Ein Rückblick auf die VDI-Zukunftskonferenz „Humanoide Roboter 2016“ zeigt, wie sich das Verständnis humanoider Robotik innerhalb von zehn Jahren verändert hat. Die Veranstaltung fand am 13. und 14. Dezember 2016 in Aschheim bei München statt. Konferenzleiter war Prof. Dr. Frank Kirchner vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). Im Mittelpunkt standen Maschinen, die dem Menschen in ihrem Aussehen, ihrem Aufbau oder ihrem Verhalten nachempfunden sind. Das Programm belegt dieses breite Verständnis eindrücklich. Behandelt wurden u.a. dynamisches zweibeiniges Laufen nach menschlichem Vorbild, Taktilsensorik für anthropomorphe Roboterhände, emotionsbasierte Mensch-Roboter-Interaktion und der anthropomorphe Roboterkopf Flobi. Auch der hominide Roboter Charlie, der sich an der Morphologie von Schimpansen orientierte, wurde vorgestellt. Weitere Beiträge beschäftigten sich mit humanoiden Robotern als Trainern für industrielle Montageprozesse und als Avataren für Rettungskräfte. Mit seinem Vortrag „Der LÜGENBOT als Umsetzung einer Münchhausen-Maschine“ brachte Prof. Dr. Oliver Bendel zudem die Maschinenethik ins Spiel, angewandt auf Chatbots. Insgesamt verdeutlicht das Programm, dass humanoide Robotik damals nicht auf bestimmte Einsatzgebiete oder universelle Fähigkeiten reduziert wurde. Entscheidend war vielmehr die Orientierung am Menschen, an seiner Gestalt, seiner Bewegung, seiner Wahrnehmung und seiner Interaktion. Heute wird der Begriff des humanoiden Roboters häufig im Zusammenhang mit Allzweckrobotern (General-Purpose Robots) verwendet, die möglichst viele unterschiedliche Aufgaben übernehmen sollen, vor allem in Industrie, Logistik und Haushalt. Damit verschiebt und verengt sich die Bedeutung: Die menschenähnliche Gestalt wird zunehmend als Mittel zur universellen Einsetzbarkeit verstanden, während die Nachbildung menschlichen Verhaltens und menschlicher Ausdrucksformen in den Hintergrund tritt. Der Rückblick auf die VDI-Zukunftskonferenz von 2016 erinnert daran, dass humanoide Robotik ein wesentlich breiteres Forschungs- und Entwicklungsfeld ist, als es die gegenwärtige Diskussion um Allzweckroboter vermuten lässt.
Abb.: Oliver Bendel mit Euclid (Foto: Nihan Karataş)
Die aktuelle Ausgabe der VDI nachrichten widmet sich Allzweckrobotern und anderen humanoiden Robotern. Dabei stehen weniger die Ankündigungen und Investitionen der Branche im Mittelpunkt als vielmehr die Voraussetzungen für die gesellschaftliche Akzeptanz solcher Maschinen. Der Schwerpunkt beleuchtet – so Martin Ciupek, Redakteur der Zeitschrift, auf LinkedIn – den Stand der Technik, die Herausforderungen auf dem Weg zu wirklich autonomen Systemen, aktuelle Trainingsmethoden für Roboter sowie die zugrunde liegenden IT- und KI-Architekturen. Für die Einordnung ethischer und gesellschaftlicher Aspekte wurde unter anderem der Technikphilosoph, Informations- und Maschinenethiker Oliver Bendel befragt. Die Beiträge zeigen, dass trotz großer Fortschritte und hoher Erwartungen noch wichtige technische, organisatorische und gesellschaftliche Fragen zu lösen sind, bevor Allzweckroboter und andere humanoide Roboter flächendeckend in Fabriken und im Haushalt bzw. Alltag eingesetzt werden können. Die gedruckte Ausgabe ist ab dem 13. Juni 2026 erhältlich. Die digitalen Beiträge erscheinen laufend auf www.vdi-nachrichten.com.
Im September 2021 haben sich mehrere deutschsprachige Medien für Liebespuppen und Sexroboter interessiert und Oliver Bendel zitiert. „Ob Sexroboter nützen oder schaden, ist umstritten“ – so die Sendung in WDR 5 Quarks am 3. September 2021. Annika Franck hatte dafür den Informations- und Maschinenethiker interviewt. Er plädiert für mehr empirische Forschung in diesem Zusammenhang, auch als Grundlage für ethische Überlegungen. „Sex mit der Maschine“ ist der Titel des Beitrags von Wolfgang Schmitz in den VDI nachrichten vom 23. September 2021. Es geht wiederum nicht um handliches Sexspielzeug, sondern um lebensgroße Figuren. Diese wecken gewisse Erwartungen, die sie wiederum auch enttäuschen, vor allem wenn man in der Liebespuppe oder dem Sexroboter menschliche Eigenschaften entdeckt, die sie oder er gar nicht hat. Letztlich handelt es sich – darauf muss immer wieder hingewiesen werden – um einseitige Beziehungen.
