Können Maschinen kreativ sein?

Können Roboter und KI-Systeme kreativ sein? Seit dem Aufkommen generativer KI wird diese Frage intensiv diskutiert. Dabei geht es nicht nur darum, ob Maschinen Bilder, Texte oder Musik hervorbringen können. Es geht auch darum, was wir überhaupt unter Kreativität und Kunst verstehen und ob diese notwendig an Menschen gebunden ist. Die Biennale Arte 2026 hätte ein hervorragender Ort sein können, um sich in diese Diskussion einzumischen. Tatsächlich geschieht dies nur vereinzelt. Im chinesischen Pavillon schreibt der humanoide Roboter Astribot S1 im Stile des Kalligrafiemeisters Wang Dongling. Die Besucher können die Kunstwerke, wenn es welche sind, mit nach Hause nehmen. Zhang Zhoujie wiederum lässt Computer auf der Grundlage vorgegebener Regeln Formen für seine „digital chairs“ entwickeln. Der Designer versucht dabei, möglichst wenig Kontrolle auszuüben und dem Computer einen eigenen Gestaltungsspielraum zu überlassen. Im Venedig-Pavillon übersetzt „Echo/SommersiVo“ Erinnerungen und Eindrücke der Besucher mit Hilfe künstlicher Intelligenz in eine sich ständig verändernde Klang- und Bildwelt. Die Beteiligten sprechen ausdrücklich von einer Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI im kreativen Prozess. Das sind interessante Ansätze, die jedoch Ausnahmen bleiben. Ausgerechnet zu einer Zeit, in der generative KI unser Verständnis von Urheberschaft, Originalität und Kreativität herausfordert, macht die wichtigste internationale Ausstellung zeitgenössischer Kunst diese Entwicklung kaum zum Gegenstand. Die Biennale Arte 2026 hätte die Frage, ob Maschinen kreativ sein können, nicht beantworten müssen. Aber sie hätte sie stellen sollen.

Abb.: Astribot S1 bei der Arbeit

Ein Pavillon aus Postkarten

Die 61. Internationale Kunstausstellung La Biennale di Venezia, die Biennale Arte 2026, findet vom 9. Mai bis 22. November 2026 in den Giardini, im Arsenale und an weiteren Orten in Venedig statt. Im spanischen Pavillon in den Giardini zeigt der katalanische Künstler Oriol Vilanova unter dem Titel „Los restos“ eine ebenso einfache wie beeindruckende Installation. Die Wände der Ausstellungsräume sind vom Boden bis zur Decke mit rund 50.000 gebrauchten Bildpostkarten bedeckt, die Vilanova über mehr als zwei Jahrzehnte auf Flohmärkten und in Antiquariaten gesammelt hat. Aus der Entfernung verbinden sich die dicht angeordneten und nach chromatischen und thematischen Gesichtspunkten gruppierten Karten zu großen Farbfeldern, Mosaiken und Wellen. Aus der Nähe treten einzelne Motive hervor, Menschen und Tiere, aber auch Städte, Landschaften und Strände oder Sehenswürdigkeiten und Kunstwerke. Die Postkarten, einst verschickt, beschrieben, aufbewahrt und schließlich aussortiert, werden so zu Fragmenten eines kollektiven Gedächtnisses. Die von Carles Guerra kuratierte Installation verwandelt den Pavillon in ein Museum des Vergessenen und Übriggebliebenen und stellt Fragen nach Erinnerung und Verlust, Massentourismus und Bilderflut sowie danach, was von den unzähligen Bildern bleibt, mit denen Menschen ihre Welt festhalten und miteinander teilen.

Abb.: Ein Pavillon aus Postkarten

Venezianische Glocke mit lebendigem Schlegel

Die Biennale Arte 2026 findet vom 9. Mai bis 22. November 2026 in den Giardini, im Arsenale und an weiteren Orten in Venedig statt. Zu den kontrovers diskutierten Beiträgen gehört der österreichische Pavillon von Florentina Holzinger mit der Installation „Seaworld Venice“. Zu jeder vollen Stunde klettert eine nackte Performerin an einem Seil hoch in die Glocke, hängt anschließend kopfüber darin und wird so selbst zum lebendigen Schlegel. Zu sehen sind ihr Oberkörper und ihr Kopf. Es ist ein Verweis auf die historische Funktion venezianischer Kirchenglocken als Signalgeber für Gefahr, Hochwasser oder politische Ereignisse. Sicherlich ist es auch die weithin sichtbare Darstellerin, die die Scharen anlockt, und nicht nur die mediale Berichterstattung. Im Inneren des Pavillons setzt sich die Auseinandersetzung mit Wasser und Körper fort. In einem Schautauchbecken liegt eine nackte Performerin in aufbereitetem menschlichem Urin, der laufend von Besuchern in einem Dixi-Klo gespendet wird, während in einem gefluteten Ausstellungsraum eine nackte Performerin auf einem Jetski ihre Runden dreht, bis die Besucher nass werden von der Gischt. Trotz der auf Aktivismus gründenden und auf Effekt setzenden Elemente erreicht Holzingers Beitrag eine hohe künstlerische Qualität und zählt zu den Highlights der Biennale 2026.

Abb.: Die Performerin steigt in die Glocke