Der Tages-Anzeiger verspielt seinen guten Ruf

Der Tages-Anzeiger ist immer noch eine wichtige Stimme in der Schweiz und hat einen guten Ruf. Umgeben ist er von Simulationen und Parodien des Journalismus, von der Republik bis zur (ehemals soliden, heutzutage propagandistischen) Weltwoche. Umso wichtiger sind Korrektheit und Präzision im Formalen und Korrektheit im Inhaltlichen. Nicht alle Journalisten bzw. Titel- und Teaserproduzenten sind sich dieser Verantwortung bewusst. Die Onlineausgabe vom 25. September 2026 enthält einen Artikel mit dem Titel „In diesen Berufen gibt es in Zürich immer mehr Jobs“. Der Teaser lautet: „Die Stellensuche ist schwieriger geworden, aber längst nicht für alle. Unsere Auswertung zeigt, dass etwa Handwerkerinnen derzeit gesucht sind – im Gegensatz zu Softwareentwicklern und Anlageberatern.“ Wer im Deutschunterricht der Primarschule nicht durchgehend gepennt hat, weiß ganz genau, dass movierte Formen dieser Art ausschließlich weibliche Personen bezeichnen können. Nun trifft dies vermutlich auf die Verursacher nicht zu. Vermutlich will man hier die Leser erziehen oder eine moralische Position einnehmen, von der aus man auf sie herabblicken kann – aber tatsächlich werden Falschinformationen in die Welt gesetzt. Man hört regelrecht das Kichern der Verantwortlichen, weil es so viele Handwerkerinnen gar nicht geben dürfte (dafür ziemlich viele Anlageberaterinnen), und man spürt förmlich die pubertäre Freude daran, die Dinge auf den Kopf zu stellen. Damit verliert man aber Leser und Leserinnen, die zu Recht Korrektheit und Präzision von einer Tageszeitung erwarten, und man verliert an Glaubwürdigkeit. Das ist fatal gerade in diesen disruptiven und demokratiefeindlichen Zeiten.

Abb.: Der Tages-Anzeiger vom 25. September 2026