapes, Major in ‚Ghost in the Shell‘, who walks through a city while fish are swimming in the air next to her, Officer K in ‚Blade Runner 2049‘, who lives together with a holographic assistant and meets holographic dancers and singers (Frank Sinatra under glass and Elvis Presley on stage) – fictional holograms make an appearance in all these instances.“ (Oliver Bendel, „Hologram Girl“ – 2018) According to the Guardian, Volodymyr Zelenskiy referenced Star Wars and the second world war as he appeared as a hologram (or pseudo-hologram) at a conference in Paris to seek aid from big tech companies. „He told a crowd of hundreds at the VivaTech trade show that he was offering technology firms a unique chance to rebuild Ukraine as a fully digital democracy.“ (Guardian, June 17, 2022) The British newspaper quotes him as saying: „It’s unusual for presidents or heads of government to use a hologram to address people but this is not the only aspect of Star Wars that we are putting into practice“ (Guardian, June 17, 2022). The Ukrainian president is not only following in the footsteps of Leila, but also of ABBA, who are currently causing a sensation with their avatars at concerts in London.

Abb.: Ein fiktionales Hologramm

Vereint gegen Putler

Gegen Putins Krieg in der Ukraine engagiert man sich auf unterschiedliche Weise. Die einen gehen in Berlin, Zürich, Wien, Paris oder Tokio auf die Straße. Sie tragen Schilder mit dem Bild von Putler – ein Neologismus aus „Putin“ und „Hitler“ – oder schwenken Fahnen. Die anderen versuchen russische Systeme anzugreifen, wie im Falle von Anonymous. Anonymous ist ein Label für Hacker, die sich als Aktivisten verstehen. Man engagiert sich z.B. für Meinungsfreiheit, gegen das Urheberrecht oder gegen Krieg. Der Aktivismus wird zum sogenannten Hacktivismus. Während des Ukraine-Kriegs wurden bereits mehrfach russische Einrichtungen und Websites angegriffen und lahmgelegt, häufig mit Hilfe von DDoS (Distributed Denial of Service). Bekannt ist Anonymous auch für Doxing. Wieder andere sind vor Ort und stellen sich den Invasoren mit Worten oder Waffen entgegen. Autonome Kampfroboter spielen dabei bisher kaum eine Rolle. Der Krieg wird in konventioneller Weise geführt, und Moskau greift zu einem Teil auf veraltete Technik zurück. Alle, die sich engagieren, haben ein Ziel: Sie wollen den Krieg in der Ukraine so bald wie möglich beenden.

Abb.: Bei einer Demonstration in Zürich am 5. März 2022