Der aufgesprühte QR-Code

Am 24. Oktober 2010 trat Oliver Bendel im Wittelsbacher Schloss in Friedberg beim „LITERATUR UPDATE BAYERN 2010“ auf. Michael Seefelder schrieb drei Tage später in der Augsburger Allgemeinen: „Der Wirtschaftsprofessor und freie Schriftsteller Oliver Bendel gilt in Europa als Pionier, was Handy-Haikus anbelangt. Im Friedberger Schloss lässt er am dritten Veranstaltungsabend die Grenzen zwischen den Medien verschwimmen. Der gedruckte Band, aus dem Bendel liest, enthält die Haikus in herkömmlichen Schriftzeichen und als QR-Codes. Diese Codes sind Informations-Speicher, die mit einem Scanner ausgelesen werden können. Parallel zum Textvortrag sprüht der Grafiker Christoph Knobel einen QR-Code auf eine Leinwand. Wird das Bild mit einem Handy gescannt, erscheint ein Haiku auf dem Display. Nicht immer sind Bendels Texte futuristisch. Neben Handygirl und Pixelboy, zwei Maschinenwesen, geht es auch um Homer, den griechischen Dichter der Odyssee.“ (Augsburger Allgemeine, 27. Oktober 2010) Eine Stunde dauerten Lesung und Performance. Dann konnten die Zuhörer und Zuschauer das Haiku auslesen und mit nach Hause nehmen. Das Buch „handyhaiku“ von Oliver Bendel war das erste weltweit, in dem Gedichte in QR-Codes untergebracht waren, nicht als Online-, sondern als Offlineanwendung. Die erste Auflage erschien 2010 im Hamburger Haiku Verlag.

Abb.: Oliver Bendel und der Sprayer von Friedberg im Jahre 2010

Eine erste Annäherung an die LinkedIn-Lyrik

„LinkedIn-Lyrik ist eine Form von Beiträgen auf LinkedIn, die ca. 2018 in Erscheinung getreten ist und seit ca. 2020 starke Verbreitung gefunden hat. Ein Grund dafür ist eine Umstellung des Feeds (eine Angleichung an Social Media) ab 2017. Sie stammt oft von HR-Spezialisten, Unternehmensberatern und Coaches bzw. Personen, die sich Keynote Speaker, Influencer oder Evangelist nennen.“ Mit diesen Worten beginnt ein Beitrag von Prof. Dr. Oliver Bendel, der am 25. August 2025 im Gabler Wirtschaftslexikon veröffentlicht wurde. Im zweiten Abschnitt werden Merkmale genannt: „Typisch für LinkedIn-Lyrik sind kurze, prägnante Sätze, zahlreiche Zeilenumbrüche und Stakkato-Stil. Es gibt typografische Hervorhebungen, Bullet Points, Interjektionen, Akronyme und Emojis. Schlagworte und Allgemeinplätze werden aneinandergereiht. Es herrscht ein moralischer oder appellativer Ton vor. Erzielt werden soll Emotionalisierung.“ Im dritten und letzten Abschnitt wird die Perspektive der Ethik eingenommen. Der vollständige Beitrag ist über wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/linkedin-lyrik-175668 abrufbar.

Abb.: Eine erste Annäherung an die LinkedIn-Lyrik

Ein GPT trägt Gedichte von Oliver Bendel vor

Am 19. Januar 2024 wurde ein GPT namens DER DICHTER erstellt. Es trägt Gedichte von Oliver Bendel vor und interpretiert sie auf Wunsch des Benutzers. Gefüttert wurde es mit mehreren Sammlungen, nämlich „Die Stadt aus den Augenwinkeln“ und „Die Astronautin“ sowie „Ein roter Splitter liegt im Gras“. Der erste Band war 2004 im Alkyon Verlag erschienen, fünf der Gedichte bereits 2003 in der legendären Literaturzeitschrift neue deutsche literatur (ndl). Der zweite Band wurde unter einer CC-Lizenz im Juli 2000 veröffentlicht. Drei Gedichte daraus sind in Kürze in dem Band „Tender Digitality“ – herausgegeben von Charlotte Axelsson – zu finden, wiederum in der Form von 3D-Codes. Die Gedichte des dritten Bands sind mehrheitlich unveröffentlicht und stammen aus den Jahren 2000 bis 2006. Bereits seit 12. November 2023 gibt es ein GPT namens Social Robotics Girl, das Informationen über Soziale Robotik liefert. Es speist sich aus einer Sammlung von Beiträgen von Oliver Bendel zu diesem Thema. Daher kann es etwa seine Definition sozialer Roboter nennen und Einteilungen anhand seines Fünf-Dimensionen-Modells vornehmen. Oliver Bendel veröffentlicht seit 40 Jahren Gedichte und trägt sie zu seltenen Gelegenheiten auch vor.

Abb.: Oliver Bendel bei einer seiner Lesungen im Jahre 1985 im Club Orange (Foto: SZ)

Ein locker geflochtener Zopf

Dass Roboter auch Gedichte vortragen können, zeigt ein Projekt von Oliver Bendel, gestartet im November 2016. Benutzt wurde für den ersten Versuch die Text-to-speech-Engine von IBM Watson. Diese kann im Prinzip für Vorlesesysteme, für Chatbots oder für Serviceroboter verwendet werden. Das Gedicht wurde mit Hilfe der Speech Synthesis Markup Language (SSML) angepasst, einer auf XML basierenden Auszeichnungssprache. Die deutsche Stimme „Birgit“ unterstützt diese teilweise. So konnte das Personalpronomen „sie“ an drei Stellen in der Aussprache etwas verlängert werden. Es wurden Pausen am Anfang eingebaut, damit der Titel und die Metainformationen (Autor, System, Stimme, Datum) nicht zu schnell nacheinander gesprochen werden, zudem Pausen zwischen den Strophen. Der Titel des Gedichts lautet „Ein locker geflochtener Zopf“. Es geht um eine Astronautin, die auf einem Planeten, der Atmosphäre besitzt, ihr Haar schüttelt. Ein Roboter ist bei ihr, ein eitler Geck, der sich am liebsten selbst betrachtet. Die Texte aus der Sammlung „Die Astronautin“ kreisen um eine Frau im besten Alter, die allein in den Tiefen des Alls unterwegs ist. Veröffentlicht wurde daraus bisher nur „Auf dem obersten Deck“, und zwar in der Anthologie „Worte reden, Worte schweigen“ von 2013. Das Gedicht kann hier im Format .ogg heruntergeladen und beispielsweise im VLC Media Player angehört werden. In weiteren Versuchen will der Autor die Stimme selbst verändern und die eine oder andere Passage anders betonen lassen.

Abb.: Die Astronautin in jungen Jahren mit einem nicht ganz so locker geflochtenen Zopf