Abb.: Harmony im häuslichen Umfeld (Foto: Realbotix)
Roboter lieben Arbeit. Zumindest sind sie dafür gemacht. Sie unterstützen und ersetzen uns in der Arbeitswelt. In der Industrie, in Produktion und Logistik, sind neue Typen anzutreffen. Co-Robots nehmen uns anstrengende, gefährliche und langweilige Tätigkeiten ab. Sie kommen uns dabei sehr nahe, ganz anders als die alten Industrieroboter, die in den Käfigen sitzen. Serviceroboter verbreiten sich in allen möglichen Bereichen. Als Sicherheitsroboter, verbunden mit Systemen der Künstlichen Intelligenz (KI), überwachen sie das Betriebsgelände oder das Einkaufszentrum und melden Verdächtiges an eine Zentrale, als Pflege- und Therapieroboter kümmern sie sich zusammen mit Fachpersonal um Kranke und Alte. In all diesen Fällen sind noch Arbeitskräfte vorhanden. Aber das kann sich in Zukunft ändern. Die Liebe der Roboter zur Arbeit ist so groß, dass sie sie für sich haben wollen. Es stellen sich Fragen aus der Sicht der Ethik, mit Blick auf persönliche und informationelle Autonomie sowie auf Arbeitslosigkeit, und aus Politik und Gesellschaft erschallen Rufe nach einer Robotersteuer und nach einem bedingungslosen Grundeinkommen. Prof. Dr. Oliver Bendel stellt in seiner Keynote „Das automatische Verschwinden der menschlichen Arbeit“ im Stadthaus Ulm am 25. Oktober 2018 die Veränderungen in der Arbeitswelt durch Roboter und KI-Systeme vor und diskutiert sie aus unterschiedlichen Perspektiven. Weitere Informationen über www.vdi-ulm.de/schwerpunkte/forum-technik-und-gesellschaft/.
Abb.: Der Vortrag findet im Richard-Meier-Bau statt
Die 2. VDI-Konferenz „Humanoide Roboter“ am 5. und 6. Dezember 2017 beschäftigte sich wieder – wie die 1. VDI-Konferenz mit diesem Titel – mit „dem Menschen nachempfundenen Robotern“ (Website VDI). Am 6. Dezember 2017 sprach Prof. Dr. Oliver Bendel (Hochschule für Wirtschaft FHNW) über „SSML für humanoide Serviceroboter“. Es ging darum, wie man künstliche Stimmen so manipuliert, dass sie z.B. zu Informations- und Navigationsrobotern passen. Am Rande stellte er auch Fragen aus der Ethik heraus, etwa mit Blick auf die Stimmen von Pflegerobotern. Der Postprint kann hier heruntergeladen werden. Es folgte Dr.-Ing. Hendrik Wöhrle vom DFKI mit einem Vortrag über „Eingebettete Biosignalverarbeitung und integrierte Regelung eines Ganzkörper-Exoskelettes für die Neuro-Rehabilitation“. Der Moderator, Prof. Dr. Frank Kirchner vom DFKI, ging zusammen mit dem jungen Wissenschaftler auf Fragen aus dem Publikum ein. Prof. Dr. Elisabeth André (Universität Augsburg) referierte dann zur „Personalisierung der Mensch-Roboter-Interaktion durch sozialsensitives Lernen“. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz hatten sich an beiden Tagen interessiert an ethischen Fragestellungen gezeigt. Dem soll bei der nächsten Durchführung verstärkt Rechnung getragen werden.
Auch die 2. VDI-Konferenz „Humanoide Roboter“ beschäftigt sich mit „dem Menschen nachempfundenen Robotern“ (Website VDI). Zwar seien Roboter insbesondere in Bezug auf Wahrnehmung und Intelligenz „noch weit vom Menschen entfernt“, aber die Entwicklung von humanoiden Robotern werde „mit enormem Tempo vorangetrieben“. „Das Themenspektrum der Konferenz reicht dabei von Design und Gestaltung über die kognitive Planung bis hin zu Anwendungsbeispielen der Roboter.“ (Website VDI) Am 6. Dezember 2017 spricht Prof. Dr. Oliver Bendel (Hochschule für Wirtschaft FHNW) über die „Speech Synthesis Markup Language (SSML) für humanoide Serviceroboter“, Prof. Dr. Elisabeth André (Universität Augsburg) zur „Personalisierung der Mensch-Roboter-Interaktion durch sozialsensitives Lernen“, Prof. Dr. Sven Behnke (Universität Bonn) über „Humanoide Roboter für den Einsatz in menschenfeindlichen Umgebungen“. Die Konferenz findet vom 5. bis 6. Dezember 2017 in Aschheim bei München statt. Weitere Informationen über www.vdi-wissensforum.de/weiterbildung-automation/humanoide-roboter/.