Coop macht Käse ein Stück weit gläsern

Wer sich vegetarisch ernährt und Käse isst, möchte u.U. wissen, ob bei dessen Herstellung tierisches oder mikrobielles Lab verwendet wurde. Auf der Verpackung ist dies oft nicht ersichtlich, da Lab als Verarbeitungshilfsstoff nicht deklariert werden muss. Bereits 2019 hatte Oliver Bendel in einem Telefonat mit Philipp Wyss, dem damaligen stellvertretenden Vorsitzenden der Geschäftsleitung und späteren CEO von Coop, eine bessere Kennzeichnung angemahnt. Der sicherte ihm zu, dass bei einem Austausch der Verpackungen in den folgenden Monaten und Jahren entsprechende Hinweise aufgenommen würden. Das passierte bis 2026 kaum, aber inzwischen bietet der Detailhändler eine digitale Lösung an. Im Onlineshop und in der Coop-App können Kunden unter „Ernährung“ nach Käse filtern, der mit mikrobiellem Lab hergestellt wurde und daher vegetarisch ist. In den Filialen lässt sich die Labart mit der Passabene-App oder einem Passabene-Handscanner abfragen. Dazu wird der Käse gescannt und die entsprechende Produktinformation aufgerufen. Voraussetzung ist allerdings, dass der Hersteller die Angaben zur Verfügung gestellt hat. Damit verwirklicht Coop einen Teil dessen, was Oliver Bendel 2003 am Fraunhofer ISST mit dem „gläsernen Produkt“ konzipiert hatte: Der Kunde scannt ein Produkt und erhält Informationen, die für seine individuellen Bedürfnisse relevant sind. Ein automatischer Abgleich mit einem persönlichen Profil findet allerdings nicht statt. Auch bleibt die Transparenz von der Bereitschaft der Hersteller abhängig, entsprechende Daten bereitzustellen.

Abb.: Mozzarellakugeln sind oft vegetarisch

Das gläserne Produkt und seine Nachfolger

Am Fraunhofer ISST  konzipierte Oliver Bendel im Jahre 2003 „Das gläserne Produkt“ – einen Einkaufsassistenten, der die Bedürfnisse des Kunden berücksichtigt. Er wird in seinem Buch „Die Rache der Nerds“ (2012) beschrieben: „Der Kunde interessiert sich im Tante-Emma-Laden oder im Supermarkt für ein bestimmtes Produkt. Er scannt mit dem Handy eine ID auf der Verpackung ein. Die ID wird mit einem persönlichen Profil gematcht, das auf dem Handy oder einem Server liegt. Auf dem Display wird eine Empfehlung angezeigt, etwa mithilfe eines Ampelsy­stems. Der Kunde weiß sofort, ob sich das Produkt für ihn eignet (grün) oder nicht (rot). Oder ob er sich anderweitig informieren sollte (gelb).“ Neben Vegetariern stellte sich der Philosoph und Wirtschaftsinformatiker auch Allergiker und Diabetiker als Zielgruppen vor. Das gläserne Produkt hat inzwischen zahlreiche Nachfolger gefunden. Apps wie CodeCheck, Yuka und Spoonful erlauben es, den Barcode eines Lebensmittels mit dem Smartphone zu scannen und Informationen über Inhaltsstoffe, Nährwerte und Allergene abzurufen. Manche berücksichtigen auch persönliche Ernährungsweisen und Unverträglichkeiten. Besonders nahe kommt dem ursprünglichen Konzept die offene Plattform Open Food Facts, die Produktinformationen mit individuellen Präferenzen abgleicht und die Eignung eines Produkts farblich anzeigt. Auch Spoonful arbeitet mit einem Ampelsystem und berücksichtigt u.a. vegetarische Ernährung, Allergien und Unverträglichkeiten. Das Ampelsystem selbst hat sich ebenfalls etabliert. So bewertet der 2017 in Frankreich eingeführte und inzwischen in mehreren europäischen Ländern verbreitete Nutri-Score Lebensmittel anhand ihrer Nährwertqualität auf einer fünfstufigen Farbskala, allerdings ohne die individuellen Bedürfnisse des Kunden zu berücksichtigen. Das gläserne Produkt ist also in wesentlichen Teilen Wirklichkeit geworden, auch wenn sich nicht nachweisen lässt, dass die heutigen Anbieter das ursprüngliche Konzept kennen. Allerdings bleibt ein grundlegendes Problem bestehen: Ein Produkt kann nur so gläsern sein wie die Daten, die über es verfügbar sind. Fehlen Angaben über bestimmte Inhaltsstoffe oder Herstellungsverfahren, stößt auch der intelligenteste Einkaufsassistent an seine Grenzen. Und eine digitale Auskunft ersetzt nicht unbedingt eine verständliche Deklaration auf der Verpackung.

Abb.: Die Verpackung eines Snacks