Die inklusive Sprache ist in Wirklichkeit eine exklusive I

Der Anspruch sogenannter inklusiver Sprache ist hoch: Niemand soll sprachlich ausgeschlossen werden. Doch gerade unter dem Gesichtspunkt der Inklusion wirft das Gendern erhebliche Probleme auf. Zunächst einmal sind Genderstern, Unterstrich und Doppelpunkt für viele blinde und sehbehinderte Menschen problematisch. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband rät von allen drei Formen ab. Sonderzeichen können beim Vorlesen übergangen oder mitgesprochen werden, den Vorlesefluss stören und die Braille-Ausgabe erschweren. Auch der oft als barrierefrei bezeichnete Doppelpunkt wird vom Verband ausdrücklich nicht empfohlen. Sonderzeichen und Satzzeichen im Wortinneren sind also (bis auf Bindestrich und Apostroph) der deutschen Sprache nicht nur strukturell fremd, sondern sie benachteiligen auch bestimmte Gruppen. Für die allgemeine Lesbarkeit ist die Sache ebenfalls weniger eindeutig, als das Etikett „inklusive Sprache“ suggeriert. Zwar finden manche Studien keine schlechtere subjektive Verständlichkeit gegenderter Texte. Daraus folgt jedoch nicht, dass Genderzeichen den Lesefluss nicht beeinträchtigen. Teilweise wurden weder Lesezeiten noch Blickbewegungen oder das tatsächliche Textverständnis gemessen. Die Autoren solcher Studien weisen selbst darauf hin, dass Leser möglicherweise mehr Zeit benötigen, um dasselbe Verständnisniveau zu erreichen. Wo die unmittelbare Worterkennung untersucht wurde, zeigten sich bei weniger an Genderformen gewöhnten Nichtstudenten zunächst langsamere Reaktionen, und bei komplexeren Sternformen wurden auch Beeinträchtigungen der Verständlichkeit festgestellt. Gerade die alltägliche Erfahrung, an Genderzeichen beim Lesen kurz zu stolpern, ist damit keineswegs widerlegt. Wie stark dieser Effekt bei verschiedenen Lesergruppen und in längeren Texten ausfällt, ist vielmehr noch unzureichend untersucht.

Abb.: Niemand soll ausgeschlossen werden