Ein Handbuch über Inklusion schafft selbst Barrieren III

Dass es auch anders geht, zeigt das Kapitel „Barrierefreie Kommunikation und Sprache“ von Carola Werning und Susanne Bömig. Es formuliert den schönen Grundsatz: „Barrierefreie Kommunikation bedeutet daher: Ich möchte, dass das, was ich mitteile, für alle zugänglich ist.“ … Dieser Beitrag kommt ohne Genderstern und Unterstrich aus und schreibt beispielsweise schlicht „Schülerinnen und Schüler“ (was man als unnötige Dopplung auch beanstanden kann, was hier aber durchaus Sinn ergeben kann, wenn man die Geschlechter hervorheben will). Das eigentliche Problem ist deshalb nicht, dass verschiedene Autoren unterschiedlich schreiben. Es ist der Zielkonflikt zwischen zwei Vorstellungen von Inklusion: Genderzeichen sollen sichtbar machen und die gewohnte Wahrnehmung von Personenbezeichnungen unterbrechen, barrierearme Sprache soll dagegen möglichst leicht, vertraut und störungsfrei verarbeitet werden können. Ob und wie stark Genderformen das Lesen tatsächlich erschweren, muss empirisch untersucht werden und lässt sich nicht für alle Leser pauschal beantworten. Doch gerade das fordert das Handbuch bei anderen sprachlichen Maßnahmen selbst. Die entscheidende Frage müsste deshalb lauten: Wie soll ausgerechnet die Schreibweise „blinde_r Nutzer_innen“ einem blinden Benutzer das Lesen erleichtern? Solange darauf keine überzeugende Antwort vorliegt, illustriert das Handbuch einen grundlegenden Widerspruch: Man kann sprachlich niemanden ausschließen wollen und dabei zugleich neue Barrieren schaffen.

Abb.: Inklusion geht anders